Werbe-Theater in Hamburg Sieg für das süße Perwoll-Mädchen

Die Hamburger Kammerspiele luden gestern Abend zu einer Weltpremiere: Unter Aufsicht des Star-Regisseurs Dieter Wedel zeigten wichtige Werbeagenturen ihre Kreativkunst auf der Theaterbühne - und verbreiteten den Charme eines frisch-fröhlichen Schülertheaters.

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Siegerspot "Perwoll": Wenigstens ein bisschen sexy
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Siegerspot "Perwoll": Wenigstens ein bisschen sexy

Deutschlands zweitberühmtester Doktor nach Klausjürgen Wussow, der zauselbärtige Regisseur Doktor Dieter Wedel, trug Sonnenbrille - angeblich hatte er seine Lesebrille vergessen, in Wahrheit aber hätte ihn der außergewöhnliche Glanz dieses Theaterabends sonst wohl zu sehr geblendet. Denn, reden wir nicht drumherum: Woran fehlt's dem deutschen Theaterwesen, damit wirklich mal wieder Leben kommt in die Schaubuden der Republik? Richtig: an Glamour und tollen aktuellen Stoffen.

Insofern bot der Mittwochabend in den Hamburger Kammerspielen wirklich ein bisschen Fortschritt: Zu den Stars auf der Bühne gehörten Birgit Schrowange, Ulla Kock am Brink und Helmut Markwort; gesprochen wurde in flotten, gewitzten Sätzen; und im Publikum wurde gejohlt, gepfiffen und gejubelt wie bei einer Shakespeare- oder Botho-Strauß-Premiere eigentlich nie.

Andererseits kennt man eben dieses fröhliche Krakeele aus dem Kinder- und Schülertheater - und genau an ein solches fühlte man sich an diesem Hamburger Abend öfter erinnert. Axel Schneider, der Intendant des traditionsreichen, aber nicht allzu bedeutenden Theaterhauses, gab den Klassenlehrer: Er hatte ein paar von Deutschlands führenden Werbern dazu animieren können, ihre Kunst in kurzen Spots auf den Theaterbrettern zu zeigen - gegen eine Startgebühr von je 10.000 Euro. Für das Spektakel "Live! Werbung auf der Bühne" stand zwar "Regie: Dr. Dieter Wedel" auf den Eintrittskarten, das war aber ein Versehen: Tatsächlich inszenierten die Werber selbst - und der wie immer virtuos nuschelnde und pittoresk knautschgesichtige TV-Haudegen Doktor Dieter Wedel war nur Vorsitzender jener Jury, die nach der Vorführung der Spots einen Sieger küren sollte.

Nachgestellter VW-Werbespot: Freizeitspaß für hart arbeitende Menschen
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Was gab's zu sehen? Jeweils den echten TV-Spot für Wüstenrot, VW, Sparda-Bank, Perwoll, "Focus", McDonald's und noch ein paar andere Marken - und dazu eine Theaterversion, die fast immer nett improvisiert war. Ein bisschen hölzern führte Frau Kock am Brink durchs Programm, noch ein bisschen hölzerner trat Birgit Schrowange in einer kleinen Modenschau für die Bekleidungsfirma Adler auf, statt der fernsehoriginalen Wüstenrot-Kühe setzten sich drei mit nackten Waden und Dirndl ausgerüstete Darstellerinnen Kuhköpfe auf die Schultern - aber das waren schon die schlimmsten Peinlichkeiten, und das größtenteils aus Werbern und Werbekunden bestehende Publikum beklatschte sie brav.

Helmut Markwort gab einen Forscher im Arztkittel, der ein bisschen wie ein rheinischer Karnevalist wirkte: Er polterte von "Fakten, Fakten" undsoweiter und untersuchte ein großes Herz, das die Liebesbeziehung zwischen Friedrich Merz und Angela Merkel symbolisierte. Dabei zauberte er eine Ente hervor. Obwohl das jetzt nicht der ganz große Brüller war, verdient der Mann für seine absolut glaubhafte Theaterleidenschaft natürlich den allergrößten Respekt.

Der Raffinierteste der insgesamt insgesamt neun Sketche aber erzählte fast eine eigene Story: Ein zwielichtiger Kerl und eine junge Frau, die sich ein kurzes rotes Minikleid überstreift, machten sich laut Gedanken darüber, ob man mit einer Perwoll-Flasche in der Hand auf einer Kunstvernissage nicht lächerlich wirke. Danach sah man den Perwoll-TV-Spot, in dem dann wirklich inmitten einer kleckselbunten Ausstellung ein sehr künstlerhaft wirkender Sympathie-Bolzen über das tolle Rot im Minikleid des Mädchens staunt - und sie zeigt ihm zur Erklärung die Perwoll-Pulle.

"Focus"-Chef Markwort mit Ente: Nicht der ganz große Brüller
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Schon weil dieser Sketch wenigstens ein bisschen sexy war (und weil wir alle wissen, dass in der Werbewelt Sex die einzig gültige Währung ist) wurde die Perwoll-Improvisation vom Publikum und von der Jury zum besten Beitrag des Abends gekürt. Die Jury ließ sich in ihrem - völlig korrekten - Urteil auch dadurch nicht irritieren, dass zwar nicht die Idee, aber die Verfilmung des Perwoll-TV-Werbespots von einem nicht ganz unbekannten Mann besorgt worden war: genau, von Doktor Dieter Wedel.

Als man von der Premierenparty dann im Hamburger Schneematsch nach Hause stapfte, durfte man ein bisschen über den Wandel unseres Bewusstseins in Sachen Werbung nachdenken: Ganz früher fand man sie gefährlich und verdummend, dann galt sie als wahnsinnig lustig und cool, und heute? Sehen die meisten in Werbung wohl vor allem ein todernstes Geschäft, in dem sich panisch um Pointen bemühte Menschen abrackern, damit Deutschland wieder zum Superduper-Star werden kann. Insofern sollte man diesen Abend auch keineswegs als irgendwie bahnbrechend oder wegweisend für die Theaterwelt werten (dafür war's dann doch zu läppisch), sondern eben als Freizeitspaß für hart arbeitende Menschen: großes Kasperltheater fürs Werber-Herz.



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