Sibylle Berg

Egoismus und Weihnachten Die Liebe ist eine Erfindung des Kapitalismus, um Zeug zu verkaufen

Bloß nicht anstecken lassen von der Armut! Auch wenn die Menschen zu Weihnachten für ein paar Sekunden mal an andere denken - ihren Egoismus kriegen sie dauerhaft nicht überwunden.
Foto: NEIL HALL/EPA-EFE/REX

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Oder

Frohes Fest

In der Weihnachtszeit steigt der Wunsch nach Güte oft ins Uferlose. Millionäre verteilen Gänsebraten an Obdachlose. Menschen gehen in die Kirche und spenden fünf Euro für hungernde Kinder.

Einmal im Jahr glänzen sogenannte glänzende Kinderaugen, oder sie lachen, oder egal, dann ist die Sache gelaufen und die meisten Menschen kehren zu ihrer Werkeinstellung zurück. Egoismus.

Die Evolution. Muss ja. Fast jede von uns weiß, dass sie das Zentrum des Universums ist. Fast jede weiß, dass sie zu kurz kommt. Und erstaunlicherweise zieht sich die Gewissheit durch alle Einkommensschichten. Menschen über 1 Mio. Einkommen, Grenze nach oben offen, fühlen sich vom Staat betrogen, sie sind sich sicher, dass sie den Menschen genug zurückgeben, mit eventuellen Arbeitsplätzen und großzügigen Spenden an Schulen oder was auch immer. Sehr reiche Menschen gehen davon aus, dass jeder ein sehr reicher Mensch sein kann, wenn sie sich ein wenig anstrengt.

Sehr reiche Länder verhalten sich ähnlich. In der Schweiz kämpfen vornehmlich wohlhabende konservative Politikerinnen, die die Regierungsmehrheit haben, vehement für eine stufenweise Abschaffung der Sozialhilfe .

Das heißt eigentlich - sie wollen Menschen, die kein Bruttosozialprodukt schaffen, weghaben. Vergessend, dass in der Schweiz vor nicht allzu langer Zeit, viele der ärmsten Gebiete Europas zu finden waren. Menschen, die nach Amerika auswanderten, um nicht zu verhungern, ihre Kinder als Schornsteinreiniger verkauften, bis das Land entdeckte, dass sich mit dreckigem Geld aus aller Welt viel Geld machen ließ. Nur ein Beispiel.

Die verschwindende, abgehängte Mittelschicht demonstriert in vielen Ländern, mit oder ohne Westen gegen oder für Despoten, gegen miese Infrastruktur und gegen die Ungerechtigkeit im Allgemeinen. Im Vergleich zu den Leuten in Bangladesch oder Rumänien, die meist die Kleider der demonstrierenden Mitteleuropäer hergestellt haben, scheinen sie allerdings unermesslich reich. Ja, und? So ist das eben in der Welt.

Ignoranz und Verachtung

Man muss Glück haben mit seiner Geburt, Ort und Eltern müssen stimmen, das war schon immer so.

  • Menschen kämpfen für ein starkes Sozialsystem (aus dem sie noch ärmere Zuwanderinnen ausschließen wollen), solange sie glauben, es brauchen zu können. Solange sie schlechter bezahlte, unsicher scheinende Jobs haben, sind sie in Gewerkschaften, denken sozial, sind für hohe Steuern der Besserverdienenden.
  • Derselbe Mensch spricht, sollte er aus Versehen zu Geld kommen, meist sehr schnell von zu hohen Steuern für Reiche, er ist für eine Verschlankung des Staates. Deppen. Handeln nach Lage.

Die wenigsten lassen den Gedanken zu einem Gefühl werden, dass sich ihr Leben plötzlich ändern kann. Durch eine erneute Finanzkrise, einen Unfall, den Verlust des Jobs, einen Krieg - egal, daran denkt keine, aber Angst haben fast alle, vor dem Abstieg in eine Gruppe, der sie sich überlegen fühlen. Und die sie darum mit Ignoranz und Verachtung bestrafen. Sich nur nicht anstecken an der Armut, was auch immer das für jede meint.

Es hat sich im Denken der Mehrheit seit Feudalzeiten nicht viel verändert. Jede hat ihren Platz in der Gesellschaftsordnung, jede will mehr, nach oben, noch weiter, und um das zu erreichen, darf man nicht nach unten schauen, nicht zurückschauen, nicht denken. Die Unfähigkeit der meisten, Leute, die einem nicht in Einkommen und Gestalt ähneln, als Verwandte wahrzunehmen, ist der Hauptmotor des Kapitalismus, ist der Grund, warum das Leben aller immer anstrengender und kälter wird.

Aber mit Online-Shopping. Hurra. Weihnachten, das Fest der Liebe. Aber. Wir lieben einander nicht. Die Liebe ist eine Erfindung des Kapitalismus, um Zeug zu verkaufen.

Ein alter Satz ist fast aller Motto - Jeder stirbt für sich alleine - Und damit: ein schönes Fest.