Margarete Stokowski

S.P.O.N. - Oben und unten Wann ist ein Mann ein Lamm?

Haben die deutschen Männer verlernt zuzuschlagen? Wohl kaum. Die Debatte um diese Frage zeigt vielmehr: Es gibt sie immer noch, die stille Sehnsucht nach dem Wildschweinkönig.
Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof

Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof

Foto: Markus Boehm/ dpa

Wenn Menschen sich oder anderen Tiernamen geben, dann ist das etwas, das im Zweifel besser nicht an die Öffentlichkeit kommen sollte. Im besten Fall hat es einfach mit Liebe und Privatsphäre zu tun.

Man möchte vielleicht gar nicht wissen, mit wie vielen Mäuschens und Häschens man den Tag über zu tun hat, und am liebsten hätte man auch nie die Synapsen im Gehirn geknüpft, in denen auf ewig festgeschrieben ist, dass Adorno sich in den Briefen an seine Eltern "Nilpferdkönig Archibald" nannte, seine Mutter die "Wundernilstute Marinumba" und seinen Vater einen "Wildschweinkönig".

So weit, so albern. Wenn es aber nicht um Liebe und Intimität geht, wo Menschen mit Tiernamen versehen werden, dann geht es oft um Beleidigung oder um das große Ganze oder um beides zusammen. "Sind Männer nur noch Lämmer?", fragte der "Berliner Kurier" am Wochenende . Das ist natürlich gemein. Denn angenommen, es wäre so, dass Männer nur noch Lämmer wären, dann wäre das nicht nur ärgerlich für die Männer, sondern auch für die Frauen, die auf Männer stehen, denn die hätten dann womöglich abends einen stinkenden kleinen Paarhufer im Bett liegen. Eine Lose-lose-Situation.

Nun steht das Lamm aber nicht nur dafür, ein niedliches Etwas auf einer Weide zu sein, sondern auch für Jesus, beziehungsweise für Jesus am Kreuz, also für ein Opfer. Und spätestens da fragt man sich: Was ist da los? Was stimmt nicht mit den Männern?

"Berliner Gewaltforscher behauptet: Viele können ihre Frauen nicht mehr verteidigen." Das ist da los. So schreibt es jedenfalls der "Berliner Kurier", und es stimmt zumindest insofern, als ein Berliner Gewaltforscher tatsächlich etwas behauptet hat. Jörg Baberowski erklärte auf dem Philosophie-Festival Phil.Cologne, man habe an Silvester in Köln gesehen, "dass Männer in Deutschland gar nicht mehr wissen, wie man mit Gewalt umgeht - Gott sei Dank". Männer würden nämlich, wenn irgendwo die Situation eskaliert, einfach die Polizei rufen. (Wie so ein Lämmchen, oder wie man sich offenbar beim "Berliner Kurier" Lämmchen vorstellt.)

Was für ein Affront. Die "Hannoversche Allgemeine" fragte online : "Haben Männer das Prügeln verlernt?" Bei "Focus Online" wurde eine Umfrage gestartet : "Deutsche Männer können nicht mehr prügeln - das sagen Bürger zu dem Vorwurf." Und bei "Welt Online" gab es das passende Thinkpiece  mit der Frage: "Müssen Männer ihre Frauen mit der Faust verteidigen?"

"Männer sind Schweine" ist auch schon wieder 18 Jahre her

Komisch. Denn eigentlich hatte Baberowski vor allem gesagt: In Deutschland vertrauen Leute darauf, dass die Polizei solche Fälle regelt, und es war falsch, dass die Polizei nicht ausreichend präsent war, als die Gewalt in Köln eskalierte. Der Vorwurf ging also nicht an "die Männer", sondern an den Staat. "Diese Leute hätte man sofort ins Gefängnis bringen müssen", sagte Baberowski dazu, das hat er in einem Interview noch mal klargestellt , und das ist etwas, das die meisten Leute auch schon Anfang Januar unterschrieben hätten.

Natürlich kann man, wenn man will, daraus die Frage drehen, ob deutsche Männer "ihre Frauen" besser verteidigen müssen. Nur waren Männer, die auf Gewalt verzichtet haben, ja gar nicht das Problem von Köln. Das Problem waren Männer, die Frauen belästigt haben, also Gewalt angewendet haben. Und genau die Verknüpfung von Männlichkeit und Gewalt war es doch, von der es dann hieß, wir dürften sie uns nicht ins Land holen, oder?

Es gab sicherlich Zeiten, in der Gewalt das Mittel der Wahl war. Es gab ja auch Zeiten, in denen es nicht peinlich war, sich Heinrich der Löwe zu nennen oder Albrecht der Bär, aber da konnte man auch noch Leute besitzen, und das ist seit einer ganzen Weile vorbei. Oder?

Wie sehr ist bei uns Männlichkeit noch mit Gewalt verknüpft, wenn die Tatsache, dass die Polizei in Köln ganz offensichtlich versagt hat, Leute daran denken lässt, ob Männer "nur noch Lämmer" seien, obwohl sie doch eigentlich "ihre Frauen mit der Faust verteidigen" müssten? Ist das die stille Sehnsucht nach einem Wildschweinkönig? "Männer sind Schweine" ist auch schon wieder 18 Jahre her.

Man könnte ja mal in ein paar deutschen Frauenhäusern rumfragen, ob deutsche Männer inzwischen tatsächlich das Prügeln verlernt haben. Aber nein, wie fies, nicht wahr? Gucken wir lieber beim "Berliner Kurier", was die nun eigentlich zu der Sache sagen. Kurz "prügeln" in die Suche eingeben und - huch: "Massenschlägerei auf Malle: Deutsche(*) Suff-Urlauber prügeln sich mit Straßenhändlern". Na so was. Etwa 30 Männer, deutsche Urlauber gegen afrikanische Straßenhändler. Sie können es noch!

(*) Es hat sich herausgestellt, dass es sich bei den vermeintlich deutschen Urlaubern um eine Schweizer Hockeymannschaft handelte. Über den Zustand des deutschen Mannes wird SPIEGEL ONLINE Sie selbstverständlich auf dem Laufenden halten.

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