Muslime und christliche Feste Bitte schickt mir Weihnachtskarten!

"Wintermarkt" statt "Weihnachtsmarkt", Festtagsgrüße statt Weihnachtswünsche - die einen wittern den Verfall christlicher Werte, die anderen wollen Rücksicht nehmen auf Minderheiten. Beides ist Quatsch.

Weihnachtskarten
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Zur Autorin
  • Thomas Lobenwein
    Ferda Ataman, Jahrgang 1979, ist Journalistin, Mitgründerin der "Neuen deutschen Medienmacher" und Sprecherin der "Neuen Deutschen Organisationen", einem Netzwerk von mehr als 100 Initiativen, die sich bundesweit für Vielfalt und gleichberechtigte Teilhabe einsetzen. Sie lebt in Berlin.

Ich bin in Nürnberg aufgewachsen, der Stadt des Christkindlmarkts. Ich hatte jedes Jahr einen Glühweinstand und einen Früchtebrot-Dealer meines Vertrauens. Ich liebe die Weihnachtszeit! Und ich wundere mich jedes Jahr, wenn im Dezember über den Niedergang des Abendlands geflucht wird, weil Muslime angeblich Weihnachten kaputtmachen.

Vielleicht kennen Sie ja eine dieser Aussagen:

  • Immer mehr Weihnachtsmärkte werden aus Rücksicht auf andere Kulturkreise in "Wintermarkt" umbenannt.
  • Muslime dürfen nicht "frohe Weihnachten" wünschen. Daher bringt man sie in Verlegenheit, wenn man es ihnen wünscht.
  • In Kitas und Schulen wird das Sankt-Martins-Fest aus Rücksichtnahme "Lichterfest" genannt.
  • Oder, mein Liebling: Die Grünen wollen den Weihnachtsbaum abschaffen.

Vermutlich wissen Sie, dass das alles völliger Quatsch ist. Falls nicht, sind Sie Falschinformationen, sogenannten Hoaxes, in den sozialen Medien auf den Leim gegangen, die sich in rasantem Tempo verbreiten.

Tatsache ist, dass in Deutschland seit vielen Jahren Unsicherheit herrscht, wie während der Weihnachtszeit mit religiösen Minderheiten umgegangen werden soll. Ich bekomme jedes Jahr "Frohe Festtags"-Wünsche und Neujahrsgrüße auf schönen, winterlichen Postkartenmotiven. Fast nie traut sich jemand, mir "fröhliche Weihnachten" zu wünschen. Dabei fühle ich mich davon überhaupt nicht gekränkt! Und seien Sie versichert, ich bin kein Einzelfall.

Fürs Protokoll: Es hat sich in Deutschland noch nie eine muslimische Organisation über christliche Feste, Grüße oder Weihnachtsmärkte beschwert. Dass Muslime empfindlich auf Weihnachtsbräuche reagieren, ist ein nerviger Mythos. Religiöse Gruppen schätzen es in der Regel, wenn religiöse Feste gefeiert werden - auch, wenn es nicht die eigenen sind. Gläubige sind solidarisch. Sogar Muslime. Shocking!

Wenn hier einer Druck macht, dann die selbst ernannten Retter des Abendlandes. Vor ein paar Jahren fielen sie über den "Wintermarkt" in Kreuzberg her, den sie als Kniefall vor muslimischen Befindlichkeiten sahen. Dieses Jahr regt sich die muslimenfeindliche - oder nur christenfreundliche? - Community über das "Lichterfest" in Elmshorn auf. Die Stadt in Schleswig-Holstein "scheint sich der zunehmenden Islamisierung willenlos zu beugen", schreibt eine rechte Facebook-Gruppe empört.

Der Mythos "Muslime als Weihnachtsverderber" hat sich durchgesetzt

Islamisierung? Ein längst so omnipräsenter Begriff, dass das Kopfkino zur Tatsache erklärt wird. "Ich habe Angst vor der Islamisierung Deutschlands" klingt fast so selbstverständlich wie "Angst vor Vergiftung durch Glyphosat" - wobei Ersteres offenbar viele Menschen umtreibt, Letzteres nicht.

Auch die Konzentration auf Muslime bei der Weihnachtskrux sagt viel über unsere schräge Wahrnehmung aus: Bei der letzten Volkszählung haben insgesamt 33 Prozent der Einwohner angegeben, keine Christen zu sein. Jeder Dritte also. Doch nur sechs Prozent der Bevölkerung sind laut Schätzungen muslimisch, also jeder Zwanzigste. Aber haben Sie schon mal gehört, "Wegen Atheisten, Juden, ... dürfen wir unsere Weihnachtsbräuche nicht mehr feiern"? Ich nicht. Der Mythos "Muslime als Weihnachtsverderber" hat sich durchgesetzt, die islamfeindliche Hetze ist ins kollektive Bewusstsein übergegangen.

Weihnachtsmarkt
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Dass viele verunsicherte Leute diese Krux mit anderen Verunsicherten diskutieren, also nur unter sich, ist Teil des Problems. Bitte fragt die Nichtchristen doch direkt, ob sie ein Problem mit Weihnachten haben, statt zu überlegen, mit welchen Festtagsfloskeln Völkerverständigungsprobleme vermieden werden können. Das gilt vor allem auch für meine Kollegen in der Regionalpresse: Wenn Lokalpolitiker und andere auf vermeintliche Gefühle Rücksicht nehmen wollen, lasst auch diejenigen zu Wort kommen, um die es geht. Rede, Gegenrede - das ist grundlegendes journalistisches Handwerkszeug. Und damit könnten wir uns vielleicht den einen oder anderen unchristlichen Shitstorm sparen.

Hier mein Appell für 2018:

Natürlich darf einem niemand verbieten, christliche Bräuche zu feiern. Aber es darf einem auch keiner vorschreiben, ein paar Buden mit Bratwurst, Bier und Lebkuchen "Weihnachtsmarkt" zu nennen. Macht euch bitte locker!

Und bitte schickt mir Weihnachtskarten! Wir Atheisten, Muslime, Juden usw. kommen damit klar. Ganz bestimmt. Einigen wir uns darauf, dass Glückwünsche jeder Religion ein Ausdruck der Wertschätzung und als solche willkommen sind. Machen wir es dem Christkind im Zeitalter der Globalisierung nicht schwerer, als es es sowieso schon hat.



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