Westlicher Blick auf Arabien Raus aus dem Kuhstall!

Wird Ägypten nach dem Aufstand zur Facebook-gestützten Musterdemokratie? Oder übernehmen bärtige Islamisten die Macht? Beide Erwartungen sind falsch - sie sind lediglich Ausdruck westlicher Wünsche und Ängste. Ein Plädoyer wider die bequeme Ignoranz.

Touristenziel Ägypten: Der Boy bringt das Dosenbier
TMN

Touristenziel Ägypten: Der Boy bringt das Dosenbier

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Zunächst war da Freude. Freude über den Aufstand in Tunesien und den in Ägypten, wo die Menschen für ein besseres Leben auf die Straßen gehen, für bessere Chancen, Meinungsfreiheit und Wohlstand, gegen Unterdrückung und Korruption. Toll! Endlich!

Endlich?

Na ja, mal ehrlich: Es ist ja nicht so, dass hierzulande irgendjemand wirklich auf die Volkserhebungen in diesen beiden beliebten Urlaubsdestinationen gewartet hätte. Das allgemeine Interesse an der sozialen Situation der Einwohner dieser Länder hielt sich bisher, falls überhaupt vorhanden, doch in recht engen Grenzen. Was wusste man schon bis vor kurzem über Tunesien, außer, dass es dort warm ist? Gut, die Tochter von Bekannten hat vor zwei Jahren, da war sie auch schon über dreißig, einen Tunesier geheiratet, einerseits schön für sie, dass sie doch noch einen Mann abbekommen hat, aber andererseits: Kann das gut gehen? Hoffentlich schlägt er sie nicht!

Schön warm da, und Pyramiden gibt's auch

Vergleichsweise besser noch der Kenntnisstand über Ägypten: Das wurde früher von Pharaonen regiert, und deshalb stehen dort heute einige Pyramiden und eine Sphinx herum. Beeindruckend der Grabschmuck des Tutanchamun, den hat man mal in einer Ausstellung gesehen, und schön auch die Büste der Nofretete, die geben wir auf keinen Fall zurück! Sogar der Name des ägyptischen Präsidenten war allgemein bekannt, denn wie jeder weiß, heißt "Mubarak" zu Deutsch "Kuhstall", hihi, dieser Scherz hat Generationen von Schulkindern zum Kichern gebracht. So etwas merkt man sich doch gerne.

Künftige Pausenhofbesucher werden ohne dieses klassische Wortspiel auskommen müssen. Und was wird aus dem geplanten Pauschalurlaub in Hurghada, so wie letztes Jahr? Landen am Flughafen, in der Abfertigungshalle mit leicht mulmigem Gefühl, vorbei an Uniformierten mit Maschinengewehren, dann mit dem Bus direkt in den ummauerten "Club Sindbad", wo der Boy das Dosenbier direkt an die Strandliege bringt. Zehn Tage Sonne ohne Sorgen bei Vollpension und hinterher behaupten, man sei in Ägypten gewesen? Das wird nicht mehr möglich sein. Eine Lüge war es immer schon, wie jeder weiß, der nur einen kurzen Blick über die Mauer der Clubanlage geworfen hat und dort die Menschen gesehen hat, die sich aus dem abgekippten Wohlstandsmüll bedienten.

Freiheit und Demokratie? Gerne. Aber vor allem: Stabilität

Und so weicht die erste Freude über die Erhebung der Massen der Sorge: was wird jetzt aus Tunesien? Was aus Ägypten? Was aus der gesamten Region? Sind die Demonstranten in Kairo allesamt wohlerzogene Studentinnen und Studenten, die man sofort zu Facebook-Freunden machen würde, weil sie demnächst eine Musterdemokratie errichten werden zur Freude der USA und der Europäischen Union? Oder werden dort demnächst bärtige Islamisten ans Ruder kommen, die sich umgehend mit der iranischen Staatsführung verbrüdern, als erste Amtshandlung Israel angreifen und direkt den dritten Weltkrieg anzetteln?

Beide Sichtweisen und Erwartungen sind falsch, speisen sich jedoch aus derselben Haltung: der bequemen Ignoranz gegenüber der arabischen Welt, ihrer Bevölkerung, ihrer Mehrheitsreligion und ihren Kulturen gegenüber, gekoppelt mit der Projektion eigener Wünsche und Ängste auf die unverstandene Region.

Mag sich der Westen auch gerne Freiheit, Demokratie und Menschenrechte auf die Fahnen schreiben - tatsächlich ist sein wichtigstes Anliegen stets die Stabilität. Stabil sollen die Verhältnisse in der Welt sein, damit es daheim sicher bleibt, damit die Geschäfte ungestört laufen und der Urlaub ein angenehmer wird. Und wenn zu diesem Zweck die eine oder andere Diktatur gestützt werden muss, wird das schulterzuckend in Kauf genommen. Die individuelle Situation der Bürger dieser Länder war bisher herzlich egal, sollte es sich bei diesen Bürgern nicht zufällig um verfolgte Christen handeln.

Dabei spiegelt diese außenpolitische Haltung die Sichtweise auf die Menschen, die als Migranten beispielsweise nach Deutschland gekommen sind: Der hiesige Araber ist dann "gut", wenn er westliche Werte übernimmt, wenn er sich westlich kleidet und westlich denkt. Er ist dann "gefährlich", wenn er, insbesondere in der unheimlichen Erscheinungsform des gläubigen Muslims, seine Religion ausübt und womöglich auch noch kinderreich und selbstbewusst auftritt. Beide Zuschreibungen erfüllen dabei den einen Zweck, den Fremden aus dem Bewusstsein auszublenden. Auf die eine Art verschwindet er aus der Wahrnehmung der Gesellschaft, weil er sich ihr bis zur Unkenntlichkeit angepasst hat. Auf die andere, weil er als Ärgernis und Sicherheitsrisiko ausgegrenzt und in die Zuständigkeit der Behörden übergeben wird. Er wird nicht wahrgenommen, und wenn, dann nur als Gefahr.

Die Revolution in unseren Köpfen

Soll aus den Revolutionen in der arabischen Welt etwas Gutes folgen, dann muss die bequeme Ignoranz ein Ende haben. Dann sollte Europa und der Westen anerkennen, dass sich in der Bevölkerung dort wie unter den Migranten hier ein neues Selbstbewusstsein entwickelt, das nicht unbedingt immer hiesigen und hergebrachten Vorstellungen folgt. Wir müssen uns verabschieden von dem Wunsch nach Stabilität um jeden Preis - und akzeptieren, dass wir gerade Zeugen einer Bewegung werden, die sich ihre ganz eigene Freiheit erkämpft, eine Freiheit, die für uns nicht unbedingt bequem sein wird. Am Ende dieser Bewegung werden arabische Nationen entstanden sein, die, wenn demokratisch legitimiert, auf Augenhöhe mit ihren westlichen Pendants verhandeln werden und dabei die Interessen ihrer Bevölkerungen vertreten. Wir sollten zuversichtlich sein, dass daraus keine Gefahr für das Zusammenleben entstehen wird, sondern eine Chance, wahre Partnerschaft zu entwickeln.

Endlich.



insgesamt 155 Beiträge
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Glasperlenspiel, 03.02.2011
1. Raus aus dem Kuhstall
Auf so einen Artikel habe ich seit längerer Zeit gewartet, wobei ich mir in bezug auf die hiesigen Migranten eine etwas differenziertere Diskussion gewünscht hätte.
heinrichp 03.02.2011
2. Weltweit große Unzufriedenheit mit Kapitalismus
Zitat von sysopWird Ägypten nach dem Aufstand zur Facebook-gestützten Musterdemokratie? Oder übernehmen bärtige Islamisten die Macht? Beide Erwartungen sind falsch - sie sind lediglich Ausdruck westlicher Wünsche und Ängste. Ein Plädoyer wider die*bequeme Ignoranz. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,743173,00.html
Es geht nicht um eine bestimmte Religion oder Ideologie, es geht um die Armut der Menschen, um mehr Gerechtigkeit bei der Verteilung der Güter. Europa ist auf dem gleichen Weg: Die Reichen werden immer reicher, gleichzeitig wächst die Zahl der Armen! Ganze Staaten wanken, Hunderttausende bangen um ihre Jobs - doch ein paar Superreiche leben in Saus und Braus. Noch immer regiert die alte Ideologie des Wirtschaftsliberalismus aus den 1980er-Jahren. Ihr Credo: Der freie Markt weiß am besten, wo das Geld den größten Nutzen stiftet. Dieses Credo hat eine Revolution auf den Finanzmärkten eingeleitet. Das traditionelle Geschäft der Banken – sie locken das Geld von Sparern mit Zinsen an und leihen es Unternehmen und Privatpersonen zu höheren Zinsen – zählt immer weniger. Es geht um mehr. Mit dem weltweit freien Kapitalverkehr begann der Boom des Investmentbanking, die große Jagd nach der möglichst hohen Rendite. Die Banken entwickelten immer spekulativere Finanzprodukte. Sie kaufen und verkaufen Papiere, die eigentlich zur Absicherung von Währungsrisiken dienen. Viele Wertpapiergeschäfte werden versichert, und mit den Versicherungen wird wiederum spekuliert. Es sind Geschäfte mit hohem Risiko. Bei den meisten Geschäften wird nur aus Geld mehr Geld gemacht wird – ohne dass neue Fabriken, Häuser oder andere feste Werte entstehen. Worldwatch zählt die Gefahren auf, die die Welt aus den Fugen geraten lassen. Die Abhängigkeit vorn Öl schüre Bürgerkriege und geopolitische Unsicherheiten. Wasserknappheit zwinge viele Bauern in armen Ländern, ihre Felder zu verlassen und in Städte zu ziehen. Das bringe neue Verteilungskämpfe, die zu Bürgerkriegen führen könnten. Weltweit seien 434 Millionen Menschen von Wasserknappheit bedroht. Landflucht, Umweltzerstörung und Klimawandel könnten auch das Hungerproblem verschlimmern. Schon jetzt hätten mehr als zwei Milliarden Menschen weltweit nicht genügend zu essen Infektionskrankheiten seien wieder auf dem Vormarsch. Nach Angaben des Instituts sind in über 100 Entwicklungsländern mehr als 40 Prozent der Einwohner zwischen 15 und 29 Jahren alt. Für viele gebe es kein Auskommen. Weltweit seien 200 Millionen junge Leute nicht so beschäftigt, dass sie eine Familie ernähren können. Unzufriedenheit und Aussichtslosigkeit könnten diese Menschen in die Kriminalität oder in die Arme von Extremisten treiben.
nowayjose, 03.02.2011
3. Respekt muss verdient werden, den gibt es nicht umsonst
Der Autor plädiert für eine Partnerschaft quasi auf Augenhöhe -- Gleichstellung mit gescheiterten Staaten, in denen Chaos und Gewalt herrscht? Denn das wird wohl auf absehbare Zeit so bleiben. Oder glaubt der Autor wirklich, dass, sobald eine brutale Herrscherclique weg ist, plötzlich Humanismus, Wohlstand und Bildungsbürgertum unter den unqualifizierten arbeitslosen arabischen Jugendlichen ausbrechen, die inzwischen die Masse der Bevölkerung stellen? Wie realitätsfern diese Utopie ist, kann man im Irak beobachten. Die arabisch-islamische Welt wird wohl noch für lange Zeit eine Mischung aus Anarchie, brutaler Willkür und religiösem Wahn bleiben, umso mehr, wenn die Öleinnahmen zurückgehen.
martinm_de 03.02.2011
4. seh ich nicht ein
>>Soll aus den Revolutionen in der arabischen Welt etwas >>Gutes folgen, dann muss die bequeme Ignoranz ein Ende >>haben. Ich seh garnicht ein daß ich nur meine "Uninformiertheit" über arabische Gesellschaften ändern muß und schon macht deren Revolution Sinn. Was kümmert es denn einen Ägyptischen Studenten was ich über ihn weiss? In den arabischen Ländern muß das passieren was in allen anderen Ländern passiert ist die sich seit 1945 aus der Armut befreit haben: Arbeit Arbeit Arbeit lernen Arbeit neulich sah ich auf Arte daß in Algerien eine neue Moschee gebaut wird. Und ratet man von wem: jawoll, von chinesischen Bauarbeitern. Ist doch ein Witz. So wird das nie was.
xjazz 03.02.2011
5. Differenzierung gefragt
Ich kann nur einen frommen Wunsch artikulieren: Hoffentlich führen die Umwälzungen zu mehr Bildung, Freiheit und Aufklärung innerhalb des Islam. Eine aufgeklärter Islam muss sich nicht zwangsweise an westlichen Werten orientieren. Es wäre sensationell, wenn die arabische Welt die nächsten Jahre ihren eigenen Weg findet, das darf auch ruhig länger dauern - und der Westen muss dann eben eine Weile in Unsicherheit leben.
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