"Wetten dass...?" Gottschalk sucht den Sinn

Eine Show wie von einem fremden Planeten: Ein Moderator, der Fragen wie "Nice Guy? Oder Bad Guy?" von Karten abliest, eine Kabarettistin, deren größtes Kapital 15 Kilo mehr sind und ein paar "Superstars", die dank ihrer Privatjets im Viertelstundentakt aus der Sendung fliegen.

Von Martin Sonneborn


"Guten Abend, Deutschland", begrüßt Thomas Gottschalk aus lilafarbenem Samtanzug und silbrigen Cowboystiefeletten heraus den großen Teil des Landes, der jetzt in der Düsseldorfer Rheinhalle oder zu Hause vor dem Fernseher sitzt, und freut sich erst mal auf die Fußball-WM: "Ich freue mich auf das Eröffnungsspiel Deutschland gegen Costa Rica. Auf der einen Seite eine Bananenrepublik und auf der anderen Seite: Costa Rica." Nachdem sie verstanden haben, beginnen die Rheinländer zu lachen.

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"Wetten, dass...?": "Und wir sitzen hiiiiiier..."

Die Quote der WM-Auslosung vom Abend zuvor will er heute überbieten, sagt der "Thommy" (ZDF). Und er sagt es augenzwinkernd, weil das natürlich selbst für ihn kaum zu schaffen ist; erstens wird "Wetten, dass...?" immer noch nicht weltweit übertragen, und zweitens kommt jetzt Verona Feldbusch ins Bild, die zwar anders heißt mittlerweile, aber immer noch eine Stimme hat, bei der Milch sauer werden kann. Sie wird die Außenwette moderieren. Vergeblich versucht sie, 250 Japaner auf dem Marktplatz zu versammeln, die "Wärst du doch in Düsseldorf geblieben..." singen. Oder auch "Koreaner und Chinesen, die sehen doch alle gleich aus" (Feldbusch).

Die ersten Gäste sind zwei Komiker namens Gaby Köster und Atze Schröder. Frau Köster wird im Laufe der Sendung ein paar Mal laut lachend auf ihre großen Brüste anspielen oder auf die 15 Kilo, die sie zugenommen hat, seitdem sie nicht mehr raucht. Schröder berichtet zu gut gelaunt über quälende Minuten hinweg von seinem letzten Urlaub und behauptet, dass Altbundeskanzler Schröder (Gazprom!) "sich ja mit Rohrverlegen auskennt". Gottschalk lacht, auf einen Stichwortzettel schielend, die Düsseldorfer - Ministerpräsident Rüttgers unter ihnen - amüsieren sich.

Und amüsieren sich weiter, als die Saalwetten gewohnt spannungsfrei und routiniert über die Bühne gehen: Vier Münchner Schlagzeuger intonieren mit Besen und Handfegern Beatles-Songs, ein 10-Jähriger erkennt seine Stofftiere durch Ertasten mit den Füßen, ein Schwabe schafft es, einen Turm von 12 Maßkrügen umzuschmeißen - leider hatte er gewettet, 15 davon übereinander stapeln zu können. Dann unterliegt eine Reiterin im Wettrennen der Rennfahrerin Jutta Kleinschmidt, obwohl ihre vier Pferde gegen einen einzigen Rennwagen stehen. Und zum Schluss erraten zwei Saunafreunde mit verbundenen Augen die Wörter, die ihr dritter Mann laut quietschend mit dem Finger an die Glaswand einer Duschkabine schreibt. Zu alledem plappert Thomas Gottschalk.

Drumherum zeigt sich "Wetten dass...?" mal wieder offen, als das, was es ist: Ein ganz ungeheurer Unfug, bei dem vom ZDF völlig ungeniert Sponsoren präsentiert werden und von ein paar "Superstars" ihre neuen Filme (Jacqueline Bisset, Ben Kingsley), neuen Platten (Robbie Williams) oder neuen Sportschuh-Kollektionen (vom Rapper 50 Cent). Knapp ein Dutzend Gäste sitzt zeitweise nebeneinander auf dem Sofa, und nicht einmal Thomas Gottschalk, der ja sehr viel Geld für seine Moderation bekommen soll, kann überzeugend Interesse für sie heucheln. Geschweige denn ein Gespräch zustande bringen.

Schön an den weitgehend überraschungsfreien Vorgängen zur besten Sendezeit sind die bizarren kleinen Momente zwischendurch, die das Anschauen dann schon fast wieder lohnen: Wenn Gottschalk den Oliver-Twist-Film mit Ben Kingsley so faszinierend findet, weil die Geschichte "aus einem vergangenen Jahrhundert ist, es geht um Waisenhäuser und Taschendiebstähle, was man gar nicht mehr so kennt..."

Wenn sich der von den Zuschauern (Rheinländer!) fast frenetisch gefeierte Robbie Williams lässig von der Bühne macht, weil er sich vermutlich auf den Sicherheitscheck in seinem Privatflugzeug freut, und Gottschalk ihn fragt: "Where are you going?" "London." Nostalgischer Blick von Gottschalk zu 50 Cent: "Und du? Auch London?" 50 Cent, dem man die ganze Sendung lang seine extreme Ratlosigkeit ansehen kann, denkt kurz nach. "Yeah." "Aaaach" stöhnt da der Showmaster, "London. Nach London! Und wir sitzen hiiiiiier..."

Der "Talk" zwischen Gastgeber Gottschalk und dem Fußballspieler Kevin Kuranyi: "Kevin, du bist ein gefragter Sportler, die Werbung der Amis hat Dich bereits entdeckt?" - "Ja, ich mach so ein bisschen Werbung für Microsoft." - "Ist es nicht toll, wenn man merkt, dass einen der Sport über das Spielfeld hinaus bekannt macht?" - "Ich glaub, ich freu mich drauf, dass ich durch den Sport auch besondere Menschen kennenlernen kann und einfach für was werben kann."

Die Drohung Günter Netzers - den man gerne Fußballspiele kommentieren hört, aber bloß nichts anderes! - in Bezug auf die Fußball-WM: "Wir werden der Welt zeigen, dass wir nicht so sind, wie wir eigentlich in der Welt angesehen sind. Wir sind viel freundlicher und offener als wir draußen in der Welt gesehen werden. Und das werden wir der Welt beweisen während der Weltmeisterschaft: Was die Perfektion anbetrifft, kann das keiner besser als die Deutschen. Die haben das bei all ihren Veranstaltungen gezeigt!"

Die Pilcher-Verfilmung, die demnächst im ZDF läuft, und in dem Jacqueline Bisset eine Hauptrolle spielt - offenbar ohne die Tragweite der Geschichte bereits vollkommen erfasst zu haben. Als ihr Stichwort "Pilcher" fällt, unterbricht sie Gottschalk: "Die Geschichte - was passiert da? Da sind ganz, ganz viele verschiedene Persönlichkeiten in einem schottischen Dorf, und was passiert da? Die Geschichte ist toll, das gibt's die ganzen tollen Sachen! Ich bin die Intrigantin, ich komme mit dem Hubschrauber an, und dann beschuldigt man mich, dass ich etwas geklaut hätte, irgendwas von der Frau in dem Dorf. Das heißt, das ganze Dorf, die versuchen, hinter mir her zu sein..." Leider fährt ihr Gottschalk in die Parade: "Mehr wird nicht verraten, das sollen sie schließlich im Fernsehen sehen!"

Und immer wieder zwischendurch, als beschliche ihn, Gottschalk, langsam doch das Gefühl, im falschen Film zu sein, erklärt der Fant mit den silbrigen Stiefeln abwesend, während er - seit dem "Buntstiftlutscher" aufmerksamer - die blickundurchlässigen Brillen der Wettkandidaten prüft: Das müsse ganz genau gemacht werden, "sonst hätte ja alles keinen Sinn!"



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