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19. Oktober 2014, 12:53 Uhr

Streit um Spielbanken in NRW

Bin klamm, biete Warhol

Darf eine staatseigene Spielbank Kunstschätze veräußern, um marode Casinos sanieren zu können? In Nordrhein-Westfalen ist ein heftiger Streit darüber entbrannt. Jetzt schaltet sich erneut die Bundesregierung ein.

Berlin - Zwei Andy-Warhol-Werke für die Sanierung mehrerer maroder Spielkasinos - diese Rechnung sorgt aktuell in Nordrhein-Westfalen für Ärger. Der staatlich konzessierte Spielcasinobetreiber Westspiel plant, die beiden frühen Bilder "Triple Elvis" und "Four Marlons" zu versteigern, um mit den Erlösen defizitäre Spielbanken aufzumöbeln.

"Es hat meines Wissens nach noch keine Landesregierung nationales Kulturgut veräußert, um damit Löcher im Haushalt zu stopfen", kritisierte Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) die Pläne gegenüber der "Bild am Sonntag". "Die Versteigerung der beiden Warhol-Gemälde aus öffentlichem Besitz wäre ein Tabubruch mit fatalen Folgen. Das könnte Schleusen öffnen."

Erlöse von mehr als 100 Millionen Euro erhofft

Die beiden Werke sollen Mitte November bei Christie's unter den Hammer kommen. Westspiel erhofft sich Erlöse von mehr als 100 Millionen Euro. Das Unternehmen ist eine Tochter der landeseigenen NRW-Bank. Es hatte die Bilder in der Siebzigern und Achtzigern zur Ausstattung der Spielbank in Aachen gekauft, wegen ihres Wertes aber zuletzt im Depot verwahrt.

Hannelore Kraft, SPD-Ministerpräsidentin Nordrhein-Westfalens, hatte Anfang vergangener Woche mitgeteilt, keine Möglichkeit zu sehen, die Versteigerung der beiden Werke zu stoppen. Anders als Grütters sieht Kraft die Bilder des amerikanischen Künstlers nicht als nationales Kulturgut gemäß dem Kulturschutzgesetz an.

Daher komme eine Übertragung der Werke an Museen in Nordrhein-Westfalen nicht in Betracht, schrieb sie in einem Antwortbrief auf ein Protestschreiben der Direktoren aller großen NRW-Kunstmuseen. Ein Ankauf der Bilder aus Steuergeldern zum Marktwert sei "zurzeit nicht darstellbar", heißt es in dem Brief.

NRW-Bank: Warhol verkauft, Steuerzahler entlastet

Kraft versicherte den Museumsdirektoren, dass die Landesregierung nicht die Absicht habe, Kunst aus direktem Besitz des Landes Nordrhein-Westfalen zum Zweck der Haushaltskonsolidierung zu veräußern. Westspiel habe die Bilder aus eigenen Mitteln weit unter dem heutigen Wert erworben und müsse als rechtlich selbstständiges Unternehmen Investitionen aus vorhandenen Vermögenswerten bestreiten, heißt es in Krafts Brief weiter.

Die Direktoren dagegen hatten gewarnt, mit der Versteigerung würde ein grundlegender Kulturwandel vollzogen, der das Image Nordrhein-Westfalens und der Bundesrepublik als Kulturland und Kulturnation infrage stelle. "Der Umstand, dass das Geld in die Modernisierung von Spielcasinos fließen soll, macht die Sache doppelt angreifbar", bestärkte Grütters die Kritik jetzt gegenüber der "Bild am Sonntag".

Die NRW-Bank hingegen erklärte zu der geplanten Auktion, Westspiel wolle die Warhol-Kunst aus seinem Besitz veräußern, um seinem staatlichen Auftrag auch künftig gerecht zu werden und um anstehende Herausforderungen aus eigenem Vermögen zu bewältigen, ohne den Steuerzahler zu belasten.

irb/AFP/dpa

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