Weltgeschichte des Protests Twitter und der Eros der Freiheit

Vom Trojanischen Pferd zu Twitter, von der heiligen Maschine Baudelaires zum Handyfoto: Die Geschichte des Protests wäre nichts ohne zeitgemäße Technik und Kommunikationsmittel - entscheidend aber, das zeigen die aktuellen Demonstrationen in Iran, ist der Wille zum Handeln.

Von Reinhard Mohr


Was wäre wohl aus Troja geworden, wenn der "große Ajax", der stets neidisch war auf Odysseus' behende Listigkeit, rechtzeitig eine SMS an Kassandra geschickt hätte: "Helas! Odysseus, Idomeneus und die anderen haben sich in dem großen Holzpferd versteckt..."? Eine schöne, aber müßige Spekulation.

4000 Jahre später rufen die Menschen Abend für Abend "Allahu Akbar!" von den Dächern Teherans, "Gott ist groß!" Gleichzeitig halten sie die Szene mit ihren Handykameras fest und senden die Bilder über YouTube, Facebook, Flickr und andere Internet-Foren an der Zensur vorbei in die Welt.

Was auf den ersten Blick wie ein Widerspruch erscheinen mag, bezeugt in Wirklichkeit einen gewieften, des Odysseus würdigen Protest: Ausgerechnet mit der traditionellen islamischen Lobpreisung Gottes, dem Schlachtruf der iranischen Revolution von 1979 gegen das Schah-Regime, wenden sich die Demonstranten 30 Jahre danach gegen die autoritären Usurpatoren des Gottesstaates selbst.

So ist die Botschaft formal unangreifbar, politisch aber sehr wirkungsvoll. Ebenso gewitzt wie entschlossen signalisiert der Aufstand gegen das Mullah-Regime die ganze Dialektik zwischen Tradition und Moderne, Glaube und Aufklärung.

Die Mittel des Protests spiegeln zugleich den Zweck wider - die Befreiung der Gegenwart aus den Fesseln der Vergangenheit.

Doch alle Twitterei, aller kommunikationstechnische Erfindungsreichtum der jungen iranischen Generation wären vergebens, gäbe es da nicht jene historische Situation, die man durchaus (vor-)revolutionär nennen könnte. Wie in allen geschichtlichen Epochen zuvor sorgt selbst schreiendes Unrecht und grausame Unterdrückung allein eben nicht dafür, dass es zu Aufständen oder revolutionären Umwälzungen kommt. Burma, Nordkorea und Simbabwe zeugen davon.

Um die Volksmassen wirklich auf die Barrikaden zu treiben, braucht es neben den als elend, ungerecht oder aussichtslos empfundenen Lebensverhältnissen zumindest dreierlei: Ein klares Ziel, und sei es die unstillbare Sehnsucht nach Freiheit wie jetzt in Iran, einen konkreten Anlass aufwallender Empörung und das, was in Europa einst "Avantgarde" hieß, eine Kristallisationsfigur, eine Art Führung oder Projektionsfläche, die Orientierung und jedenfalls ein Mindestmaß an Organisation und Perspektive bietet.

Angesichts der bewaffneten Kräfte des Regimes - wie in Iran - mag selbst das noch nicht ausreichen. Doch hier kommt nun jene schwer erklärbare Magie ins Spiel, die dafür sorgt, dass die Menschen gleichsam über Nacht beginnen, ihre Angst zu verlieren, sich frei zu fühlen. Sie weichen nicht mehr zurück, sondern gehen nach vorne.

"Kritische Masse" - der Begriff kommt aus der Atomphysik, gilt aber auch für die Logik des Volksaufstands. Es ist immer wieder ein staunenswertes Wunder, dass millionenfache individuelle Empfindungen in einer einzigen historischen Stunde zu einem kollektiven Gedanken zusammenschießen: "Nun ist es genug!"

Die bloße Vermutung des Wahlbetrugs durch Präsident Mahmud Ahmadinedschad löste genau dieses Gefühl aus. Es war der Beginn einer Kettenreaktion als Folge einer klassischen Fehlkalkulation fanatisch blinder Herrschaft.

Als König Ludwig XVI. am 11. Juli 1789 seinen reformerischen Finanzminister Necker entließ, hatte er auch nicht den Schimmer einer Ahnung, dass drei Tage später, mit dem Sturm auf die Bastille, die französische Revolution beginnen sollte, die am Ende nicht nur seinen Kopf kostete.

Das ist Revolution: Plötzlich finden sich Hunderttausende, höchst unterschiedliche Individuen in einer Masse wieder, die wie aus einem Munde spricht. Das lateinische Wort "communicare" - teilen, mitteilen, teilnehmen lassen - weist den Weg. Es ist die Dynamik einer spontanen Kommunikation, die die Verwandlung der eben noch hilflosen Individuen zur ebenso mächtigen wie vielgesichtigen Masse vorantreibt.

In diesem Augenblick wird Kommunikation zur scharfen Waffe. Ihr Clou ist die Überrumplung der bestehenden Verhältnisse, die eigentlich wie betoniert erscheinen, für die Ewigkeit gemacht. Denn auch wenn sich die Machthaber stets auf den für sie gefährlichen Moment vorzubereiten suchen - vorstellen können sie ihn sich nicht. Einfach deshalb, weil sie sich wahre Freiheit, die immer die Freiheit der anderen ist, einfach nicht vorstellen können. Geheimnis und Gewalt, Intrige und Verschwörung - das ist ihre Welt. Nichts sonst.

So ist die revolutionäre Öffentlichkeit, die sich der großen Lüge entgegenstellt und schon darin einen ergreifenden Moment der Befreiung findet, der Todfeind ihrer Despotie. Zu allen Zeiten war deshalb die Forderung nach demokratischer Öffentlichkeit, nach Licht im Dunkel und Wahrheit statt Lüge, der Kern des politischen Protests: Information und Aufklärung. Sagen, was ist.

Dazu bedarf es freilich auch geeigneter Mittel.



insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
rkinfo 21.06.2009
1. Die Iraner leiden seit Jahrzehnten ...
Zudem, der zukünftige atomare Holocaust ist ja sogar ideologische Linie der Regierung. Hier wird auch gegen radioaktiven Fallout über Nahost bis Südeuropa mit protestiert. Der Antrieb ist aber ein verbrauchtes Regieme diktatorischer Greise und rechtsradikaler Funktionäre. Das kann weder für Jugendliche noch deren Eltern eine akzeptable Lage sein. Über weiteres wie Zerfallserscheinungen im Land wissen wir wenig. Aber die DDR war auch bis Nov. 1989 eher schön lackiert als wirklich noch brauchbar für 'neue blühende Landschaften'. Der Iran wird ebenso gewaltige inner Probleme außer nur Freiheitsrechten haben. Wie im Ex-Ostblock auch sind gewaltige Umweltschäden und rücksichtslose Industrialisierung zu erwarten.
mavoe 21.06.2009
2. Luther
Zitat von sysopVom Trojanischen Pferd zu Twitter, von der heiligen Maschine Baudelaires zum Handyfoto: Die Geschichte des Protests wäre nichts ohne zeitgemäße Technik und Kommunikationsmittel - entscheidend aber, das zeigen die aktuellen Demonstrationen in Iran, ist der Wille zum Handeln. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,631440,00.html
Dies ist ja wirklich nicht neu. Ohne Buchdruck hätte es damals auch die Reformation, und damit der Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit so nicht gegeben. Ob Buchdruck damals oder Twitter/YouTube heute macht keinen essenziellen Unterschied. Nun wünsche ich dem Iranischen Volk eine glückliche Zukunft und rufe ihm zu: Khoda Hafiz
Putzer, 21.06.2009
3. Wo ist der Wille zum Handeln in Deutschland?
Können wir uns darüber freuen, dass die Iraner die Welt per Internet und Twitter darüber informieren, was in ihrem Land passiert, während wir in Deutschland damit begonnen haben, eine Infrastruktur für die Zensur des Internets aufzubauen? Wo ist der Wille zum Handeln in Deutschland geblieben?
kleinbürger 21.06.2009
4. totlaufen
leider habe ich die vermutung, dass sich der versuch den iran zu ändern totlaufen wird (ähnlich wie in burma). das volk ist gespalten und nicht wie weiland zu zeiten der französischen revolution in ein klares "wie hier unten ihr da oben" geteilt. im iran gibt es eine grosse anzahl menschen die den muslimischen glauben im herzen tragen und der führung des gottesstaates vertrauen. da von aussen keine hilfe zu erwarten ist - nehmen wir mal die worte der kanzlerin als in den wind geschossen - muss die protestbewegung ihren schwung behalten und ausweiten. dies ist jedoch angesichts der machtmittel des staatsapperates und dessen unterstützung durch immer noch weite teile der bevölkerung sehr fraglich. die mediale energieversorgung durch die verschiedenen medien wird nur kurzzeitig wirkung zeigen. die einzige hoffnung wird sein, dass es im machtgefüge des gottesstaates selbst zu knirschen und zu brechen beginnt - allerdings sieht es im monent noch nicht danach aus. zuviele menschen fühlen sich in der unfreiheit wohl ! das ist nichts neues und unsere eigene geschichte zeigt dies zur genüge.
mavoe 21.06.2009
5. Zensur
Zitat von PutzerKönnen wir uns darüber freuen, dass die Iraner die Welt per Internet und Twitter darüber informieren, was in ihrem Land passiert, während wir in Deutschland damit begonnen haben, eine Infrastruktur für die Zensur des Internets aufzubauen? Wo ist der Wille zum Handeln in Deutschland geblieben?
Der Wille zum Handeln würde sich etwas subtiler offenbaren, wann man sich grundlegende Computerkenntnisse verschafft, anstatt zu protestieren. Lassen wir die Politiker hier doch nur zensieren. Mit grundlegenden Computerkenntnissen kann man auch DNS-Server umgehen. So machen es die Iraner auch, weil sie ja nicht blöd sind. Jetzt sag ich hier aber nicht mehr, sonst werde ich vielleicht als "kriminell" stigmatisiert...
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