Weihnachtsgeschenke Eine Axt für die Dame

Onlineshops empfehlen für Männer praktische Geschenke aus Holz und Leder - und für Frauen Sinnlos-Späße wie Parfüm: Zu Weihnachten regelt der Markt die Geschlechtertrennung auf einen prä-emanzipatorischen Stand runter.

Frau öffnet ein Paket - vielleicht ist darin ja eine Mini-Spaltaxt
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Frau öffnet ein Paket - vielleicht ist darin ja eine Mini-Spaltaxt

Eine Kolumne von


Man sagt ja immer, wenn man sich sehr viel vorgenommen hat, dann soll man immer schön eins nach dem anderen abarbeiten, aber für die Abschaffung von Patriarchat und Kapitalismus funktioniert das leider nicht. Beides muss zusammen weg. Onlineshopping von Weihnachtsgeschenken ist ein Phänomen, an dem man diesen Zusammenhang sehr gut erkennen kann.

Die meisten Shops, die eine Kategorie führen, die "Geschenke" heißt, teilen die Produkte darin nach Geschlechtern auf: "für sie" und "für ihn". Die Tendenz: Männer sollen praktische Dinge aus Holz, Stahl, Leder bekommen. Die dominierenden Farben sind Schwarz, Silber, Braun. Frauen bekommen hauptsächlich Dinge ohne praktischen Nutzen jenseits von Dekorationszwecken (Schmuck, Parfüm, "Wohnaccessoires" aus Glas und Federn) oder mit praktischem Nutzen für die von ihnen erwarteten Tätigkeiten (Haushaltsgegenstände, kosmetische Geräte). Die dominierenden Farben sind Pastelltöne und Glitzer.

Eine Auswahl. Ein bekanntes deutsches Versandhaus bietet unter "Geschenke für Damen": Ringe und Ohrringe, Schminke, Hausschuhe "im Einhornlook" (man hat dann jeweils ein Einhorn aus Plüsch am Fuß, sehr damenhaft). Für Herren: Whiskygläser, ein Bier plus Bierglas, eine Grillschürze "mit coolem Spruch" (der Spruch: "Chef am Grill. Bier bringen, Abflug!").

Ein anderes deutsches Unternehmen, das damit wirbt, "gute Dinge" zu verkaufen, bietet für Frauen unter anderem eine Tube Handcreme und eine besonders kleine Gartenschere. Für Männer - wie lustig ist das bitte - feste Handcreme (im Stück) und ein Spaltbeil. Ein englischer Shop bietet "for him": Sportschuhe, Lautsprecher, Flaschenöffner. "For her": Ohrringe, Blumentöpfe, ein Reisebügelgerät.

In der Männerabteilung für Weihnachtsgeschenke findet sich bei fast allen Shops, die ich durchgeklickt habe, ein "Multitool" mit diversen Messern, Schraubendrehern, Feilen. Bei Frauen ein Gerät mit brandneuer Enthaarungstechnologie. Würde man einem Mann alles aus der Männerkategorie kaufen, könnte er ein halbes Jahr in der Antarktis überleben und dabei die ganze Zeit besoffen sein. Würde eine Frau alles aus der Frauenabteilung bekommen, könnte sie eine Reihe aus Kuscheldecken einmal komplett um die Erde legen und sich professionell manikürt und wohlriechend darauf rekeln.

Produkte als Beweis für Männlichkeit

Natürlich kann man, wenn es nur ums Geld geht, sagen: "Aber wenn die Leute das so wollen, dann ist es doch okay, wenn Produkte nach Geschlecht unterteilt werden." Naja. Nur ist es eben so, dass der Markt nicht nur Bedürfnisse befriedigt, sondern auch welche schafft, was mindestens jeder weiß, der mal einem Kind grüne Pupsknete kaufen musste. Und wenn bestimmte Produkte als "männlich" oder "weiblich" gelten, dann ist das ein Problem. (Ich persönlich verstehe nicht, wie Leute ohne Schweizer Taschenmesser aka "Multitool" aus dem Haus gehen können, egal ob Männer oder Frauen, aber ich will die Grenze Journalismus/Werbung nicht überreizen.)

Patriarchat und Kapitalismus sind in diesem Sinne ein match made in heaven. Denn im Patriarchat gibt es ein Interesse daran, die Geschlechter möglichst sorgfältig zu trennen. Ordnung muss sein: Frauen, die irgendwie hart wirken, gelten als unweiblich, Männer mit Gefühlen sind eventuell schwul. Menschen, die sich nicht exakt als weiblich oder männlich einordnen lassen, machen diejenigen, die sich ans Raster halten, wahnsinnig. Und im Kapitalismus gibt es ein Interesse daran, Sehnsüchte an Produkte zu koppeln, die vermeintlich die eigene Identität aufwerten oder auch nur stabilisieren.

Je ausdifferenzierter die Produktpalette ist, desto besser, deswegen gibt es Gendermarketing: Wenn es von Produkten eine "männliche" und eine "weibliche" Version gibt, kann der Hersteller hoffen, insgesamt mehr zu verkaufen, als wenn es nur eine Unisexversion gibt.

Kein Make-up = keine Frau?

Was ist schlimm daran? Es ist - erst einmal allgemein - schlimm, wenn die Vorstellung von Geschlechtern sich mit bestimmten Eigenschaften verbindet, die VertreterInnen dieses Geschlechts aufweisen müssen, um als solche gesehen zu werden. Und zwar schlimm nicht nur im Sinne, dass es Leute nervt und man da als emanzipierte Person "drüber stehen muss", sondern vor allem schlimm in dem Sinne, dass Leute ganz grundlegend darunter leiden. Besonders absurd wird es, wenn das Benutzen bestimmter Produkte als Beweis gilt, dass man zu einer bestimmten Kategorie gehört.

Ein Beispiel: Die Autorin Felicia Ewert beschreibt in ihrem Buch "Trans. Frau. Sein. Aspekte geschlechtlicher Marginalisierung" den Prozess, den es brauchte, um dem Staat zu beweisen, dass sie eine Frau ist. Nun ist es so, dass sogenannte weibliche Attribute im Kapitalismus oft Dinge sind, die man kaufen kann beziehungsweise kaufen muss. Ewert schreibt, wie ihre Therapeutin, der Richter beim Amtsgericht und die beiden Gutachter, die prüfen sollten, ob sie es ernst meine mit ihrem Frausein, ihr alle unabhängig voneinander immer wieder eine Version der Frage stellten: "Können Sie mir versichern, dass Sie auch zu Hause und im Alltag so auftreten, wie Sie es jetzt hier vor mir tun?"

Sie berichtet dann von einem Gutachten, das detailliert aufzählt, wie sie geschminkt und frisiert ist - und von Untersuchungen, die zeigen, dass "nicht eindeutiges" Auftreten in diesen Gutachten, die nach dem sogenannten Transsexuellengesetz erstellt werden müssen, negativ bewertet wird. Als wäre eine Frau weniger eindeutig Frau, wenn sie zuhause kein Make-up benutzt. (Ich kenne nur sehr wenige Frauen, die das tun.)

"Der Weihnachtsmarkt regelt das", schrieb neulich ein lustiger User namens "brutalheim" auf Twitter. Der Onlineshopping-Markt zu Weihnachten regelt vor allem das: die Geschlechtertrennung wieder auf einen prä-empanzipatorischen Stand runterzuregeln - hier die Männer mit den Äxten, da die Frauen mit den glitzernden Plüschpantoffeln.

Man muss sich aber natürlich nicht daran halten. Man kann auch eine Spaltaxt für eine Frau kaufen und irgendwas, was nach Lavendel und Rosenblüten riecht, für einen Mann. Die unsichtbare Hand: Wir müssen sie selbst sein.

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noalk 03.12.2019
1. Das habe ich mich schon immer gefragt
Warum macht Kim Kardashian eigentlich keine Werbung für Werkzeug? Warum haben Schauspielerinnen anstatt einer eigenen Mode- oder Kosmetiklinie nicht eine eigene Biermarke?
f_bauer 03.12.2019
2. Das ist doch überall so
Als meine Tochter geboren wurde, nahm ich mir vor, sie nicht als typische pinke Prinzessin mit Schleife im Haar zu erziehen. Tja, Pustekuchen. Man kommt in den Babyfachhandel, und etwa 95% der Babykleidung teilt sich auf drei Farben auf: Blau, pink und urin/durchfall (also halt so ein komisches braungelb). Letzteres dann anscheinend für geschlechtlich Unentschlossene (was ich grundsätzlich ok finde, aber warum dann gerade so eine eklige Farbe?). Auf den blauen Sachen sind natürlich Roboter, Raketen, Autos und Dinosaurier drauf. Auf den rosa Sachen sind Blumen und Prinzessinnen. Bravo. Naja gut, also schaut man ganz hinten in den Regalen und findet mit viel Glück etwas hellgrünes mit einem Bär drauf. Ich hätte natürlich auch ganz rebellisch meiner Tochter einen blauen Body mit Feuerwehrauto kaufen können. Aber dann hätte ich mir beim Einkaufen von den allgegenwärtigen Omas dauernd "Ach was für ein schöner Buar!" anhören können. Wollte ich auch nicht. Interessante Neben-Anekdote zu den Omas. Ich stehe im Geschäft mit meiner Tochter im Kinderwagen und versuche an so einem Fotodruck-Terminal ein paar Fotoabzüge machen zu lassen. Eine Oma stellt sich neben mich und sagt: "Oh, ein hübscher Bub!" Ich entgegne genervt, durch geschlossene Zähne: "Mädchen." Antwort der Oma: "Oh, auch schön. Hauptsache gesund!" Wie auch immer, ich schweife ab. Fast-Forward fünf Jahre zum unausweichlichen McDonald's-Besuch: "Ich hätte gerne ein Happy Meal. Mit Cheeseburger. Ja, genau, und Apfelschorle. Super. Was für Spielzeuge gibt's da aktuell dazu?" Gegenfrage der McMitarbeitern: "Für Mädchen oder für Jungs?" Das sind die Momente, wo man immer mal wieder leicht ausrasten könnte. Tja, und dann natürlich die Schule. Wenn ein Kind Geburtstag hat, kriegt es von der Lehrerin ein Schild auf den Tisch gestellt. Ein pinkes für Mädchen, ein blaues für Jungs. Die Jungs müssen immer mal wieder Sonderaufgaben machen, weil "die Jungs" laut waren. Und so weiter. Da steht man dann als Mann, der versucht, modern und aufgeklärt das Patriarchat zu beerdigen, irgendwie ziemlich doof da.
Jor_El 03.12.2019
3. Dieser Kommentar ...
Diesen Kommentar sollte FrauStokowski in Frauenzeitschriften wie Brigitte u.Ä. publizieren.
Reg Schuh 03.12.2019
4. Tja, die Nachfrage macht´s
Die Nachfrage ist zu überwiegenden Teilen derart wie angeprangert. Mich erschreckt ziemlich oft, daß meine Studentinnen und Nichten nur selten sich dazu überreden lassen, einen Akkuschrauber anzufassen, trotz Ermutigung. Und die Kollegin, der ich auch Nachfrage geraten hatte, daß ihr Freund sich über Gewindeschneider freuen könnte, schenkt ihm auch lieber etwas für sich, nämlich ein Wellness-Wochenende. Ja, das Welness-Wochenende war etwas, was sie sich selbst gewünscht hatte. Gut, es hat einen gemeinschaftlichen Aspekt, und unglücklich war er wohl auch nicht darüber. Es bliebt aber dabei: Die "Geschenkehersteller" und die Werber haben erkannt, daß - im Durchschnitt - viele Männer lieber etwas praktisches mögen, und viele Frauen lieber etwas Hübsches. Wir Männer haben meist einen weniger umfangreichen Sinn für Ästhetik, wollen uns oft gar nicht weiter schick machen, oft zum Mißfallen der dazugehörigen Frauen, während die Frauen, die ich erlebt habe, durchaus viel Wert, mehr Wert auf die ästhetischen Aspekte, auf ihre eigene Sichtweise zur Asthetik gelegt hatten, als wir Männer auf unsere (die gibt es durchaus, aber praktisches ist uns meistens dann wichtiger), oft auch zum Mißfallen der dazugehörigen Männer. Der Kommerz bildet das ab und verstärkt natürlich auch gezielt dieses Verhalten ein wenig. Und woher kommt´s? Kulturell ererbt? Kindheitlich geprägt? Genetisch vorherbestimmt? Womöglich göttlicher Wille? Wieweit haben wir Menschen die Möglichkeit, uns selbst dafür zu entscheiden, sich als Frauen lederne Werkzeug-Gürtel zu wünschen, oder als Männer glitzernde Deko-Objekte? Letzten Endes hilft es allen Menschen, miteinander zu kommunizieren, was sie sich wünschen, und nicht stumpf der Werbung zu folgen. Und Vorsicht dabei: Wir Männer kommunizieren anders als Frauen, und wir sind meist im Nachteil, weil wir viele subtile Nuancen nicht verstehen.
Actionscript 03.12.2019
5. Es gibt fast nur Geschlechter Neutrale Geschenke....
..im Gegensatz zu früher, Computer, Smartphones, Tablets, Fahrräder, Tickets für irgendwas und selbst ein Fussball ist heute kein Geschenk mehr nur für einen Jungen. Schminke ist etwas, was Frauen sich selber kaufen und wo Männer sich besser raus halten. Parfüm? Benutzen Männer auch. Schmuck? Wie sieht es mit Armbanduhren besser noch eine Smartwatch aus. Und teuren Schmuck, wer hat schon das Geld dafür. Das "für ihn" und "für sie" ist doch bitte sehr wieder etwas aus dem vorigen Jahrhundert und hat keine Relevanz mehr oder nur für eine kleine Minderheit. Und der Pelzmantel, den kauft man schon aus Tierschutz Gründen nicht. Wenn sie Frau Stokowski, dieses Thema nicht hier aufgewärmt hätten, wäre es mir garnicht in den Sinn gekommen, dass es ganz früher mal so was gab.
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