Wende-Doku in der ARD Freiheit gewonnen, Familie verloren

Aufbruch, Umbruch, Abbruch: Die Dokumentation "Frohe Zukunft" zeigt, wie unterschiedlich sich der Mauerfall und der Systemwechsel 1989 auf Familien ausgewirkt hat. Was die einen zusammenschweißte, trieb die anderen auseinander.

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Dem einen brachte der Systemwechsel 1989 den Karriereschub, dem anderen die Arbeitslosigkeit. Oft tragen Wendegewinner und Wendeverlierer gar den gleichen Nachnamen - in diesem Fall den Namen Nicolas: Während Frau Nicolas nach der Wiedervereinigung relativ schnell bei der Stadtverwaltung von Halle aufstieg, stand Herr Nicolas beruflich vor dem Aus.



"Ich war so eine Angst-Chefin", sagt die Frau rückblickend. Unnachgiebig krempelte sie ihre Abteilung um, den meisten Mitarbeitern war sie ein Graus. Auch der Mann zu Hause duckte sich vor ihr weg. Berufliche Erfüllung und Ehrgeiz auf der einen Seite, Identitätsverlust und Scham auf der anderen - das war keine gesunde Mischung. Die Beziehung war eigentlich schon tot, da bauten Herr und Frau Nicolas noch ein stattliches Eigenheim. "Nebenbei floss der Alkohol."

Die Ehe war auf diese Weise nicht zu retten. Heute arbeitet er im fernen München als Hausmeister, während sie als relativ hohes Tier in Halle die Geschicke der Stadt lenkt. War die Wende für die beiden nun ein Fluch oder ein Segen?

In der ARD-Dokumentation "Frohe Zukunft" wird auf billige Antworten verzichtet. Stattdessen zeigt Filmemacherin Bianca Bodau anhand dreier Familien die privaten Nebenwirkungen auf, die der große Zeitenumbruch 1989 mit sich brachte. Vielleicht wuchs damals in Deutschland zusammen, was schon immer zusammengehörte. Da wurde aber eben auch viel auseinandergerissen.

Geschichte persönlich nehmen

Bodau hat durchaus einen persönlichen Zugang zu ihrem Thema. Sie selbst, so stellt sie dem 90-Minüter in einem Prolog voraus, stammt aus Lichtenhagen; ihre Eltern wurden von der Wende aus ihrem überschaubaren Leben gerissen. Berufliche Neuanfänge scheiterten, die Mutter begann mit einem anderen Mann ein neues Leben, während der Vater sich zu Tode soff.

Das Mitleid der Tochter, damals Soziologiestudentin an der Humboldt-Universität, hielt sich in Grenzen: Die Eltern hätten doch die Möglichkeit gehabt, das alte schlechte System hinter sich zu lassen und es gegen etwas gutes Neues einzutauschen. Eine historische Chance sozusagen.

Doch gerade die Männer, so zeigt sich in Bodaus Umbruchsstudie, tun sich schwer mit solchen Chancen. Der Zug der Geschichte rollt, die Kerle springen vielleicht besonders wagemutig auf - fallen dann aber auch umso schmerzhafter wieder herunter.

Manns genug für die Wende?

So war es jedenfalls bei Klaus Ditze, der kurz vor der Wende zum ökonomischen Direktor des Holzverarbeitungskombinats Halberstadt aufgestiegen war. Bald hatte er alle Hände voll zu tun - er sollte das Unternehmen mit der Treuhandgesellschaft abwickeln.

Er kaufte denn auch, was für ein Schnäppchen, gleich selber einen Teil der Fabrik. Doch die kam im wiedervereinigten Deutschland leider nie wieder zum Einsatz. Heute führt er melancholisch durch die leeren Hallen; ein beruflicher Neuanfang sieht anders aus.

Ausgerechnet seiner Frau Regina aber gelingt dieser Neuanfang. Nach der Wiedervereinigung ist sie knapp 40, durch eine Umschulung findet sie ihre berufliche Selbstverwirklichung. Späte Chancen und früher Abschied aus dem Arbeitsleben, so zeigt dieses nach und nach an Tiefe gewinnende Gesellschaftsbild, liegen oft nebeneinander in ein und derselben Familie.

Dennoch hat die Ditzes die Krise zusammengeschweißt. So freut sich Regina über ihren Mann: "Er ist nicht mehr der Macho. Es ist doch mehr eine gleichberechtigte Entscheidungsfindung."

Zum Glück fehlen eigentlich nur die beiden erwachsenen Töchter, für die man einst das Häuschen ausgebaut hatte. Doch die arbeiten lieber in einem Frauengefängnis in Nicaragua oder kellnern in Neuseeland, als sich wieder und wieder vom Papa durchs ausgeweidete Ex-Kombinat führen zu lassen.

Überaltern also die neuen Bundesländer? Am letzten Freitag konnte man auf Arte die Tragikomödie "Hoffnung für Kummerow" sehen, in der es um Geburtenflaute, Landflucht und Arbeitslosigkeit in Ostdeutschland ging. "Frohe Zukunft" malt nun ein ebenso zwiespältiges Bild über das östliche Generationenverhältnis: Die Alten schlagen sich durch, die Jungen suchen in der Ferne das Glück.

Nostalgisch und pragmatisch

Nur einer unter 50 ist geblieben: Edgar Maas, bei Mauerfall junger Offizier der 9. Panzerdivision, hat es nicht weit von seiner Geburtsstadt Ueckermünde verschlagen. Eigentlich wollte er 25 Jahre im Militärdienst bleiben, nach der Wiedervereinigung macht sich der NVAler notgedrungen als Versicherungsmakler selbständig. Er ackert sich hoch, seine Frau verlässt ihn Richtung Westen, er fängt noch mal von vorne an und verfügt nun über Büro und Bungalow, inklusive neuer Familie.

Unten im Keller stapeln sich indes DDR-Memorabilia. Richtig glänzende Augen kriegt der pflichtbewusste Ostler nur einmal, als ihm im Militärmuseum ein paar perfekt restaurierte NVA-Fahrzeuge vorgeführt werden: "Da werden Erinnerungen wach!"

Auch davon erzählt diese angenehm pathosfreie Dokumentation im Jubiläumsjahr des Mauerfalls: Wie man im wiedervereinigten Deutschland ankommen kann, ohne die DDR wirklich hinter sich zu lassen.


"Frohe Zukunft - Leben nach der Wende", Dienstag 22.45 Uhr, ARD



insgesamt 3 Beiträge
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reflexxion 22.07.2009
1. ein wenig einseitig ist das schon
sicher hat sich für Menschen im Osten mehr geändert, aber auch die Bevölkerung im Wetsen kam nicht ungeschoren davon. Jetzt nach 20 Jahren muß ich sagen, wir sind heute duetlich östlicher geworden als wir harmlos naiven Wessis je gedacht haben. In der Innenpolitik sehnen sich nicht nur Ostpolitiker nach einem Überwachungsstaat, wenn auch nicht nach Art der Stasi. Heutige Technik erlaubt die Kontrolle der Menschen trivialer, Internet - GPS - LKW-Maut - Handynetze - Datenspeicherung. Der Innenminister versucht immer wieder neue Maschen um die Republik zu bespitzeln, die dann kläglich in Karlsruhe scheitern. Manches aber bleibt eben auch, z.B. der neue Pass, die Speicherung der Telekommunikationsdaten, der Eintritt in die Internetzensur. Egal ob man Terroristen vorschiebt oder Kinderschänder oder was immer ihnen noch einfallen wird, es sind nur Vorwände. Kommen im Zuge angeblicher Terroristenfahndungen andere Erkenntnisse zu ganz anderen Themen auf, dann werden auch die verfolgt. Ob die Maßnahme vorab dazu richterlich genehmigt wurde oder nicht. Wer gestohlene CDs mit Bankkundendaten auswertet, um Steuerflüchtlinge zu bestrafen, der verlässt den Rechtsstaat. Der Staat darf sich keine Vorteile aus Straftaten verschaffen. Wenn das in den USA so schön klar geregelt ist, warum geht das nicht auch in unserer Bananenrepublik? Auch im Westen sind Familien an der Grenzöffnung zerbrochen. Ich halte den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik auch heute noch für falsch. So hätte man das einfach nicht machen dürfen. Der Artikel im GG stand doch schon kurz vor der Löschung, als man ihn umsetzte. Ich sehe auch nach 20 Jahren nicht, das Ost und West ernsthaft zusammengewachsen sind. Jeder der sich nicht selbst was vorlügt wird das auch so sehen. Da die Eltern dieses Bewusstsein auf beiden Seiten an ihre Kinder weitergeben wird es wohl noch sehr lang dauern, bis das mal anders wird. Die ständige Mitleidstour über die armen Opfer der Wende im Osten kann ich jedenfalls nicht mehr hören und sehen. Den meisten geht es mit Hartz IV besser als zu DDR-Zeiten, als sie noch auf Arbeit gingen. P.S.: das ist auch noch so ein Thema, die Veröstlichung unserer deutschen Sprache durch die Bildmedien, also hauptsächlich das Fernsehen. Als Westdeutscher war ich gewohnt von mir zu sprechen, Ostdeutsche reden von sich mit "man" das entschuldigt Fehler weil "man" Verantwortung an alle Anderen abgibt. Wer z.B. sagt Man bekommt ja keine Arbeit, der sagt damit gleichzeitig, es lohnt sich nicht welche zu suchen. Wer statt dessen "ich" sagt, der kann sich nicht so einfach rausreden. Wenn also ich zu Hause keine Arbeit finde, dann muß ich eben woanders suchen und gegebenenfalls umziehen.
hajoschneider 22.07.2009
2. Wessis mehr Manns, Ossis mehr mans?
Zitat von reflexxionsicher hat sich für Menschen im Osten mehr geändert, aber auch die Bevölkerung im Wetsen kam nicht ungeschoren davon. Jetzt nach 20 Jahren muß ich sagen, wir sind heute duetlich östlicher geworden als wir harmlos naiven Wessis je gedacht haben. In der Innenpolitik sehnen sich nicht nur Ostpolitiker nach einem Überwachungsstaat, wenn auch nicht nach Art der Stasi. Heutige Technik erlaubt die Kontrolle der Menschen trivialer, Internet - GPS - LKW-Maut - Handynetze - Datenspeicherung. Der Innenminister versucht immer wieder neue Maschen um die Republik zu bespitzeln, die dann kläglich in Karlsruhe scheitern. Manches aber bleibt eben auch, z.B. der neue Pass, die Speicherung der Telekommunikationsdaten, der Eintritt in die Internetzensur. Egal ob man Terroristen vorschiebt oder Kinderschänder oder was immer ihnen noch einfallen wird, es sind nur Vorwände. Kommen im Zuge angeblicher Terroristenfahndungen andere Erkenntnisse zu ganz anderen Themen auf, dann werden auch die verfolgt. Ob die Maßnahme vorab dazu richterlich genehmigt wurde oder nicht. Wer gestohlene CDs mit Bankkundendaten auswertet, um Steuerflüchtlinge zu bestrafen, der verlässt den Rechtsstaat. Der Staat darf sich keine Vorteile aus Straftaten verschaffen. Wenn das in den USA so schön klar geregelt ist, warum geht das nicht auch in unserer Bananenrepublik? Auch im Westen sind Familien an der Grenzöffnung zerbrochen. Ich halte den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik auch heute noch für falsch. So hätte man das einfach nicht machen dürfen. Der Artikel im GG stand doch schon kurz vor der Löschung, als man ihn umsetzte. Ich sehe auch nach 20 Jahren nicht, das Ost und West ernsthaft zusammengewachsen sind. Jeder der sich nicht selbst was vorlügt wird das auch so sehen. Da die Eltern dieses Bewusstsein auf beiden Seiten an ihre Kinder weitergeben wird es wohl noch sehr lang dauern, bis das mal anders wird. Die ständige Mitleidstour über die armen Opfer der Wende im Osten kann ich jedenfalls nicht mehr hören und sehen. Den meisten geht es mit Hartz IV besser als zu DDR-Zeiten, als sie noch auf Arbeit gingen. P.S.: das ist auch noch so ein Thema, die Veröstlichung unserer deutschen Sprache durch die Bildmedien, also hauptsächlich das Fernsehen. Als Westdeutscher war ich gewohnt von mir zu sprechen, Ostdeutsche reden von sich mit "man" das entschuldigt Fehler weil "man" Verantwortung an alle Anderen abgibt. Wer z.B. sagt Man bekommt ja keine Arbeit, der sagt damit gleichzeitig, es lohnt sich nicht welche zu suchen. Wer statt dessen "ich" sagt, der kann sich nicht so einfach rausreden. Wenn also ich zu Hause keine Arbeit finde, dann muß ich eben woanders suchen und gegebenenfalls umziehen.
Da muss ich aber heftig widersprechen. So einfach ist das nicht. Die Man-Sager gab und gibt es auch hier im Westen, schon immer, vor der Wende und nach der Wende ebenfalls. Gruß von einem Wessi
rick.sander 22.07.2009
3. Es war ja eine einmalige Situation für die es keine
Handlungsanleitung, kein Vorbild und keine Erfahrung gab. dazu kam noch die Raffgier mehr im Westen, aber auch im Osten. und so ist viel kaputtgemacht worden, was heute nicht mehr reparabel ist.
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