Walter Jens "Kennen Sie schon das Alte?"

Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE macht der Tübinger Essayist und Kritiker Walter Jens seine wachsende Skepsis gegenüber den modernen Medien deutlich: "Die Regenbogenpresse hat den Gesamtmarkt erobert".

Von Holger Kulick


Zeitkritiker Jens: "Bild und Kirch haben gesiegt"
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Zeitkritiker Jens: "Bild und Kirch haben gesiegt"

Fernsehen schaut er immer weniger, obwohl er früher zahllose Fernsehkritiken schrieb. "Mich interessieren weniger die Fakten, sondern die Faktoren, die Fakten bestimmen", sagt Walter Jens im SPIEGEL- ONLINE-Gespräch. Aber mit dieser Maxime helfe ihm das Fernsehen nicht mehr weiter, um Horizonte zu erweitern. E und U, Ernst und Unterhaltung, wären deckungsgleich geworden, "Bild und Kirch haben gesiegt, und smarte junge Leute, die uns, die wir noch ein wenig auf Moral setzen, als Gutmenschen beschimpfen, machen das mit".

Der 77-jährige profilierte Medien- und Zeitkritiker aus Tübingen wirkt resigniert. Jens gilt als Einmischer par excellence und als scharfzüngiger und präziser Analytiker. Die Zahl seiner Essays als "Radikaldemokrat" und Vorurteils-Bekämpfer ist kaum zu überschauen.

In der "Woche" kapituliert

Der Rhetorikprofessor schreibt aus Passion, aber auch an vielen Zeitungen findet er immer seltener Gefallen. Eben erst hat er vorläufig als Kolumnist der "Woche" seinen Hut genommen, weil der Redaktion seine positive Rezension eines Buchs des Politgrafikers Klaus Staeck nicht passte. Zunehmende Voreingenommenheit und Oberflächlichkeit vieler Medien regen ihn auf. Seriöses Recherchieren? Wo gebe es das noch, fragt er frustriert und beklagt die fehlende Selbstkritik der Medien.

Jens zur Fischer-Debatte: "Alte, aufgeputzte Ware"
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Jens zur Fischer-Debatte: "Alte, aufgeputzte Ware"

Fragen, wer stellt noch die richtigen Fragen? Auch das ärgert ihn. Beispiel die Berichterstattung über den prügelnden Joschka Fischer. "Alte, aufgeputzte Ware" ist das für ihn: "Es ist traurig, dass zu wenig gesagt wird: Freunde, das hatten wir. Und dass kaum jemand fragt: Worin unterscheidet sich der Fischer von damals vom Fischer des Kosovo-Kriegs, den die Begriffe wie Kollateral-Schaden am Menschenmaterial offenbar nicht störten."

Kopfschütteln über Scharping

Das Schicksal abgeschobener Asylanten oder die Frage nach einer "Leseecke" im immer bücherfeindlicheren Fernsehen interessiert ihn viel mehr als das "Gewäsch von Babs und Boris". Die Kurzlebigkeit und Kurzsichtigkeit der modernen Medien verdrießt ihn, und er führt Rudolf Scharpings Stellungswechsel als Beispiel an. Dieser hatte sich vor Jahren in Brandenburg auf die Seite einer Bürgerinitiative geschlagen, die jetzt mühselig vor Gericht die zivile Nutzung des riesigen Bombodroms "Freie Heide" erstritt.

Rote Armee und DDR-Volksarmee warfen dort früher ihre Übungsbomben ab, und die Bundeswehr möchte das seit der Wende ebenfalls - aber gegen den Willen der Bewohner und gegen den Willen des einstigen SPD-Kanzlerkandidaten Rudolf Scharping, der an ihrer Seite demonstrierte. Als Verteidigungsminister habe das Scharping nun anscheinend verdrängt und wehre sich gegen das Urteil, das dem Bürgerwillen Recht gibt. "Was ist mit diesem Mann passiert, heute so, gestern so?", fragt Jens und fährt fort: "Mich interessiert nicht, in welcher Manier Scharping Händchen hält, sondern warum er heute anders als gestern spricht - und wer fährt ihm dabei in die Parade?"

Weg vom Fenster?

Mehr Dispute müsse diese Gesellschaft führen, fordert Jens zudem, und zwar über Themen, die sie selbst betreffen, Sterbehilfe zum Beispiel. Dass ihn das Fernsehen als Denkanstoßgeber immer seltener fragt, stört ihn selbst weniger. Im Übrigen fände er den Satz "Der ist weg vom Fenster" ganz faszinierend. "Denn wer sagt, wo sich das Fenster befindet? Wer sagt, was der Herr da im Zimmer tut, vielleicht denkt er gegen den Strich, und das könnte heilsam sein?"

Weg vom Fenster? "Wer sagt, wo sich das Fenster befindet"
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Weg vom Fenster? "Wer sagt, wo sich das Fenster befindet"

Regelmäßig pendelt Walter Jens zwischen Tübingen und Berlin. In der Akademie der Künste, deren Ost- und Westhälften er nach der Wende als Präsident zusammenführte, hat der nimmermüde Diskutant eine Gästewohnung auf Lebenszeit. Dort führte SPIEGEL ONLINE zunächst dieses Gespräch mit ihm, aber beim Gegenlesen seiner Antworten war er unzufrieden mit sich selbst und bat darum, einen Essay zu schreiben, über die Medien und die 68er-Hysterie - als seine Premiere im Netz: "Frau von Kaschnitz und die Achtundsechziger".

Skepsis gegenüber dem Internet

"Ich fürchte, dort wird es noch schneller werden, noch kurzlebiger und knapper", argwöhnt der leidenschaftliche Skeptiker und empfiehlt, auch hier nicht immer nur nach dem Neuesten Ausschau zu halten, sondern Vergangenes und Gegenwärtiges mehr in Zweifel zu ziehen. Als Appell schließt Jens mit einer historischen Anekdote: Als Preußens König seinen Barbier fragte "Was gibt's Neues?", antwortete dieser: "Kennen Majestät denn schon das Alte?". Die Schlussfolgerung des Querdenkers Jens: "Auch wir kennen das Alte zu wenig, daher haben wir keine Chance, dem Neuen in adäquater Weise zu begegnen, so dass es uns überrollt."



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