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Westerwelles Sprach-Kampagne Mann, red Deutsch!

Deutsch ist die Sprache der Aufklärung und der Empfindsamkeit. Ausgerechnet Brachialrhetoriker Guido Westerwelle macht sich stark für eine Kampagne des Goethe-Instituts. Tenor: Wer Deutsch lernt, lernt Demokratie!
Von Reinhard Mohr

Margot Käßmann, die katholische Kirche, Jürgen Rüttgers, Jogi Löw, Oliver Bierhoff: Die Autoritäten purzeln derzeit noch schneller, als der Schnee schmilzt. Was bleibt, sind Sport und Sprache, unsere Gold-Mädels von Vancouver und die deutsche Kultur. In den Worten des bekennenden Helene-Hegemann-Fans Harald Schmidt: "Arschfick und Adorno".

So drastisch gesampelt und "Axolotl-Roadkill"-mäßig wollte es Außenminister Guido Westerwelle am Donnerstagabend im Berliner "Radialsystem", einem ehemaligen Pumpwerk, nicht formulieren. In seiner "Hommage" zur Eröffnung dieser Weiterverbreitungskampagne des deutschen Idioms, der "Sprache der Ideen", zitierte er lieber andere Vokabeln, Schlüsselworte der deutschen Romantik wie "Abendrot" und "Blütenstaub".

"Deutsch kann sehr blumig sein", erklärte der Vizekanzler in spätrömischer Anstrengungslosigkeit, wie er überhaupt recht fröhlich und beschwingt wirkte. Und nicht ohne Selbstironie.

"Ich halte meine kurze Ansprache auf Deutsch", hatte der böse Bube der deutschen Politik zu Beginn versprochen (danke dafür!), obwohl das "Radialsystem" nicht etwa nur ein neuer Raum für Kultur ist, sondern, ganz offiziell, "The New Space for the Arts in Berlin".

Aber klar: "Es kommt darauf an, was man sagt und wie man es sagt", sagt Westerwelle. "Jeder hat seinen eigenen Duktus." Der könne verdecken oder offenbaren, was man eigentlich meint. Er kann die Dinge aber auch einfach "auf den Punkt bringen". Also sprach der Minister des Auswärtigen und war nicht ohne anspielungsreiche Koketterie.

Demokratie. Sag bloß!

Mehr Deutsch bitte! So lautet das Panier. Die Muttersprache Spätgermaniens, die derzeit rund hundert Millionen Menschen in Europa ihr Eigen nennen, soll hinaus in die weite Welt getragen werden, wo bislang nur etwa 15 Millionen Menschen sich der Mühe unterziehen, die deutsche Grammatik und seltsame Wörter wie "Radkappe" oder "Starthilfe" zu lernen - vor allem mit Hilfe des Goethe-Instituts.

Es gehe dabei aber auch um die Vermittlung von demokratischen Werten, um "intellektuelle Freiheit" und den Wunsch, "die Welt von morgen zu gestalten", hob Westerwelle hervor.

Visionäre Gestaltungskraft konnte man vom anschließenden Kulturprogramm allerdings nicht erwarten. Eine sechsköpfige Künstlergruppe namens "Die Maulwerker" arbeitete sich mehrfach an der unübertrefflichen Schönheit deutscher Wort- und Silbenschöpfung ab - "mamamama-aaaaaa-wiwiwiwi-tatatatata-eieieieiei" -, intertextuell und kongenial verknüpft mit herabfallenden Papierschnipseln ("Ich spreche mit Ihnen", stand darauf), Scrabble-artigen Videospielchen und schweren Atemgeräuschen aus dem Off, die möglicherweise an die anstrengenden Bemühungen um die Verbreitung des Deutschen im Hochland der Anden oder in der Hitze indischer Metropolen gemahnen sollten.

Dürre Rhetorik

Nach einer unterhaltsamen, wenn auch nicht völlig unangestrengten Sprachtravestie im Geiste Ernst Jandls, die die Trägerin der Goethe-Plakette, Yoko Tawada, zu Gehör brachte, kamen die Liebhaber deutscher Klassik zu ihrem Recht: Schuberts Vertonung von Goethes "Erlkönig".

Es folgten eine Lesung des ungarischen Autors Peter Esterházy, zehn kurze Gedichte von Heinrich Heine mit Kompositionen von Wilhelm Killmayer und schließlich "Spoken Word und Rap-Musik" mit Nina "Five" Sonnenberg und DJ Phekt - gemäßigt deutsch-multikulturelle Selbsterfahrungs- und Betroffenheitslyrik.

Dazwischen hatte Klaus-Dieter Lehmann, Präsident des Goethe-Instituts, noch rasch das Wort ergriffen, das, allen Aufrufen zur Leidenschaft für die "wunderbare Sprache" (Westerwelle) zum Trotz, leider nicht ihn ergriff. Blass und staubtrocken präsentierte der oberste deutsche Kulturvermittler Beispiele für die Liebe zur deutschen Sprache - im Ausland.

Hierzulande, das zeigte dieser merkwürdig leidenschaftslose Auftakt der Kampagne, bleibt noch viel zu tun. "Deutsch - Sprache der Ideen": Vielleicht sollte man gleich im Bundestag schon mal damit anfangen. Dann klappt's auch im Rest der Welt.

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