Margarete Stokowski

Vorm Weltfrauentag am 8. März Ist der Feminismus zu weit gegangen?

Wenn Frauen für ihre Rechte eintreten, wird ihnen schnell Männerhass vorgeworfen. Dabei ist genau diese Argumentation der beste Grund, warum Frauen noch viel lauter und wütender werden müssen.
Demonstration anlässlich des Internationalen Frauentags (Archivbild)

Demonstration anlässlich des Internationalen Frauentags (Archivbild)

Foto: Sergei Chuzavkov/ dpa

Hab gehört, der Feminismus sei zu weit gegangen. Interessant! Dass man das seit 200 Jahren ungeniert behaupten kann. Wie weit ist er denn inzwischen? Es ist manchmal schwer zu sehen, wie weit man ist, wenn man mittendrin steckt, und wenn nicht ganz klar ist, was der Vergleich ist.

Ich schreibe fast immer nachts, und die Kolumne eigentlich immer in der Nacht vor dem Morgen, an dem ich sie abgeben muss, und rechtfertige diese Kurzfristigkeit vor mir selbst und allen anderen damit, dass ja im Laufe des Montags noch etwas Wichtiges passieren könnte, das für meinen Themenbereich relevant ist. Ein Kollege hat sich mal darüber lustig gemacht, er meinte, haha, wie so eine Kriegsberichterstatterin, die genau sagen muss, an welchem Punkt steht JETZT GENAU die feministische Bewegung? Mit Breitengrad und Uhrzeit und so weiter.

Aber in der Woche vom Frauentag kann man schon mal fragen: Wo stehen wir denn gerade?

Komplett unklare Frage, leider. Es ist unklar, wer "wir" ist, es ist unklar, was "stehen" ist, wenn wir gar nicht stehenbleiben wollen, und es ist unklar, was "gerade" heißt, wenn bald Jens Spahn Gesundheitsminister wird. Kriege direkt das Gefühl, die nächsten dreieinhalb Jahre noch sehr aufmerksam verhüten zu müssen.

Pinkeln im Scheinwerferlicht

Doch was sind dreieinhalb Jahre. Vor 100 Jahren wurde in Deutschland das Frauenwahlrecht eingeführt. Im Vergleich dazu sind wir extrem viel weiter. Aber jede Veränderung wird von Panik begleitet. Manchmal ganz praktische Ängste. Es gibt ein Poster aus Amerika aus der Anti-Frauenrechts-Bewegung, darauf ist eine Hose abgebildet  und dazu die Frage: Was werden Männer tragen, wenn Frauen Hosen tragen? Ja, schlimm. Lieber nackt als in etwas, was dann als Frauenkleidung gelten könnte.

Aber die Angst ist nicht nur bei Männern groß. Bei der Recherche für einen Essay habe ich mir in der letzten Woche alle deutschen Talksendungen der vergangenen Monate zum Thema Sexismus angesehen, die ich gefunden habe. Es ist so ziemlich immer eine Frau eingeladen, die sagt, dass Frauen sich beim Thema Sexismus, Belästigung und Vergewaltigung zu dumm anstellen. Dass sie übertreiben und sich nicht hart genug wehren und dass sie zu lange darüber schweigen. Dass das Sexualstrafrecht heute ausreicht und Frauen bei Polizei und Gerichten eigentlich immer Gehör finden, wenn ihnen was passiert ist.

Diese Frauen sagen das, obwohl die Erzählungen Tausender Frauen und Verurteilungsraten dagegen sprechen. Sie fahren in eine Talksendung, setzen sich da hin, und pinkeln im Schweinwerferlicht einer riesigen Menge von Frauen ans Bein. Ich bin manchmal wütend auf Männer, die sich ekelhaft verhalten, aber genauso wütend bin ich auf diese Frauen, denn ich kann mich nicht entscheiden, wen ich schlimmer finde.

Ich habe hier mal über Sexismus von Frauen geschrieben. Soweit ich sehe, hat mir niemand danach vorgeworfen, ich würde Frauen hassen. Der Vorwurf des Männerhasses kommt hingegen immer noch schnell, wenn es zum Beispiel um sexualisierte Gewalt gegen Frauen geht. Das mit dem Männerhass ist nervig, weil es falsch ist, aber es ist auch interessant. Okay, nicht so interessant, weil: Man kennt es. Aber interessant in folgender Hinsicht: Denn wenn eine Gesellschaft - vereinfacht gesprochen - zum Nachteil von Frauen eingerichtet ist, dann wirkt vieles, was zur Gleichberechtigung getan wird, wie Männerhass. Grüße an die Frauenquote.

Feindselige Frauen

Gleichzeitig gibt es aber einen festgetretenen Bodensatz an Frauenhass, -verachtung, -beschuldigung oder ähnlichen Haltungen, die so alltäglich sind, dass sie auch aufgeklärten, offenen, intelligenten Leuten oft nicht auffallen. Frauenhass bleibt oft unentdeckt, während Männerhass schnell als Argument gegen Veränderung aufgebracht wird.

Als im Januar ein Student angeklagt wurde, seine Kommilitonin mit einem Jagdmesser ermordet zu haben, aus Frustration darüber, dass sie ihn abgelehnt habe, schrieb "Welt Online"  darüber: "Unerwiderte Liebe in Thüringen". Ich weiß natürlich aus der Ferne nicht, ob der Student alle Frauen gehasst hat, aber dass er diese Frau geliebt hat, davon würde ich mal nicht ausgehen.

Im Gegensatz dazu werden Wut und Zorn von Frauen oft besonders stark wahrgenommen. In der "New York Times"  hat Leslie Jamison neulich darüber geschrieben, dass sie früher nie wütend sein wollte, sondern lieber traurig oder melancholisch. Obwohl sie genug Gründe für Wut hatte. Sie zitiert verschiedene Studien zur Wahrnehmung von Wut bei Frauen. Sie werden eher "gehässig" oder "feindselig" genannt, während wütende Männer eher "stark" genannt werden. Eine andere Studie stellte fest, dass weibliche Gesichter, die Wut ausdrücken, als feindlicher bewertet werden als männliche. Vielleicht, als wenn "ihr Verstoß gegen gesellschaftliche Erwartungen ihren Zorn noch extremer scheinen lässt", schreibt Jaminson.

Ist der Feminismus zu weit gegangen? Natürlich! Es gehört zum Wesen des Feminismus, "zu weit zu gehen" für die aktuell geltenden Normen. Weil sich sonst nichts verändert. Als Frauen an die Unis wollten, hieß es irgendwann: Ja, sie können als Gasthörerinnen schon zuhören, aber müssen sie Abschlüsse machen? Wozu denn? Ja, nun, weil man einfach gerne zu Ende bringt, was man angefangen hat, und das gilt nicht zuletzt für Revolutionen.

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