"Weltspiegel" TV-Journalist Winfried Scharlau gestorben

Wenn sich am Sonntagabend nach der "Lindenstraße" die Weltkugel drehte, war es Zeit für Winfried Scharlau. Der langjährige Asien-Korrespondent und frühere SPIEGEL-Redakteur moderierte den "Weltspiegel" der ARD noch im Ruhestand. Jetzt ist Scharlau im Alter von 70 Jahren gestorben.


TV-Journalist Scharlau: Infiziert mit dem "Asien-Bazillus"
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TV-Journalist Scharlau: Infiziert mit dem "Asien-Bazillus"

Hamburg - Winfried Scharlau war als Chef des Hamburger NDR-Landesfunkhauses zwar schon im September 1998 ausgeschieden, den "Weltspiegel" hatte er aber auch danach noch bis Ende April 2000 weiter moderiert. Der promovierte Historiker und frühere ARD-Korrespondent in Südostasien und Washington beschäftigte sich auch im Ruhestand mit "seiner Region Asien".

Der ARD-Vorsitzende und NDR-Intendant Jobst Plog würdigte Scharlau heute als "ein Markenzeichen der ARD - ein unabhängiger Journalist aus Leidenschaft". Er sei "einer der profilierten ARD-Journalisten" gewesen, "der immer Fairness und Sachlichkeit verkörperte".

1964 fing Scharlau als redaktioneller Mitarbeiter beim Norddeutschen Rundfunk an. Schon bald darauf war er dort für die Magazine "Panorama" und "Weltspiegel" verantwortlich. 1967/1968 arbeitete er als Korrespondent in Südvietnam. 1968 ging er als Redakteur zum Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL. 1969 kehrte er zum NDR zurück, wo er bis 1973 den "Weltspiegel" moderierte.

Danach war er zunächst als ARD-Fernsehkorrespondent in Hongkong tätig. Scharlau löste dort Günter Müggenburg ab, der seinerseits als Nachfolger von Klaus Bölling in die USA ging. Während der Endphase des Vietnamkrieges sah sich Scharlau vielen bedrohlichen Situationen ausgesetzt. 1974 landete sein Hubschrauber auf einer Mine, 1975 startete er von dem bereits von nordvietnamesischen Truppen umzingelten Flughafen Saigon.

Ende 1977 beendete Scharlau vorerst seine Tätigkeit in Fernost und kehrte nach Hamburg zurück. Hier übernahm er ab Januar 1978 die Stelle des Chefredakteurs Fernsehen beim NDR. Doch schon 1982 zog es den Journalisten, der an sich selbst einmal den "Asien-Bazillus" diagnostizierte, wieder ins Ausland. Im September 1981 trat er den Posten des ARD-Fernsehkorrespondenten in Südostasien mit Sitz in Singapur an. Neben seinen Berichten über spektakuläre Ereignisse wie den Machtwechsel auf den Philippinen im Jahre 1986 wurden vor allem seine Reportagen über den Alltag der Menschen geschätzt. "Die Menschen beeindrucken mich immer wieder durch ihre Leistungs- und Leidensbereitschaft. Ich bewundere ihre sozialen Tugenden, die sie im Zusammenleben auf engstem Raum entfalten", sagte er einmal in einem Interview.

1987 gab Scharlau seinen Korrespondentenplatz in Singapur an Peter Gatter ab und kehrte in die NDR-Zentrale nach Hamburg zurück, wo er erneut die Moderation des "Weltspiegels" und die Leitung der "Weltspiegel"-Redaktion übernahm. Doch wieder hielt es ihn nicht lange auf dem Bürosessel: Schon im September 1991 ging Scharlau als Korrespondent und Nachfolger von Peter Staisch in die USA, wo er zusammen mit Wolf von Lojewski gleichberechtigter Leiter des ARD-Studios in Washington wurde.

1993 schließlich wurde Scharlau Direktor des NDR-Landesfunkhauses in Hamburg, dessen Leitung er von Gerhard Gründler übernahm. Fünf Jahre lang bestimmte er mit rund 100 Mitarbeitern die Geschicke der Hörfunk- und Fernsehprogramme. Anfang 1998 wurde er von Dagmar Reim abgelöst und verabschiedete sich in den Ruhestand.

Zuletzt war im NDR Scharlaus zweiteilige Dokumentation "Maos letzte Schlacht" über die chinesische Kulturrevolution zu sehen. Winfried Scharlau starb nach langer, schwerer Krankheit am Dienstag im Alter von 70 Jahren in Hamburg, wie der Norddeutsche Rundfunk (NDR) heute bestätigte.



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