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27. September 2010, 16:05 Uhr

Warum Angeln?

Die schönste Form des Scheiterns

Angler haben Maden im Biofresh-Fach, kleiden sich wie Vogelscheuchen, stehen freiwillig um halb fünf auf. Seltsam. Warum stellen sich hierzulande drei Millionen Menschen ans Wasser, um fast nie einen Fisch zu fangen? Ein Erklärungsversuch von SPIEGEL-Redakteur Christoph Schwennicke.

Wir Angler haben ein Problem. Wir haben im Grunde sehr viele Probleme. Unser größtes Problem aber sind wir selbst. Angler sind, nun ja, nicht per se sexy. Die meisten Frauen haben ein Problem damit, dass jemand mit bloßen Händen einen Tauwurm oder einen Wattwurm auf einen Haken aufzieht und sie hinterher mit den gleichen Händen anfassen möchte, gewaschen hin oder her. Sie brauchen eine Weile, um zu begreifen, dass Hände, die ein 16er-Häkchen an eine 0,10er Schnur binden können, feinmotorische Fähigkeiten bieten, die auch bei anderen Gelegenheiten von Vorteil sein können.

Aber der Angler bleibt der Mann für den zweiten Blick, bestenfalls. Ich glaube, was den Frauen am Fischen missfällt, ist neben der einen oder anderen unappetitlichen Begleiterscheinung die Ungewissheit. Sie haben es gerne planbar. Angeln aber ist nicht planbar, sondern eine Tätigkeit mit tausend Unbekannten. Das fängt beim Einkauf an. Soll man nun etwas fürs Abendessen besorgen, oder kann man damit rechnen, dass es nach dem Angelausflug Fisch gibt?

Oder die Tagesplanung im Urlaub. Im Prinzip geht es nur um drei Stunden netto am Wasser, die wir uns ausbedingen. Aber diese drei Stunden bestimmen dann den Ablauf des ganzen Tages. Jetzt ist zu viel Wind, nachher ist Ebbe, und wenn Flut und Windstille wäre, wäre meine Frau am liebsten mit dem Auto in der nächsten Stadt.

So kommt es zu fundamentalen Wahrnehmungsunterschieden. "Den ganzen Urlaub geht es nur um dein Scheißangeln", sagt sie. "Jetzt bin ich einmal in diesem herrlichen Angelland und komme nie zum Angeln", denke ich mehr als ich es laut zu sagen wage. Das Schlimme ist: Wir haben beide recht.

Fleischmaden auf Wanderschaft

Oder die unterschiedlichen Vorstellungen davon, wofür ein Kühlschrank gut ist. Man weiß gar nicht mehr so recht, wie die angelnde Menschheit ein Leben ohne Biofresh-Zone bewältigt hat. Die Biofresh-Zone ist ein Wunder der Technik. Legt man etwa einen Salatkopf in dieses etwas über Null Grad kalte Fach im Kühlschrank, so scheint das Blattwerk mit jedem Tag, der vergeht, noch frischer und knackiger zu werden.

Aber seine ganze Klasse spielt das Biofresh-Fach erst bei Fleischmaden aus. Diese Maden, die aus Eiern schlüpfen, die Fliegen in Aas legen, sind ein unschlagbarer Köder für Weißfische, und die wiederum braucht der Raubfischangler, wenn er Hechten, Barschen oder Zandern nachstellen möchte. Früher, vor dem Biofresh-Fach dauerte es nur wenige Tage, bis sich die Maden in ihrem Sägemehl in der Plastikschale verpuppten und sich als Köder nicht mehr eigneten.

Meine Frau teilt grundsätzlich meine Begeisterung für das Biofresh-Fach, nicht aber als Frischhaltelager für Fleischmaden. Der ein oder andere Vorfall hat die Fronten etwas verhärten lassen. Man muss nämlich wissen, dass die Plastikschalen, in denen die Maden verkauft werden, nicht eben für die Ewigkeit gemacht sind. Als meine Frau das erste Mal die Maden auf Wanderschaft im Biofresh-Fach entdeckte, kühlte sich ihr Ton ungefähr auf die Temperatur jenes Faches ab.

Wir haben mit vielen Missverständnissen zu kämpfen. Die Leute glauben, wir angeln, um Fische zu fangen. Sie verstehen uns nicht. Sie haben gar nichts verstanden.

Ich jedenfalls will keine Fische fangen. Man stellt sich nicht stundenlang an einen Fluss, man übernachtet nicht tagelang an einem See, man kämpft nicht einen endlosen Tag auf See gegen den Brechreiz an, um Fische zu fangen. Man macht das, um meistens keine Fische zu fangen. Das ist der tiefere Sinn der Sache.

Meistens keine Fische zu fangen - darin liegt der Reiz, das höchste Glück, das nur noch vom Glück übertroffen wird, ab und zu mal einen Fisch zu fangen. Wer Fische nach Hause tragen will, geht zur Nordsee oder zu Reichelt um die Ecke. Zum Angeln aber geht der, der Fische nach Hause tragen möchte, nicht. Wir Fischer scheitern meistens, und wir scheitern gern. Im Fischen findet das Scheitern seinen höchsten Ausdruck. Denn nur wenn wir neunmal gescheitert sind, können wir einmal auch ein überglücklicher Mensch sein.

Dies soll der Versuch sein, zu erklären, warum hierzulande mehr als drei Millionen Männer an einem See oder einem Fluss stehen und Löcher in die Wasseroberfläche starren. Stundenlang, tagelang. Und warum das die übrigen 77 Millionen nicht verstehen. Wir müssen den anderen klar machen: Wir sind vielleicht ein bisschen verrückt, aber im Grunde sind wir ganz nett.

Das Problem beginnt bei der Anmutung. Unsereins steht manchmal in Kleidungsstücken am See oder am Fluss, bei denen andere zögern würden, sie in einen Altkleidercontainer zu werfen, weil auch Mitmenschen, die auf diese Spenden angewiesen sind, ein Recht auf einen Rest an Menschenwürde haben. So stehen wir dann da, gekleidet wie eine Vogelscheuche und auch ungefähr so lebendig, den Kopf tief zwischen den Schultern versenkt, die Kapuze eines alten Bundeswehrparkas über das Haupt gezogen, den Blick aufs Wasser geheftet.

Nur ganz Unerschrockene wagen die Frage:

"Na, beißt was?"

Eine nette Frage eigentlich, aber nur dann, wenn sie an ein normales Sozialwesen gerichtet wird, nicht an einen durchschnittlichen Angler. Der dreht sich um, blickt mürrisch und stößt im besten Fall eine einsilbige Ansammlung von Konsonanten aus, die sich wie "Mrrff" anhört und dem Knurren eines Rottweilers ähnelt. Wir sind schlechte Botschafter unserer Sache. Warum reichen wir dem kleinen Jungen nicht mal die Rute, dass er sie halten darf. Warum reden wir nicht flüssig und in Sätzen aus Subjekt-Prädikat-Objekt darüber, was so drin ist im See.

Es muss dringend was gegen diese interkulturelle Kluft getan werden. Normale Menschen müssen verstehen lernen, warum wir eine Party um zwölf verlassen, weil der Wetterwechsel für den nächsten Morgen um halb fünf am See gute Aussicht auf einen Fisch verspricht. Sie müssen verstehen lernen, warum es ein existenzielles Erlebnis ist, den Biss einer Schleie in klarem Wasser mitzuerleben, die in nervenzehrenden Runden um unseren Köder kreist, wieder und wieder, zweimal wegschwimmt, wiederkommt und den Cocktail aus Mais und Mistwurm dann doch endlich einsaugt, ganz langsam. Sie müssen verstehen lernen, warum Peter Ramsauer von der CSU die Politik im Grunde nur angelnd aushält und ein Mann wie Donald Klein aus Lambsheim einmal für seine Angelleidenschaft 15 Monate in einem iranischen Geheimdienstgefängnis verbracht hat und die Welt in Atem hielt.

Will nach allen Regeln der Kunst verführt werden, der Lachs

Man kann diese Erfahrung durch nichts ersetzen. Man kann nur bedingt beschreiben, was passiert, wenn sich die Pose zitternd in Bewegung setzt und langsam abtaucht, die Schnur in Ringen von der Rolle gezogen wird. Es ist ein Kick, der nur wenigem gleichkommt. Und das lange Warten auf diesen Moment macht ihn erst zu einem großen Moment. Man könnte auch in eine Forellenzucht gehen, auswerfen und postwendend den ersten Fisch anlanden. Aber das ist es nicht. Das Glücksgefühl, der Kick, stellt sich nur ein, wenn man vorher das lange Darben und Warten hinter sich gebracht hat. Das eine ist ohne das andere nicht zu haben. Es geht nicht anders. Das ist der Kick, das ist der Sex an der Sache.

Einer britischen Umfrage zufolge haben zwei Drittel der befragten Angler auf die Frage, ob sie lieber einen großen Lachs an der Angel oder ein Supermodel im Bett hätten, sich für den Lachs entschieden. So ein Lachs ist im Grunde auch viel erotischer als so ein makelloses Supermodel. Er hat eigentlich gar keine Lust auf etwas zu fressen, wenn er die Flüsse hinauf zieht und will nach allen Regeln der Kunst verführt werden, der Lachs, und hat er dann aber erstmal angebissen, dann geht es voll ab. Hinterher ist man völlig erschöpft, aber unendlich glücklich und befriedigt.

Natürlich kann ich mich an das erste Mal erinnern. Jeder Mann kann sich an das erste Mal erinnern. Das erste Mal, ich war gerade sieben geworden, tat ich es mit einer zart grünen Vollglassteckrute. Mein Vater hatte das an Jahren ehrwürdige Stück von einem Kollegen geschenkt bekommen. An dieser hellgrünen Rute ruckte und zuckte meine erste Forelle. Der besagte Kollege hatte meinem Vater erlaubt, an seiner Forellenstrecke zu fischen, und, wie es sich für einen siebenjährigen Jungen gehört, habe ich ihn bewundert, wie er den ersten Fisch fing. Den zweiten hat er generös mir überlassen.

Dieses Erlebnis hat mich nie wieder losgelassen.

Wettkampffischer, Großwildjäger, Ästheten

Im Grunde steckt in jedem von uns dieser staunende Archetypus des Anglers, der Gelegenheitsangler. Der Gelegenheitsangler ist der liebenswert unverdorbene Angler, in dem die Sehnsucht wohnt, der noch nicht gelangweilt ist von einem Vier-Pfund-Hecht und deshalb auf die Malediven oder nach Mexiko fahren muss. Er kann nicht angeln, aber er macht seine Ahnungslosigkeit durch Elan und Begeisterung wett.

Die Gegenfigur zum Gelegenheitsangler ist der Wettkampffischer. Er versteht beim Angeln keinen Spaß, und Fische sind ihm nichts weiter als eine glitzernde Masse, von der er so viel wie möglich in seinen meterlangen Setzkescher stopfen will, die er dann zur Wiegestelle trägt, um sie hinterher wieder in den Fluss zu kippen. Der Wettkampffischer käme nie auf den Gedanken, einen seiner gefangenen Fische zu essen, was in den vergangenen Jahren auch besser so war, weil er meistens an Flüssen fischt, aus denen man besser keine Fische isst.

Der Primat des Leistungsgedankens verbindet den Wettkampffischer mit seinem Kollegen, dem industriellen Angler. Der industrielle Angler tritt in Rotten von vier bis sechs Mann auf und fährt einmal im Jahr mit einem Kleintransporter nach Norwegen. Er plant die Anreise dabei so, dass er noch am Abend des Anreisetages die erste Ausfahrt mit dem Boot machen kann, um keine Zeit zu verlieren. Man ist nicht zum Spaß hier, 40 Kilo Filet pro Kopf ist das Ziel.

Ohne größere Reisen kommt auch der Großwildjäger nicht an sein Ziel. Der Großwildjäger könnte zwar an seinem heimischen Baggersee einmal ausprobieren, was es bedeutet, an einer ganz feinen Schnur einen 15-Pfund-Karpfen davon abzubringen unter eine überhängende Weide zu flüchten und hätte dabei den größten Sport der Welt. Aber Fische, die ihn an Körperlänge nicht übertreffen, langweilen den Großwildjäger schon sehr lange. Für ihn fangen Fische bei zwei Metern Länge und 100 Kilo Lebendgewicht an.

Nur der Schönheit und nicht der Größe hat sich der Ästhet verschrieben. Der Ästhet schwingt seine Fliegenrute wie eine große Peitsche über dem Kopf, er hat ein Bastkörbchen an seiner rechten Hüfte hängen und ein Kescher aus Weidenholz schwimmt neben ihm an seiner linken Hüfte. Die Wathose ist aus dunkelgrünen Neopren, der Ästhet steht in einem reißenden Gebirgsbach unterhalb eines kleinen Wasserfalls, in seinem Blickfeld türmen sich die Dreitausender. 1500 Euro hat der Ästhet für die Tageskarte an diesem Bach bezahlt, dafür hat er sich verpflichtet, keine Widerhaken an seinen Fliegen zu verwenden. Der Ästhet stellt die Schönheit über den Erfolg, und deshalb hat er auch meist keinen.

Wir wollen ja aber auch im Grunde gar keine Fische fangen. Der Schriftsteller Paulus Hochgatterer hat in seinem Thriller "Eine kurze Geschichte vom Fliegenfischen" die Sache auf den Punkt gebracht. Auf Seite 69 unten findet sich die schöne Sentenz: "Den Iren kann man mit solchen Dingen begeistern. Eine Fliege, auf die garantiert kein Fisch beißt, an eine Stelle zu werfen, an der sich garantiert kein Fisch befindet. 'Das ist reine Kunst', sagt er dann, völlig losgelöst von irgendeinem Zweck.'"

Reine Kunst, völlig losgelöst von irgendeinem Zweck - das ist es.

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