Weinstein, Spacey und die Folgen Traumfabrik, aufgewacht

Ein schmutziges System beginnt, sich selbst zu reinigen: Die Konsequenz, mit der die Unterhaltungsindustrie ihre Weinsteins und Spaceys abräumt, ist gut. Auch für das Publikum könnte das ein unbequemer Weg werden.
Kevin Spacey in der Netflix-Serie "House of Cards"

Kevin Spacey in der Netflix-Serie "House of Cards"

Foto: dpa/ OBS/ SKY

"The show must go on" lautet ein bisher ehernes Gesetz der Entertainment-Branche: Das Spiel, auf Bühne, Leinwand oder TV-Bildschirm, muss weitergehen, koste es, was es wolle. Für einige mächtige Figuren dieser Industrie ist das Spiel jetzt aber vorerst aus. Erst musste der Filmproduzent Harvey Weinstein abtreten, dann der Amazon-Studios-Boss Roy Price und der Regisseur James Toback, es folgten öffentlichere Figuren: der Oscar-Preisträger Kevin Spacey und der Comedian Louis C.K.

Mit einer Konsequenz, die einige Kommentatoren überhastet oder unsolidarisch finden, werden diese Männer abgeräumt: Sie verlieren ihre Posten, ihre TV-Shows, sie werden aus ihrer Serie herausgeschrieben oder gleich aus einem ganzen Film getilgt: Regisseur und Produzent Ridley Scott lässt Spacey gerade aus seinem aktuellen Film "All the Money in the World" herausschneiden. Mit aufwendigen Nachdrehs wird er durch einen anderen Schauspieler ersetzt. Ein beispielloser Vorgang.

Weinstein, Spacey und die zahlreichen anderen Entertainment-Männer, die das US-Magazin "Consequence of Sound" auf einer ständig aktualisierten Liste verzeichnet , sollen "Abuser" sein, Missbraucher. Sie sollen ihre Macht, ihren Ruhm oder Einfluss ausgenutzt haben, um Untergebene und von ihrer Gunst Abhängige zu drangsalieren. Täglich dringen neue Anschuldigungen an die Öffentlichkeit. Die Betroffenen berichten, wie sie sexuell bedrängt, genötigt, herabgewürdigt, in einigen Fällen wohl sogar vergewaltigt wurden. Zum Teil, wie bei Spacey oder dem Bericht einer Praktikantin über Dustin Hoffmans sexuelle Anzüglichkeiten, sind die Vorfälle mehrere Jahrzehnte alt.

Wenn die Droge nicht mehr wirkt

Als hätte sich ein Ventil geöffnet, erzählen die Opfer erst jetzt, was ihnen angetan wurde. Weil sich der Zeitgeist geändert hat. Weil das Internet ihnen erlaubt, aus ihren einzelnen Stimmen einen solidarischen Chor zu machen, der nicht mehr so leicht einzuschüchtern und stumm zu schalten ist wie früher. Die Dynamik zwischen Enthüllung und Verfemung hat eine atemberaubende Rasanz angenommen, die auch beunruhigt. Von Hexenjagd und Vorverurteilung ist bereits die Rede, da Karrieren bereits negiert und vernichtet werden, bevor die Anschuldigungen vor Gericht geklärt werden können. Die Schriftstellerin Thea Dorn befürchtet  einen neuen "moralischen Totalitarismus" mit "hysterischen" und "bigotten" Reaktionen, die spießiger seien als in den Fünfziger- und Sechzigerjahren.

Jede Veränderung provoziert auch solches Unbehagen oder Abwehrreflexe, zumal wenn sie ein derart überforderndes Tempo wie die aktuelle Debatte um männlichen Sexismus und Machtmissbrauch in Hollywood aufnimmt. Es ist anstrengend, sich zu positionieren, sich eine Meinung zu bilden, wenn alles so unübersichtlich und volatil erscheint, gerade wenn ein System sich auflöst, das mit Träumen, moralischen Idealen und Eskapismus dealt: Es ist, als würden die Drogen plötzlich nicht mehr wirken - und ist gezwungen, sich damit zu befassen, wie schmutzig es hinter all dem schönen Schein ist.

Auch als Konsument hat man mit dieser Verkaterung zu kämpfen: Wer möchte nicht am liebsten weiter Francis Underwood bei seinen Niederträchtigkeiten in "House of Cards" zusehen und sich an seiner fiktiven, grandios gespielten Schlechtigkeit ergötzen? Die Erkenntnis, dass sein Darsteller Kevin Spacey auch in der Realität ein Ekel sein könnte, ist ernüchternd: Was für ein Spielverderber! Bleibt mir das Lachen im Halse stecken, wenn Louis C.K. einen anzüglichen Witz macht, weil ich vermuten muss, dass er sich seine notorischen Masturbationsszenerien nicht ausgedacht hat? Muss ich das alles wissen, will ich das wissen?

Faire Produktionsbedingungen - auch in der Kulturindustrie

Ja, natürlich. Denn in dem jetzt offenbar beginnenden Selbstreinigungsprozess der Entertainment-Branche liegt die große Chance, dem moralischen Reinheitsgebot, das vor allem viele Produktionen propagieren, auch hinter den Kulissen gerecht zu werden. Zum ersten Mal in ihrer fast 100-jährigen Geschichte werden Arbeitsbedingungen der sogenannten Traumfabrik nachhaltig transparent, die einst, in ihren "goldenen" Jahren, junge Frauen wie zu dauerstrahlenden blonden Bombshells formten und sie mit Drogen ruhigstellte, um dem lüsternen Männermarkt ein Sexsymbol zu designen. Heute berichten Schauspielerinnen wie Rose McGowan, wie ihnen geraten wurde, selbst in harmlosesten Komödien einen Push-up-BH zu tragen, um möglichst sexy zu wirken.

Objekte sollen sie nicht nur für und vor der Kamera sein, sondern auch dahinter: Die jungen Frauen (und Männer) sollen zusehen, wie unansehnliche ältere Typen vor ihnen duschen oder wichsen, sie sollen massieren oder mehr, möglichst universell gefügig sein. Und danach schweigen. Trotz Trauma funktionieren.

All das ist ein System aus Willkür, Missbrauch und Sexismus. Gewusst haben das alle schon immer - und irgendwie weitergemacht. Aber diesmal wird die Show gestoppt und das Licht geht an.

Als Publikum hat man nun die Wahl, auf sein Recht auf Naivität und Illusion zu pochen. Oder aber man gelangt am Ende eines sehr langen und sehr unbequemen Weges, der wahrscheinlich noch viele ehemals geliebte Stars auf der Strecke lässt, zu einem aufgeklärteren, wehrhafteren und bewussteren Kulturkonsum.

So wie man sich mit der Herkunft von Eiern, Fleisch und Milchprodukten im Supermarkt beschäftigt, mit fair gehandeltem Kaffee ebenso wie mit unwürdigen Bedingungen in der Kleidungs- oder Handyherstellung, so darf und muss man sich auch in der Unterhaltungsindustrie für die Würde und Nachhaltigkeit der Produktionsbedingungen interessieren. Und gegebenenfalls das Endprodukt boykottieren.

Firmen wie Netflix ("House of Cards"), FX ("Louie"), das Filmstudio Orchard, das den aktuellen Film mit Louis C.K. ("I Love You, Daddy") nicht veröffentlichen will, oder Ridley Scott handeln bereits, noch bevor der Konsument an der Kinokasse protestiert oder den Stream abschaltet. Das mag weniger moralisch als wirtschaftlich motiviert sein: Die Verluste, wenn der nächste Film oder die nächste Staffel floppt, will man nicht hinnehmen, vom Imageschaden ganz zu schweigen.

Trotzdem zeigt es einen Sinneswandel in der Branche, der ein letztlich progressives Signal sendet: So wie bisher geht diese Show nicht weiter. Die neuen Spielregeln werden jetzt verhandelt.

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