Weltgeschichte des Protests Twitter und der Eros der Freiheit

Von Reinhard Mohr

3. Teil: Widerstandsform Puddingattentat


Die elektronischen Medien eröffneten einen ganz neuen Horizont: Massenkommunikation in Echtzeit. Ein ungeheurer Fortschritt kritischer Zeitzeugenschaft, zugleich ein dramatischer Wettlauf zwischen Wahrheit und Lüge, Aufklärung und Propaganda.

Niemand hat Radio und Film so perfekt missbraucht wie Joseph Goebbels. Doch als die Amerikaner 1945 den Deutschen zeigen wollten, was ihr geliebter "Führer" getan hatte, gab es kein besseres Mittel der schockhaften Aufklärung, als sie zu zwingen, die bewegten Bilder von den skelettierten Häftlingen und aufgetürmten Leichenhaufen in Konzentrationslagern wie Buchenwald, Dachau und Bergen-Belsen anzuschauen.

Gleichwohl reimte sich im gesamten 20. Jahrhundert "Massenmedium" auf "Manipulation", und es war Jürgen Habermas, der 1962 vom "Strukturwandel der Öffentlichkeit" sprach, von einer Entpolitisierung der Gesellschaft, in welcher der kritische Bürger zum Objekt des "politischen Marketing" der Parteien und Verbände degradiert werde: Konsument statt Citoyen.

Das ließen sich die 68er nicht zweimal sagen und begannen 1966/67, alles zu "politisieren". Bis heute können sie, trotz aller sonstigen Verirrungen, für sich beanspruchen, praktisch kein denkbares Kommunikationsmittel von Protest und Widerstand ausgelassen zu haben - vom "Puddingattentat" bis zur "Spaziergangsdemo", von der "Busenaktion" bis zur offenen Straßenschlacht, vom Teach-in zum Sit-in, von theoriesatten Endlosdiskussionen bis zum Kassiber im Hochsicherheitsgefängnis.

So ist es nur folgerichtig, dass unzählige 68er ihren festen Arbeitsplatz in den - bürgerlichen - Medien gefunden haben. Nur kurzzeitig haben sie sich von der schicken Simulationsthese des französischen Philosophen Jean Baudrillard aus den achtziger Jahren faszinieren lassen, in der das "Soziale als Simulacrum" erschien.

Schon die großen Montagsdemonstrationen in Leipzig und der Fall der Berliner Mauer vom 9. November 1989 erinnerten daran, dass es "soziale" Bedürfnisse der Massen gibt, die ganz greifbar, authentisch und geschichtsmächtig sind: den "Eros der Freiheit" (Ulrike Ackermann).

So sehr "Virtualisierung" und "Digitalisierung" des Protests vorangeschritten sind, so stark Globalisierung und Individualisierung in einander greifen - im Augenblick, da das Private doch wieder öffentlich, also politisch wird, ist es gehüpft wie getwittert, auf welchen technischen Wegen die Kommunikation läuft. Entscheidend ist der Wille zum Handeln. Wenn die "revolutionäre Situation", eingebildet oder tatsächlich, da ist, dann geht es ums Ganze.

Vor 42 Jahren, einen Tag, nachdem der Westberliner Polizist und Stasi-Agent Karl-Heinz Kurras den Studenten Benno Ohnesorg erschossen hatte, konstituierte sich ein "Öffentlichkeitsausschuss", der direkt auf dem Kurfürstendamm, mitten unter den Passanten, seine Arbeit aufnahm.

Auch wenn die Ereignisse so verschieden sind - die emphatische Schilderung des Schriftstellers Peter Mosler könnte aus Teheran im Juni 2009 stammen: "Es gab plötzlich eine für alle überraschende Kraft zu Begegnungen und Diskussionen. Studenten, die sich nicht kannten, richteten ohne Zögern das Wort an einander, in allen die glühende Wut gegen die Lügen der Zeitungen und die Verdrehungen des Senats... Das Gefühl großer Gemeinsamkeit und des Zusammenhalts schwappte auf alle über, es gab die Stimmung: Hic Rhodus, hic salta, jetzt springe ich!"



insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
rkinfo 21.06.2009
1. Die Iraner leiden seit Jahrzehnten ...
Zudem, der zukünftige atomare Holocaust ist ja sogar ideologische Linie der Regierung. Hier wird auch gegen radioaktiven Fallout über Nahost bis Südeuropa mit protestiert. Der Antrieb ist aber ein verbrauchtes Regieme diktatorischer Greise und rechtsradikaler Funktionäre. Das kann weder für Jugendliche noch deren Eltern eine akzeptable Lage sein. Über weiteres wie Zerfallserscheinungen im Land wissen wir wenig. Aber die DDR war auch bis Nov. 1989 eher schön lackiert als wirklich noch brauchbar für 'neue blühende Landschaften'. Der Iran wird ebenso gewaltige inner Probleme außer nur Freiheitsrechten haben. Wie im Ex-Ostblock auch sind gewaltige Umweltschäden und rücksichtslose Industrialisierung zu erwarten.
mavoe 21.06.2009
2. Luther
Zitat von sysopVom Trojanischen Pferd zu Twitter, von der heiligen Maschine Baudelaires zum Handyfoto: Die Geschichte des Protests wäre nichts ohne zeitgemäße Technik und Kommunikationsmittel - entscheidend aber, das zeigen die aktuellen Demonstrationen in Iran, ist der Wille zum Handeln. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,631440,00.html
Dies ist ja wirklich nicht neu. Ohne Buchdruck hätte es damals auch die Reformation, und damit der Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit so nicht gegeben. Ob Buchdruck damals oder Twitter/YouTube heute macht keinen essenziellen Unterschied. Nun wünsche ich dem Iranischen Volk eine glückliche Zukunft und rufe ihm zu: Khoda Hafiz
Putzer, 21.06.2009
3. Wo ist der Wille zum Handeln in Deutschland?
Können wir uns darüber freuen, dass die Iraner die Welt per Internet und Twitter darüber informieren, was in ihrem Land passiert, während wir in Deutschland damit begonnen haben, eine Infrastruktur für die Zensur des Internets aufzubauen? Wo ist der Wille zum Handeln in Deutschland geblieben?
kleinbürger 21.06.2009
4. totlaufen
leider habe ich die vermutung, dass sich der versuch den iran zu ändern totlaufen wird (ähnlich wie in burma). das volk ist gespalten und nicht wie weiland zu zeiten der französischen revolution in ein klares "wie hier unten ihr da oben" geteilt. im iran gibt es eine grosse anzahl menschen die den muslimischen glauben im herzen tragen und der führung des gottesstaates vertrauen. da von aussen keine hilfe zu erwarten ist - nehmen wir mal die worte der kanzlerin als in den wind geschossen - muss die protestbewegung ihren schwung behalten und ausweiten. dies ist jedoch angesichts der machtmittel des staatsapperates und dessen unterstützung durch immer noch weite teile der bevölkerung sehr fraglich. die mediale energieversorgung durch die verschiedenen medien wird nur kurzzeitig wirkung zeigen. die einzige hoffnung wird sein, dass es im machtgefüge des gottesstaates selbst zu knirschen und zu brechen beginnt - allerdings sieht es im monent noch nicht danach aus. zuviele menschen fühlen sich in der unfreiheit wohl ! das ist nichts neues und unsere eigene geschichte zeigt dies zur genüge.
mavoe 21.06.2009
5. Zensur
Zitat von PutzerKönnen wir uns darüber freuen, dass die Iraner die Welt per Internet und Twitter darüber informieren, was in ihrem Land passiert, während wir in Deutschland damit begonnen haben, eine Infrastruktur für die Zensur des Internets aufzubauen? Wo ist der Wille zum Handeln in Deutschland geblieben?
Der Wille zum Handeln würde sich etwas subtiler offenbaren, wann man sich grundlegende Computerkenntnisse verschafft, anstatt zu protestieren. Lassen wir die Politiker hier doch nur zensieren. Mit grundlegenden Computerkenntnissen kann man auch DNS-Server umgehen. So machen es die Iraner auch, weil sie ja nicht blöd sind. Jetzt sag ich hier aber nicht mehr, sonst werde ich vielleicht als "kriminell" stigmatisiert...
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