Wall-Street-Fotografie Guck mal, die hat Krise im Gesicht

In der Ruhe liegt die Verzweiflung: Nach dem Finanz-Crash hat Reinier Gerritsen in der New Yorker U-Bahn-Station "Wall Street" Fahrgäste fotografiert, denen der Schock ins Gesicht geschrieben schien. Seine Bilderserie gibt intime Einblicke in den Alltag des Ausnahmezustands.

Reinier Gerritsen / Hatje Cantz

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Der junge Anzugträger mit dem etwas fusseligen Bart hat die Augen geschlossen, die linke Hand umfasst eine Haltestange. Aus seinem Ohr ringelt sich ein weißes iPod-Kabel, seine Haut ist bleich, er wirkt übernächtigt. Auch der Herr rechts von ihm scheint wenig geschlafen zu haben - Augenringe deuten es an. Am linken Bildrand steht ein Mann in schwarzer Lederjacke, er blickt mit verkniffenem Mund zu Boden, die Stirn ist gerunzelt. Ein shoegazer eben. Wo soll man auch sonst hinschauen in einem vollen Abteil?

Der niederländische Fotograf Reinier Gerritsen hat Passanten in der New Yorker U-Bahn porträtiert. Menschen am frühen Morgen, auf dem Weg zur Arbeit, müde und gedankenverloren; Gruppenporträts aus dem Alltag einer Weltmetropole. Menschen aller Ethnien und Altersklassen kommen auf den Bahnsteigen und in den Abteilen zusammen, der Zufall arrangiert sie zu kleinen Versammlungen.

Doch Ort und Zeit sind nicht zufällig. Die Bilder sind in der U-Bahn-Station Wall Street in Downtown Manhattan entstanden, kurz nach dem Ausbruch der weltweiten Finanzkrise. Der historische Moment nimmt der Mimik, den Blicken und den Haltungen der Porträtierten die Alltäglichkeit. Wer hier U-Bahn fährt, weiß: Ein paar Meter über der Erde ist gerade der Teufel los. Aktienkurse stürzen ab, Börsenhändler sind in Panik, das weltweite Finanzsystem steht vor dem Kollaps.

Charme des Ungestellten

Gerritsen folgt der Tradition von Walker Evans, der von 1938 bis 1941 Menschen in der Subway zwischen Bronx und Manhattan porträtiert hatte. Der berühmte New Yorker Straßenfotograf setzte auf den Charme des Ungestellten: Er versteckte seine Kamera im Mantel, fotografierte heimlich von der gegenüberliegenden Sitzreihe. "Den Einfachsten wie den Stärksten unter den Menschen hat die Erfahrung so gezeichnet, dass er Wunden und nackte Stellen zu verbergen hat - und er verfügt über Verstellungen, mit denen er sie verbirgt", schreibt der Filmkritiker und Autor James Agee im Vorwort des Buches "Many Are Called", das die U-Bahn-Porträts von Evans versammelt. "Es gibt nur wenige Momente im Laufe eines Lebens, in denen diese Masken fallen." Die Alltäglichkeit in den Waggons war für Evans die Gelegenheit, diese Momente einzufangen.

Auch Gerritsen hat sich auf diese Suche begeben, und sich dafür einer List bedient: Er fotografierte vom Bahnsteig aus und stets im gleichen Moment. Kurz vor dem Schließen der Waggontüren machte er in einer Schwenkbewegung eine kurze Abfolge von Aufnahmen und setzte diese später am Computer zu Bildern im extremen Querformat zusammen. Die Aufnahme kommt in einem Moment, in dem die Porträtierten auf die Abfahrt warten, in sich gekehrt. Posieren ist unmöglich. Wenn jemand in die Kamera blickt, dann in der ersten Zehntelsekunde der Überraschung, gerade aus der Kontemplation gerissen.

Schlipsträger in dichtgedrängter Anonymität

Gerritsens Porträt der Krise kommt ohne Schlüsselreize aus. Niemand vergräbt das Gesicht in den Händen oder rudert zwischen Flachbildschirmen aufgeregt mit den Armen, um die Talfahrt der Kurse zu bremsen. So werden die U-Bahn-Fotografien zu komplexen Suchbildern, in denen die Spuren des Zusammenbruchs frühestens auf den zweiten Blick zu finden sind.

Ist das shoegazing nicht doch ein Zeichen von Scham? Spiegelt sich in den glasigen Augen Müdigkeit oder Angst? Was regiert die Gedanken der Schlipsträger in der dichtgedrängten Anonymität? Schuld, Hilflosigkeit, Trotz? Wer überhaupt gehört hier zu denen, die gleich wieder in der Vorhölle des Spekulationschaos müssen? Und was denken die Anderen darüber, die Tätowierten, die Kids mit den Stachelfrisuren und den Andenwollmützen, der HipHopper mit dem glitzernden Modeschmuck, die ältere Dame in Pelzjacke?

Aus den zufälligen Begegnungen werden im Lichte des großen Crashs eigenartig unterkühlte Schicksalsgemeinschaften. Niemand lacht auf den Bildern, kaum jemand lächelt. Es wirkt, als hätte man sich nach unten geflüchtet, um kurz zu sich zu kommen. "Wall Street Stop" zeigt in den Tiefen der New Yorker U-Bahn die Alltäglichkeit des Ausnahmezustands. Unspektakulär und introvertiert. Wer sich darauf einlässt, findet eine komplexe Perspektive auf den großen Crash, die womöglich schwerer wiegt als mancher Leitartikel im Wirtschaftsteil.

Reinier Gerritsen: Wall Street Stop, Hatje Cantz Verlag. Katalog zur Ausstellung im Nederlands Fotomuseum, Rotterdam. Die Ausstellung läuft noch bis zum 12. September.



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Seite 1
mexi42 18.08.2010
1. So sehen ...
Zitat von sysopIn der Ruhe liegt die Verzweiflung: Nach dem Finanz-Crash hat Reinier Gerritsen in der New Yorker U-Bahn-Station "Wall Street" Fahrgäste fotografiert, denen der Schock ins Gesicht geschrieben schien. Seine Bilderserie gibt intime Einblicke in den Alltag des Ausnahmezustands. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,711031,00.html
auch deutsche Bürger drein, die soeben vernahmen, dass die Regierung KRANKENKASSENBEITRÄGE in UNBEGRENZTER HÖHE beschloss.
frubi 18.08.2010
2. .
Zitat von sysopIn der Ruhe liegt die Verzweiflung: Nach dem Finanz-Crash hat Reinier Gerritsen in der New Yorker U-Bahn-Station "Wall Street" Fahrgäste fotografiert, denen der Schock ins Gesicht geschrieben schien. Seine Bilderserie gibt intime Einblicke in den Alltag des Ausnahmezustands. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,711031,00.html
Bitte was? Wer will denn reiche Bonzen mit Trauermiene sehen? Ausnahmezustand nur weil das Geld nicht wie gewohnt fließt? Fragen Sie mal die Menschen in Haiti, im Swat-Tal oder in Indonesien (Tsunami) was die unter Ausnahmezustand verstehen. Die würden umgehend tauschen.
Stawrogin aus Berlin 18.08.2010
3. SPIEGEL sieht, was ich nicht sehe
Und das ist die Krise. Wenn ich mich zu Feierabend in die U- oder S-Bahn in Berlin stelle, sehen die Menschen nicht glücklicher aus.
GyrosPita 18.08.2010
4. Ich gebe keinen Titel mehr an
Zitat von mexi42auch deutsche Bürger drein, die soeben vernahmen, dass die Regierung KRANKENKASSENBEITRÄGE in UNBEGRENZTER HÖHE beschloss.
In der Tat, wenn das ein Beweis dafür sein soll, welch epische Krise (ich kann das Wort langsam nicht mehr hören oder lesen) in den letzten Jahren über uns hinweggewalzt ist, dann ist der Versuch komplett nach hinten losgegangen. Anhand der Fotos würde ich sagen das an dem Tag im Büro die Kaffeemaschine den Geist aufgegeben hat und noch keiner dazu gekommen ist, ne neue zu besorgen, mehr kann da nciht passiert sein..
Prima Volta 18.08.2010
5. Titel
Zitat von sysopIn der Ruhe liegt die Verzweiflung: Nach dem Finanz-Crash hat Reinier Gerritsen in der New Yorker U-Bahn-Station "Wall Street" Fahrgäste fotografiert, denen der Schock ins Gesicht geschrieben schien. Seine Bilderserie gibt intime Einblicke in den Alltag des Ausnahmezustands. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,711031,00.html
So ein Unsinn - die Fotos könnten zu jeder Zeit in den letzten Jahr(zehnt)en aufgenommen worden sein - es kommt doch nur darauf an, ob der Fotografierte in dem Moment lächelt oder nicht, in dem man auf den Auslöser drückt. So kann man zu jeder Zeit Euphorie oder Resignation "produzieren". Und wenn ich mir die Mienen der Gestalten morgens und abends hier in der Bahn angucke, dann müssten wir schon seit Ewigkeiten Weltwirtschaftskrise haben...
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