"Washington Post" "Wir müssen unsere journalistische Unabhängigkeit verteidigen"

Tracy Grant, leitende Redakteurin bei der "Washington Post", über die Unabhängigkeit der US-Medien im Wahlkampf und den journalistischen Einfluss des Amazon-Gründers und "Post"-Eigentümers Jeff Bezos.

Tracy Grant
Marvin Joseph, The Washington Post

Tracy Grant

Von "Manager Magazin"-Redakteur , Washington D.C.


Zur Person
    Tracy Grant, 52, begann ihre Karriere als Lokalredakteurin beim "Miami Herald". 1993 wechselte Grant zur "Washington Post", wo sie 2014 zum Deputy Managing Editor aufstieg. Grant ist bei der "Post" unter anderem für Neueinstellungen und andere Personalfragen verantwortlich. Ihr sind gut 700 Journalisten unterstellt.

manager-magazin.de: Mrs. Grant, die "Washington Post" hat kürzlich eine Wahlempfehlung für Hillary Clinton veröffentlicht. Darin stand, dass Clinton das Potenzial habe, "eine exzellente Präsidentin" zu sein. Andererseits heißt es in den offiziellen Ethik-Richtlinien Ihrer Zeitung, dass "wir jegliche aktive Einmischung in parteipolitische Angelegenheiten" vermeiden. Wie passt das zusammen?

Grant: Hier tritt eine Besonderheit US-amerikanischer Redaktionen zum Vorschein. Unsere Meinungsredakteure, die Kommentare oder eben Wahlempfehlungen schreiben, arbeiten separat von den Kollegen, die für Nachrichten zuständig sind. Wir nennen das "Chinesische Mauer". Als Donald Trump vor einigen Monaten die Kommentarredaktion besuchte, durften zum Beispiel nur Meinungsredakteure an dem Treffen teilnehmen, für alle anderen gab es lediglich ein Transkript des Gesprächs. Wir trennen beide Teams strikt voneinander.

mm.de: Das mag sein, aber viele Menschen außerhalb der Redaktion wissen das nicht. Die meisten denken: Das ist die Meinung der gesamten Zeitung.

Grant: Da haben Sie wahrscheinlich recht, aber diese Trennung ist dennoch sehr wichtig für unsere Berichterstattung. Als sich das Meinungsteam zum Beispiel in einem Kommentar dagegen aussprach, Edward Snowdens Gnadengesuch stattzugeben, vertrat der Newsroom, der einen Pulitzer-Preis für seine Snowden-Berichterstattung gewonnen hatte, die entgegengesetzte Meinung. Das zeigt, wie unabhängig beide Teile unserer Zeitung sind. Genau wie die Werbeabteilung, bei der wir ebenfalls keine Vermischung dulden.

mm.de: Die Meinungsredaktion der "Post" ist mit ihrer Empfehlung nicht allein. Fast alle größeren US-Medien haben sich für Hillary Clinton ausgesprochen. Man fragt sich, ob die Leser das nicht als langweilig oder sogar übergriffig empfinden. Warum sollten Zeitungen überhaupt Wahlempfehlungen abgeben?

Grant: Zeitungen haben in diesem Land schon immer Wahlempfehlungen ausgesprochen. Das sind Angebote, aber entscheiden müssen die Leser natürlich selbst. Wir glauben, dass wohl begründete Meinungsstücke zu einer guten Zeitung dazugehören.

mm.de: Außerhalb des Meinungsteams untersagt es die "Post" ihren Redakteuren, öffentlich politisch Position zu beziehen. Sie persönlich überwachen sogar die Tweets Ihrer Leute. Wo verläuft für Sie dabei die Grenze zwischen akzeptabel und problematisch?

Grant: Alles was analytisch ist, ist in Ordnung. Alles darüber hinaus nicht.

mm.de: Haben Sie ein Beispiel?

Grant: Einer unserer Reporter schrieb zum Beispiel während der ersten TV-Debatte zwischen Clinton und Trump, dass Trump, was das Thema Handel betrifft, an Boden zu gewinnen scheint. Das ist in Ordnung. Wenn ein Kollege Links zu kritischen Trump-Artikeln twittern und dazu schreiben würde, "Deshalb wähle ich Hillary", wäre das ein Riesenproblem.

mm.de: Würde er seinen Job verlieren?

Grant: Wir führen Personalgespräche mit Redakteuren, die in sozialen Medien ihre politische Meinung äußern. Wir erwarten von unseren Journalisten, dass sie sich professionell verhalten. Und ja, "Post"-Redakteure haben deshalb in der Vergangenheit schon ihren Job verloren. Vor einigen Jahren hat einer unserer Onlineredakteure auf einer Demo für das Recht auf Abtreibung ein Schild hochgehalten. Das Lokalfernsehen hatte ihn dabei zufällig gefilmt. Das war für uns ein Kündigungsgrund.

mm.de: Ganz schön hart. Leonard Downie, Ihr ehemaliger Chefredakteur, hörte sogar auf zu wählen, während er für die Politikberichterstattung verantwortlich war. Geht das nicht zu weit?

Grant: Leonards Gedanke war, dass er sich in seinen journalistischen Entscheidungen so wenig wie möglich von seinen eigenen Präferenzen beeinflussen lassen wollte. Das ist natürlich ein extremes Beispiel, das aber auch deutlich macht, wie wichtig der Wert der Unabhängigkeit im Journalismus ist.

mm.de: Andere US-Medien, wie die "Huffington Post", sind dafür bekannt, politisch eine entschiedene Meinung zu vertreten. In Deutschland gibt es mit der "Zeit" eine große Wochenzeitung, die lange einen ehemaligen SPD-Kanzler als Herausgeber hatte, SPIEGEL-Gründer Rudolf Augstein kandidierte einst für die FDP. Was halten Sie davon?

Grant: Ich halte das für falsch. Wir müssen unsere journalistische Unabhängigkeit rigoros verteidigen - auch um von außen als unabhängig wahrgenommen zu werden. Dabei darf es natürlich zu Konflikten zwischen Herausgeber, Reportern und Besitzer kommen. Aber unsere wichtigste Mission ist eindeutig: Die Fakten zu veröffentlichen, damit die Öffentlichkeit unabhängig entscheiden kann. Da ist schon der Anschein einer politischen Agenda schädlich.

mm.de: Medienunternehmen betonen gern Werte wie Transparenz und Unabhängigkeit. Auf der anderen Seite scheinen viele Bürger Zeitungen oder Fernsehsender als parteiisch wahrzunehmen. In den USA ist zum Beispiel ständig von einem angeblichen "liberal bias" der Medien die Rede, also einer Unausgewogenheit in der Berichterstattung, die linkeren Ideen zugutekommt. Ist echte Unabhängigkeit eine Illusion?

Grant: Wenn Sie sich die Gründe ansehen, weswegen junge Leute Journalist werden wollen, dann geht es dabei meist um Idealismus. Sie wollen zum Beispiel Unterdrückten eine Stimme verleihen oder die Regierung zur Rechenschaft ziehen. Das sind nun einmal "liberale" Werte. Idealistische Menschen werden also womöglich eher vom Journalismus als zum Beispiel von der Geschäftswelt angezogen. Das mag ein Grund sein. Andererseits sind etwa die Artikel meines Kollegen David Fahrenthold, der kürzlich Donald Trumps Sextape an die Öffentlichkeit brachte oder enthüllte, dass Trumps Stiftung nicht - wie von Trump behauptet - Millionen an Veteranen gespendet hat, weder liberal noch konservativ. Darin steht einfach, wie es ist.

mm.de: Letzte Woche sprach ich für eine Recherche mit einem Mitglied der Republikaner. Der Mann sagte zu mir: Sie sind von der "Post"? Dann ist ja klar, dass Sie gegen uns sind. Können Sie eine solche Haltung nachvollziehen?

Grant: Ich kann nachvollziehen, warum das aus seiner Sicht ein cleveres Argument war. Aber die Fakten sind die Fakten. Es ist einfach, die Schwäche des eigenen Kandidaten auf eine angebliche Voreingenommenheit der Medien zu schieben. Aber das entspricht nicht der Wahrheit. Nehmen Sie unsere Titelseite von Dienstag, auf der wir über Hillary Clintons E-Mail-Skandal berichten. In der Nachmittagskonferenz am Vortag hatten wir entschieden, dem Artikel einen prominenteren Platz einzuräumen als ursprünglich geplant. Uns lag das Thema am Herzen. Passt das zur Legende von der liberalen Medienelite? Charakter zeigt sich, wenn niemand zuschaut.

mm.de: Ende 2013 hat Amazon-Gründer Jeff Bezos, einer der reichsten Menschen der Welt, die "Post" für 250 Millionen Dollar übernommen. War das aus journalistischer Sicht ein guter Tag für Ihre Zeitung?

Grant: In der Geschichte des amerikanischen Journalismus ist es eher die Regel als die Ausnahme, dass reiche Unternehmer Zeitungen besitzen. Bezos hat sich bislang als würdiger Nachfolger der Graham-Familie erwiesen, der die "Post" zuvor über Jahrzehnte gehört hatte. Als unser Korrespondent in Iran zum Beispiel von der Teheraner Regierung festgehalten wurde, hat Bezos sich für ihn eingesetzt. Er lässt uns in der Berichterstattung alle Freiheiten. Auch im negativen Sinn. Unsere Wirtschaftsredakteure bekommen etwa weder Amazon-Exklusivnews durchgesteckt noch leichter ein Interview mit ihm.

mm.de: Wie hat Bezos die Berichterstattung der "Post" beeinflusst?

Grant: Wir konnten seit seinem Einstieg mehr Techniker und über 150 zusätzliche Journalisten einstellen. Vor allem unsere internationale Berichterstattung ist besser geworden. Wir waren eigentlich immer eine Lokalzeitung für Washington und Umgebung, in L.A. konnten Sie die "Post" nicht kaufen. Seit Bezos ist das anders, er will uns zu einer dominanten Kraft machen - national und international.

mm.de: Bezos gilt als Kontrollfreak. Wie nimmt er seine Rolle als Eigentümer wahr?

Grant: Er bleibt im Hintergrund. Viele Kollegen würden sich eine stärkere Präsenz von Bezos im Newsroom wünschen. Don Graham war dauernd hier, er kannte alle Redakteure beim Vornamen. Bezos hingegen lebt am anderen Ende des Landes und war bislang nur ein paar Mal in der Redaktion zu Besuch. Graham hat eine wohltätige Entscheidung getroffen, als er die "Post", diesen Schatz seiner Familie, verkauft hat. Er wusste, dass er nicht über die Mittel verfügt, um uns im Internetzeitalter weiterbringen zu können. Also hat er jemanden gefunden, der dazu in der Lage ist.

mm.de: Vielleicht war Graham auch bloß die Verluste leid. Wann haben Sie Bezos zuletzt gesprochen?

Grant: Vor zehn Monaten, als wir das neue Redaktionsgebäude eröffnet haben. Marty Baron, unser Chefredakteur, telefoniert zweimal im Monat mit Bezos. Bezos sagt ihm dann zum Beispiel, wenn er stolz auf eine Geschichte war.

mm.de: Das klingt ja kuschelig. Die "New York Times" veröffentlichte im Sommer 2015 einen langen Artikel, der sich kritisch mit den Arbeitsbedingungen bei Amazon auseinandersetzt. Es war zum Beispiel von Mitarbeitern die Rede, die weinend an ihren Schreibtischen sitzen.

Grant: So einen Artikel könnte man wahrscheinlich über jedes große Unternehmen schreiben. Ich finde, dass das dem Gesamtbild fast nie gerecht wird. Solche Geschichten kann man so oder so erzählen. Der Autor war übrigens ein ehemaliger Kollege von uns.

mm.de: Unabhängig vom Inhalt des "Times"-Artikels: Würde die "Post" heute noch ein Reporterteam auf Amazon ansetzen, um eine tiefgehende, kritische Geschichte zu recherchieren?

Grant: Wir berichten ebenso aggressiv über Amazon wie über Apple oder Uber. Als wir noch den Grahams gehörten, haben wir auch kritisch über ihre Familienangelegenheiten berichtet. Aber klar, Bezos geht nicht spurlos an uns vorbei. Jedes Mal, wenn wir über Amazon berichten, fügen wir jetzt den Hinweis ein, dass wir Jeff Bezos, dem Gründer von Amazon gehören.

mm.de: Wann können wir die nächste große Amazon-Story in der "Post" lesen?

Grant: Ohne einen konkreten, nachrichtlichen Anlass oder Hinweis würden wir wahrscheinlich keine große Amazon-Recherche starten. Andererseits berichten wir natürlich weiterhin über jeden Skandal, der bei Amazon passieren sollte. Wir würden das aggressiv tun - und ja, das wäre natürlich eine unangenehme Situation für uns. Wissen Sie, das Einzige, das wir als Zeitung besitzen, ist das Vertrauen der Leser in unsere Integrität. Wenn wir etwas unter den Teppich kehren würden, würden sie uns das nicht verzeihen. Für Marty Baron ist es die wichtigste Aufgabe des Journalismus, die Mächtigen zur Rechenschaft zu ziehen. Und dazu gehört auch Jeff Bezos.

Offenlegung: mm-Redakteur Philipp Alvares de Souza Soares arbeitet derzeit im Rahmen des Arthur-F.-Burns-Fellowships als Gastreporter bei der "Washington Post". Eine Vergütung durch die Zeitung ist dabei nicht vorgesehen.



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