Wendejahr 1989 Jubel? Wir sind so frei!

AP

2. Teil: Verklemmte Abwehrreaktionen


Diese eigentümlich verschrobene Wirklichkeitswahrnehmung hat Tradition. In beinah Sarrazinscher Unverfrorenheit sprach im Frühsommer 1990 die damalige sozialdemokratische Kulturdezernentin von Frankfurt am Main, Linda Reisch, eine verquere Wahrheit aus, die allerdings für einen großen Teil der linken "Toskana"-Fraktion zu traf: Freiwillig fahre sie nicht nach Leipzig - nach Mailand aber immer gern. Schon der schönen Schuhe wegen.

Das war ein ästhetisches Bekenntnis, das politisches Desinteresse und menschliche Gleichgültigkeit gar nicht erst verbrämte. Die DDR war kulturelles Niemandsland, vorsibirische Steppe mit Hang zum Stechschritt. Nur als weltpolitisch abstrakter "sozialistischer" Widerpart des bösen kapitalistischen Westens (Mailand ausgenommen, wegen der Schuhe) besaß sie eine durchaus willkommene Funktion.

Härteres Geschütz fuhr der Autor Klaus Theweleit ("Männerphantasien") auf, als er in jenen Zügen, in denen die Prager Botschaftsflüchtlinge aus der DDR in die Bundesrepublik gebracht wurden, fragwürdige Gestalten erkannte, die man jetzt - man konnte glauben: unfreiwillig - "ins Land von Hitlers Enkeln, den natürlichen Ekeln", verfrachtete.

Der Psychoanalytiker und Friedensaktivist Horst-Eberhard Richter erklärte verbittert, die Flucht der "armen Entrechteten aus dem Land des Schlimmen" in "unsere Oase der Seligkeit" diene der Ablenkung von inneren Problemen der Bundesrepublik.

Auch der Atomphysiker Hans-Peter Dürr erschrak über so viel Freiheitsdurst des Volkes hinter der Mauer und warnte vor einer "Destabilisierung der DDR", die Gorbatschows "Perestroika" gefährden könne, während sich alt gediente Gewerkschaftsredakteure der "taz" über die "Wirtschaftsflüchtlinge" aus dem Osten lustig machten, "die sich von der Prosperität der Bundesrepublik ein Scheibchen BMW und ein paar Neckermann-Reisen abschneiden wollen".

Ein tapferer Redakteur der "Frankfurter Rundschau" stemmte sich in einem letzten verzweifelten Anlauf gegen den westdeutschen "Antikommunismus" und jene "antisozialistischen Kräfte", die sich nun rühmten, "die Brüder und Schwestern aus den Fängen des angeblichen 'Staatsgefängnisses' DDR" befreit zu haben.

Und der Publizist Erich Kuby ("Mein ärgerliches Vaterland") gab im Gespräch mit Günter Gaus seiner inständigen Hoffnung Ausdruck, Deutschland möge geteilt bleiben, am besten gleich mehrfach: aus "Angst vor deutscher Dummheit", also nicht einmal "wegen Auschwitz", wie der Hobbyhistoriker Günter Grass dekretierte.

Verwirrender Richtungswechsel

Fast schon merkwürdig erscheint im Rückblick, dass mir all diese verklemmten Abwehrreaktionen und krampfhaften Realitätsverleugnungen ziemlich fremd gewesen waren, obwohl ich damals selbst noch Teil jener westdeutschen Linken war, die ihren schon etwas angejahrten Traum von der Revolte (am liebsten gleich: Revolution) noch nicht ganz aufgeben wollte.

Das Problem war nur: Wir wollten eigentlich den westlichen Kapitalismus stürzen oder wenigstens radikal umbauen - die von drüben aber flohen vor dem "real existierenden" Sozialismus, von dem auch der übergroße Rest der Dagebliebenen nichts mehr wissen wollte. Schlimmer noch: Sie flohen in genau jenen Kapitalismus, den wir theoretisch schon tausendmal totgesagt hatten.

Irgendwie stimmte also die Himmelsrichtung nicht, und manch einen riss diese allerneueste geopolitische Unübersichtlichkeit in schwerste ideologische Turbulenzen, obwohl nur die wenigsten unter ihnen echte Freunde der DDR gewesen waren.

Die vielleicht größte Kränkung jedoch bestand darin, dass hinter dem Rücken der westdeutschen Linken - und gleichsam ohne ihre geschichtsphilosophische Erlaubnis - europäische Geschichte geschrieben wurde, und das ausgerechnet von Mandy, Cindy, Kevin & Co., die wahrscheinlich kein Wort von Herbert Marcuse und Theodor W. Adorno gelesen und keine Ahnung hatten, von der repressiven Toleranz des post-fordistischen Spätkapitalismus.

Ich erinnere mich noch, wie wir, eine lockere Gruppe von gut zwanzig Frankfurter undogmatischen Linken, die meisten "Spontis", in einem Bockenheimer Hinterhof zusammen saßen und uns den Kopf darüber zerbrachen, wie es so weit hatte kommen können, ohne dass wir etwas davon mitbekommen hatten.

Denn eigentlich verstanden wir uns immer noch als teilnehmende Avantgardisten der Weltgeschichte, jedenfalls "ein Stück weit", wie es damals hieß. Als ich trotzdem und fast ein wenig naiv darauf bestand, dass ich mich über den Fall der Mauer einfach sehr gefreut habe, nannte mich der (inzwischen leider verstorbene) Schriftsteller Lothar Baier lächelnd einen "Sozialdemokraten". Schon zu dieser Zeit galt dies als üble Beschimpfung.

Autonom pathetisch

Wie vielen anderen Ex- oder Immer-noch-Linken in der Bundesrepublik war mir all das letztlich völlig egal gewesen, als Hanns-Joachim Friedrichs in den "Tagesthemen" am späten Abend des 9. November von einem "historischen Augenblick" sprach. Ich lag schon im Bett und konnte im Halbdunkel des Schlafzimmers meine paar Tränen ganz gut vor meiner Freundin verbergen, als die ersten Bilder von der Maueröffnung an der Bornholmer Straße über den Bildschirm flimmerten.

Obwohl Pathos bei den Linken eigentlich nur erlaubt war, wenn es um Ulrike Meinhof oder Ché Guevara ging (bei den Grünen zusätzlich: um die Bewahrung der Schöpfung), erlaubte ich mir ganz autonom pathetische Gefühle, als die ersten Trabis über den Grenzübergang Bornholmer Straße knatterten und Westberliner wie von Sinnen auf die Plastedächer trommelten.

Das Glück dieses Augenblicks war mit Händen zu greifen, und zugleich flog es wie weiße Frühlingswölkchen durch die Luft. Die Freiheit war in diesem Moment tatsächlich der reine "Wahnsinn", so, als begänne sie ganz von vorne, unbefleckt von jeder Ideologie und jedem strategischen Kalkül.

Ein unwiederbringlicher, kostbarer Moment, in dem alles möglich schien. Ihn sollten wir in unserer lebendigen Erinnerung bewahren. Wir könnten sie noch brauchen. Die Erinnerung und die Freiheit, die wir meinen.

insgesamt 63 Beiträge
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sam clemens, 25.10.2009
1. Meiner Meinung nach ...
... aus verschiedenen Gründen. Vor allem glaubt "der Wessi", dass er die Kosten der Einheit allein bezahlt. Weiterhin hält "der Wessi" "den Ossi" nach wie vor für eine Art westuntaugliches, ungenügendes Wesen, das unter anderem die Demokratie und die Marktwirtschaft nicht versteht und - ähnlich wie ein Kind - helfende Betreuung und Vormundschaft braucht. Und schließlich ist die Einheit vor allem ein Ergebnis des Engagements des DDR-Volks. Wenn man das aber zugeben würde, wäre das eben skizzierte Bild vom Ossi falsch und zu korrigieren - das allerdings ist zuviel für "den Wessi". "Der Ossi" wiederum glaubt, dass "der Wessi" ständig versucht, ihn zu bevormunden und über den Tisch zu ziehen. Außerdem glaubt "der Ossi", dass "der Wessi" seit den fünfziger Jahren über seine Verhältnisse gelebt hat und die aktuellen wirtschaftlichen Probleme schon früher eingetreten wären, wenn die Einheit nicht noch einmal einen ordentlichen Schub Konsumenten gebracht hätte. Und schließlich meint "der Ossi", dass sich "der Wessi" ruhig mal ein eigenes Bild vom Osten machen und die alten Vorurteile überprüfen sollte. Dass das Stereotype sind, ist klar.
Mülheimer, 25.10.2009
2. Ich weiß nicht.
Zitat von sysopDie Feiern zum Wende-Jubiläum haben begonnen, aber so richtig in Fahrt kommen sie nicht. Woran liegt es, dass vor allem Westdeutsche immer noch fremdeln mit der Mauerfall-Geschichte? Reinhard Mohr fordert mehr Mut zum patriotischen Pathos. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,656203,00.html
Ich weiß nicht ob das Problem darin liegt, dass man sich nicht kennt oder nicht mögt. Aber, war es denn wirklich nötig, wenn man 365 Tage im Jahr zur Verfügung hat, ausgerechnet im Oktober die deutsche Einheit zu feiern. Es ist kalt, meistens regnet es auch noch, einfach Mist! Ich war schon mehrmals am 14. Juli in Frankreich, die Leute haben an diesem einfach Freude. Deshalb würde ich den Tag der deutschen Einheit auf den Tag legen, an dem die Einheit vollendet wurde: Am 1.7. wurde die Währungsunion durchgeführt. Das hieß für alle Deutschen keine Grenzen und das gleiche Geld, das wars doch.
purcell 25.10.2009
3. Danke!
Ein wunderbarer Artikel. Ich Ossi mit Wessi Frau finde mich drin sehr gut wieder. "Die vielbesagte Mauer in den Köpfen ist oft nur das Brett davor." hier gibt es den Rest der großartigen Rede von werner Schulz vom 9.10.09 voller weiterer genialer Gedanken zur Sache: Bild: http://vimeo.com/6988768 Text: http://hobbit-kruemel.livejournal.com/173311.html Und dass zur Berliner Kunstausstellung 60 Jahre BRD kein einziges Bild eines ostdeutschen Künstlers präsentiert wurde, weil man in der Diktatur keine echte Kunst produzieren könne, zeigt nur eines der vielen Bretter.
Sleeper_in_Metropolis 25.10.2009
4. Es liegt.....
...meiner (Wessie mit Ost-Freundin) Meinung nach daran, das im Westen die Einheit nach dem ersten Jubel über die Wiedervereinigung des deuschen Volkes verstärkt eher entweder skeptisch beäugt oder als Last gesehen wird, beides (leider) nicht völlig Grundlos.Denn als ganzes gesehen ist der Osten vor allem ein Milliardengrab, das in der Tat primär vom Westen gefüllt wurde.Die zeitweise höhere Zahl an Konsumenten reißt da auch nur wenig raus. Und auch im Jahre zwanzig nach der Einheit ist von blühenden Landschaften (punktuelle wirtschaftliche "Hot-Spots" mal aussen vor gelassen) leider nicht viel zu sehen, stattdessen hohe Quoten von Transferleistungs-Beziehern, rechtsradikalen und "Jammer-Ossis", die der angeblich so guten, alten DDR nachtrauern. Und der Teil der Nachwende-Ostjugend, die leistungsfähig ist geht in den Westen und besetzt hier ebenfalls Arbeitsplätze. Da fragt man sich westlich der ehemaligen innerdeutschen Grenze schon manchmal, was es da eigentlich zu feiern gibt ? Zwar ist der globale Ost/West-Konflikt mit seiner auch atomaren Bedrohung weitgehend verschwunden, aber innerdeutsch kann man, zumindest vom Westen aus sagen : Außer Spesen nicht viel gewesen.
Adran, 25.10.2009
5. Top..
Zitat von purcellEin wunderbarer Artikel. Ich Ossi mit Wessi Frau finde mich drin sehr gut wieder. "Die vielbesagte Mauer in den Köpfen ist oft nur das Brett davor." hier gibt es den Rest der großartigen Rede von werner Schulz vom 9.10.09 voller weiterer genialer Gedanken zur Sache: Bild: http://vimeo.com/6988768 Text: http://hobbit-kruemel.livejournal.com/173311.html Und dass zur Berliner Kunstausstellung 60 Jahre BRD kein einziges Bild eines ostdeutschen Künstlers präsentiert wurde, weil man in der Diktatur keine echte Kunst produzieren könne, zeigt nur eines der vielen Bretter.
eine so geniale Rede, hab ich selten gehört.. Danke für die Links.. danke! Remember, Remember the 9th of Oct/Nov
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