WDR-Magazin "Echtzeit" Politik, die locker plumpst

Hoppla, jetzt kommt was Brisantes: Mit betonter Leichtigkeit versuchten die Macher des neuen WDR-Magazins "Echtzeit" gestern ein junges Publikum für politische Themen zu interessieren. Das TV-Experiment geriet weniger peinlich als erwartet.

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Links sein und reich sein – geht das? Gerald hat immer viel demonstriert, gegen Atomkraft, gegen Globalisierung, gegen allerlei Ungerechtigkeiten auf dieser Welt. Durch eine Erbschaft, "eine Immobilie und ein Batzen Geld", wurde er auf einmal schwer in seinem linksalternativen Selbstverständnis erschüttert. Ja, Wohlstand kann unangenehm sein. Lange war sich Gerald nicht ganz sicher, ob er das Vermögen einfach stillschweigend zu irgendeinem Finanzverwalter abschieben oder lieber gleich ganz schnell verschenken sollte. Bloß nicht die Hände schmutzig machen! Doch dann gründete er lieber eine Stiftung – die Menschen mit Weltverbesserungsdrang Möglichkeiten aufzeigt, ihr Geld auf politisch korrekte Weise anzulegen.

"Echtzeit"-Redakteure Mathias Werth (l.) und Eva Müller (5.v.l.): Es geht ums Menschliche
WDR/Maurer

"Echtzeit"-Redakteure Mathias Werth (l.) und Eva Müller (5.v.l.): Es geht ums Menschliche

Eine schöne und erhellende Geschichte war das, die da gestern im neu auf Sendung gegangenen Polit-Magazin "Echtzeit" erzählt wurde. Nicht nur, weil hier jemand seine Scham überwindet und ganz offen über Geld spricht, der in Geld eben die Ursache für all das Schlechte in der Welt sieht. Mit großer Leichtigkeit schob sich in dem Beitrag ein Thema in den Vordergrund, bei dem in den Talkshows normalerweise Köpfe heiß geredet werden: die Erbschaftssteuer. Die findet auch Gerald in Deutschland viel zu niedrig, gerne hätte er mehr abgegeben von seinem unverdienten Reichtum. In der überreizten Fiskaldebatte, die hierzulande immer mal wieder aufflammt, ist das ein ziemlich radikales Statement – das hier aber ganz ruhig ausgesprochen wurde.

Das ist das Bezeichnende an dem neuen Fernsehmagazin des WDR: Das Politische, hoppla, plumpst sanft und unverfänglich in die Beiträge. Und doch ist auf einmal da und kann nicht einfach weggedrückt werden. Ohne dass Experten Zahlenkolonnen aufsagen, Lobbyisten Statements abgeben, Politiker Mikros in Beschlag nehmen.

Möglicherweise ist das tatsächlich ein Weg, junge Leute für gesellschaftliche Zusammenhänge zu interessieren. Neue Altersgruppen täten diesem Fernsehsegment auf jeden Fall gut. Schließlich soll der Altersdurchschnitt bei Politmagazinen bei den öffentlich-rechtlichen Sendern inzwischen jenseits der 60 liegen; so zum Beispiel auch beim Klassiker "Monitor", in dessen Umfeld "Echtzeit" entwickelt wurde.

"Deutschlands Dönertütenkönig"

Man will die 25- bis 45-Jährigen ansprechen – und hat sich dafür einiges ausgedacht. Nicht alles funktioniert. Zum Beispiel wird gänzlich auf einen Moderator verzichtet, dafür stellen die Journalisten in einer simulierten Redaktionskonferenz ihre Themen selber vor. So schlüssig es erscheint, sich für das junge Gesellschaftsmagazin von alten Präsentationsformen zu lösen: Das ganze sieht ein bisschen so aus, als hätte sich ein Haufen Pädagogik-Erstsemestler in einen "Focus"-Fernsehspot geschmuggelt: Jawohl, hier gibt es geballte Betriebsamkeit im Dienste der Aufklärung. Wo die Burda-Kollegen allerdings mit gespieltem investigativen Elan die 100 schärfsten Steuertipps zusammentragen, da geht es bei "Echtzeit" eben ums Menschliche.

Dabei sprechen die Reportagen, von denen es in der halbstündigen Sendung jeweils vier gibt, durchaus für sich selbst. Um zu zeigen, wie das mit dem neu eingeführten Elterngeld funktionieren könnte, zeigte man gestern etwa einen lustig überforderten Vater dreier kleiner Kinder, der sich eine Auszeit genommen hat. Und um Hoffnung auf ein Leben nach Hartz-IV zu machen, wurde ein junger türkischer Grillfleischfan mit Skateboard und Käppi vorgestellt, der nach dem Verlust seines Arbeitsplatzes seine eigene "Food Folien GmbH" gründete. 12 Festangestellte hat der Mittzwanziger inzwischen, neun Millionen Verpackungen stellt er im Jahr her, gerade expandiert er Richtung Osten. Er selbst nennt sich fröhlich "Deutschlands Dönertütenkönig". Nur, dass bei dem ganzen Kebabverpackungsgeschäft einfach keine Zeit für die Familiengründung bleibt, stört den Individual-Industriellen.

Eine, die am Berufsstress beinahe zugrunde gegangen wäre, wurde indes gleich am Anfang der gestrigen Sendung vorgestellt: Da ging es um eine 25-Jährige, die am Burn-Out-Syndrom litt und im letzten Moment die Notbremse ziehen konnte. Nun sah man sie in einem Beitrag bei entspannender, naturverbundener Arbeit auf einem Bauernhof. Die Gesamtanmutung stellte also so ziemlich das Gegenteil von allen anderen Politmagazinen dar, die gelegentlich auch schon mal mit einer gewissen Hysterisierung des Publikums um Aufmerksamkeit buhlen. Bei "Echtzeit" aber hieß es zumindest für die erste Ausgabe: Bleibt locker, lasst euch nicht stressen!

Eine Quotenvorgabe soll es für das neue Format übrigens nicht geben. Glückliche Insel WDR.


"Echtzeit", montags 22.00 Uhr, WDR



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