Warum Angeln? Die schönste Form des Scheiterns

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2. Teil: Wettkampffischer, Großwildjäger, Ästheten


Im Grunde steckt in jedem von uns dieser staunende Archetypus des Anglers, der Gelegenheitsangler. Der Gelegenheitsangler ist der liebenswert unverdorbene Angler, in dem die Sehnsucht wohnt, der noch nicht gelangweilt ist von einem Vier-Pfund-Hecht und deshalb auf die Malediven oder nach Mexiko fahren muss. Er kann nicht angeln, aber er macht seine Ahnungslosigkeit durch Elan und Begeisterung wett.

Die Gegenfigur zum Gelegenheitsangler ist der Wettkampffischer. Er versteht beim Angeln keinen Spaß, und Fische sind ihm nichts weiter als eine glitzernde Masse, von der er so viel wie möglich in seinen meterlangen Setzkescher stopfen will, die er dann zur Wiegestelle trägt, um sie hinterher wieder in den Fluss zu kippen. Der Wettkampffischer käme nie auf den Gedanken, einen seiner gefangenen Fische zu essen, was in den vergangenen Jahren auch besser so war, weil er meistens an Flüssen fischt, aus denen man besser keine Fische isst.

Der Primat des Leistungsgedankens verbindet den Wettkampffischer mit seinem Kollegen, dem industriellen Angler. Der industrielle Angler tritt in Rotten von vier bis sechs Mann auf und fährt einmal im Jahr mit einem Kleintransporter nach Norwegen. Er plant die Anreise dabei so, dass er noch am Abend des Anreisetages die erste Ausfahrt mit dem Boot machen kann, um keine Zeit zu verlieren. Man ist nicht zum Spaß hier, 40 Kilo Filet pro Kopf ist das Ziel.

Ohne größere Reisen kommt auch der Großwildjäger nicht an sein Ziel. Der Großwildjäger könnte zwar an seinem heimischen Baggersee einmal ausprobieren, was es bedeutet, an einer ganz feinen Schnur einen 15-Pfund-Karpfen davon abzubringen unter eine überhängende Weide zu flüchten und hätte dabei den größten Sport der Welt. Aber Fische, die ihn an Körperlänge nicht übertreffen, langweilen den Großwildjäger schon sehr lange. Für ihn fangen Fische bei zwei Metern Länge und 100 Kilo Lebendgewicht an.

Nur der Schönheit und nicht der Größe hat sich der Ästhet verschrieben. Der Ästhet schwingt seine Fliegenrute wie eine große Peitsche über dem Kopf, er hat ein Bastkörbchen an seiner rechten Hüfte hängen und ein Kescher aus Weidenholz schwimmt neben ihm an seiner linken Hüfte. Die Wathose ist aus dunkelgrünen Neopren, der Ästhet steht in einem reißenden Gebirgsbach unterhalb eines kleinen Wasserfalls, in seinem Blickfeld türmen sich die Dreitausender. 1500 Euro hat der Ästhet für die Tageskarte an diesem Bach bezahlt, dafür hat er sich verpflichtet, keine Widerhaken an seinen Fliegen zu verwenden. Der Ästhet stellt die Schönheit über den Erfolg, und deshalb hat er auch meist keinen.

Wir wollen ja aber auch im Grunde gar keine Fische fangen. Der Schriftsteller Paulus Hochgatterer hat in seinem Thriller "Eine kurze Geschichte vom Fliegenfischen" die Sache auf den Punkt gebracht. Auf Seite 69 unten findet sich die schöne Sentenz: "Den Iren kann man mit solchen Dingen begeistern. Eine Fliege, auf die garantiert kein Fisch beißt, an eine Stelle zu werfen, an der sich garantiert kein Fisch befindet. 'Das ist reine Kunst', sagt er dann, völlig losgelöst von irgendeinem Zweck.'"

Reine Kunst, völlig losgelöst von irgendeinem Zweck - das ist es.



insgesamt 41 Beiträge
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stefanaugsburg 27.09.2010
1. Interessant ...
Hallo Christoph, so lernt man Stück für Stück diverse Frezeitaktivitäten von Dir respektive Familie Sch. kennen - inklusive Angeln und W126 fahren, sehr interessant. Da ich lustigerweise ebenfalls diese Hobbies pflege, kann ich Deine Leidenschaften also nachvollziehen - voll und ganz. Und natürlich auch den entsprechenden Drang ihnen nachzugeben ! :-) Gruß aus der Heimat, Stefan N.
wanderprediger, 27.09.2010
2. Lieber lebendiges Supermodel statt toten Fisch
Zitat von sysopAngler haben Maden im Biofresh-Fach, kleiden sich wie Vogelscheuchen, stehen freiwillig um halb fünf auf. Seltsam. Warum stellen sich hierzulande drei Millionen Menschen ans Wasser, um fast nie einen Fisch zu fangen? Ein Erklärungsversuch von SPIEGEL-Autor Christoph Schwennicke. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,719407,00.html
Eine schöner Erklärungsversuch. Da bekommt man gleich wieder Lust, sich in seinen Geländewagen zu setzen und in die Natur zu fahren. Dorthin wo Klimahyteriker, Raucher und Gutmenschen nicht mehr hinkommen. Entspannt den Tag geniessen und sich auf seinen Fang freuen. Allerdings, folgendes halte ich für Anglerlatain: Einer britischen Umfrage zufolge haben zwei Drittel der befragten Angler auf die Frage, ob sie lieber einen großen Lachs an der Angel oder ein Supermodel im Bett hätten, sich für den Lachs entschieden.
WolArn 27.09.2010
3. Tiere quälen
Man stelle sich einfach mal vor, man wäre ein Fisch, und vor einem zappelt ein leckerer Wurm. Beißt man aber darein, hat man sich auch direkt einen Widerhaken in den Gaumen getrieben, an dem man dann mit aller Gewalt aus dem Wasser gezogen wird. :(
ernstjüngerfan 27.09.2010
4. Anglerglück
Zitat von wanderpredigerEine schöner Erklärungsversuch. Da bekommt man gleich wieder Lust, sich in seinen Geländewagen zu setzen und in die Natur zu fahren. Dorthin wo Klimahyteriker, Raucher und Gutmenschen nicht mehr hinkommen. Entspannt den Tag geniessen und sich auf seinen Fang freuen. Allerdings, folgendes halte ich für Anglerlatain: Einer britischen Umfrage zufolge haben zwei Drittel der befragten Angler auf die Frage, ob sie lieber einen großen Lachs an der Angel oder ein Supermodel im Bett hätten, sich für den Lachs entschieden.
Da haben die britischen Angler garnicht mal so Unrecht.Ein ordentlicher Lachs oder gar ein kapitaler Hecht ist sicherlicher schwerer zu schnappen als das, was sich heutzutage anmaßend als "Model" bezeichnet.
graf.koks 27.09.2010
5. Oh je, oh je....
Zitat von WolArnMan stelle sich einfach mal vor, man wäre ein Fisch, und vor einem zappelt ein leckerer Wurm. Beißt man aber darein, hat man sich auch direkt einen Widerhaken in den Gaumen getrieben, an dem man dann mit aller Gewalt aus dem Wasser gezogen wird. :(
Man stelle sich auch vor, eine Kuh oder ein Schwein zu sein... Selbst in diesem Thread muß man sich mit Leuten abgeben, die um ihr Tofu-Steak tanzen.
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