"Wetten, dass...?" Schnüffeln, Schlabbern, Männchen machen

Ein ganzes Sofa voller Blondinen, eine putzige Zahnputzwette, kreischende Tokio-Hotel-Fans - und ein talentierter Hund, der Thomas Gottschalk beinahe die Show stahl: Die "Wetten, dass...?"-Sendung aus Friedrichshafen war ein durchaus denkwürdiger Moment deutscher TV-Unterhaltung.

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Offensichtlich gehen dem Show-Dinosaurier langsam die Wetten aus. Die Verantwortlichen beim ZDF mussten handeln und haben die so genannte "Verwandten-Wette" installiert: Jetzt sind bei der erfolgreichsten Samstagabendshow auch fremdsprachige Kandidaten erlaubt - sofern sie über hiesige Neffen, Cousins oder Tanten verfügen. Thomas Gottschalk wandte sich vor der Kamera noch mal beherzt an alle Ausländer mit Verbindungen nach Deutschland, die "Kinder oder Tiere haben, die was können". Für die geht es jetzt endlich heim ins Reich der großen deutschen Samstagabendunterhaltung.

Einer hat es schon geschafft. Ein amerikanischer Staatsbürger mit Hündin, der sein Haustier dazu trainiert hat, ein gefülltes Wasserglas auf der Schnauze zu balancieren und damit ein Treppchen vorwärts rauf und rückwärts runter zu marschieren. Der Mann heißt Alex Rothacker und seine Hündin Sweet Pea; sie ist ein Mischling. Ob denn auch ein Anteil Schäferhund dabei sei, fragte Gottschalk gestern Abend beim Herrchen nach. Nein, antwortete der verdattert. Sei das denn wichtig, um an der Show teilzunehmen? Für das kosmopolitische deutsche Fernsehpublikum offensichtlich nicht - jedenfalls konnte der Ami dank seiner Sweet Pea als Wettkönig nachhause gehen.

Das gleichermaßen drollige wie gut dressierte Tier war also irgendwie der Star des Abends. Aber Gottschalk mühte sich nach Kräften, dass ihm der Hund nicht den Rang ablief. Schnüffeln, Schlabbern, Männchenmachen: Der Moderator gab sich kreatürlicher und anschmiegsamer als je zuvor. Dass er sich diesmal gleich eine ganze Handvoll Blondinen auf die Couch geholt hatte, befeuerte natürlich seinen Körperkontaktaufnahmetrieb. Bei der amerikanischen Popsängerin Beyoncé Knowles, die zur Zeit helle Strähnchen trägt, nestelte er zärtlich an den silbernen High Heels rum, bei der deutschen Popsängerin Yvonne Catterfeld rutschte ihm die Nase tief ins rückenfreie Kleidchen.

Der Duft der Frauen

Vielleicht ist es tatsächlich der Duft der Frauen, der den alten Showköter Gottschalk antreibt. Auf jeden Fall hat er eine recht effiziente Methode entwickelt, sein Revier zu markieren und von Nebenbuhlern freizuhalten. Die Wette, die er bei seiner letzten Show gegen das Publikum verloren hatte, löste er schon kurz vor der gestrigen Sendung ein. Da stieg er im Borat-Badeanzug in Friedrichshafen in den 5 Grad kalten Bodensee. Mit seinem Burt-Reynolds-Gedächtnis-Schnauzer und seinen erst jüngst vom personal Trainer neu in Form gebrachten Körper machte er eine gute Figur, trotzdem hatte man ein wenig Angst um ihn. Männer jenseits der 50 werden leicht übermütig.

Perfiderweise verdonnerte Gottschalk dann auch noch den Altrocker Peter Maffay, den einzigen erwachsenen Mann neben ihm auf dem Showsofa, nach dessen verlorener Wette dazu, live vor Ort eine Stange mit Gewichten bis zur absoluten Erschöpfung zu stemmen. Auch eine Art, seine Nebenbuhler auszuschalten.

Bei soviel Kraftmeierei und kessem Geknurre gerieten die Gespräche mit den weiblichen Gästen zuweilen in den Hintergrund. Doch schließlich waren die Damen (und Tokio-Hotel-Sänger Bill Kaulitz samt kreischender Fans) ja auch gekommen, um etwas zu verkaufen. Maria Furtwängler zum Beispiel, die ein im März in der ARD laufendes Geschichtsdrama zum Thema Flucht und Vertreibung bewerben wollte, textete Gottschalk mit lustigen Geschichten über seine schlesische Großmutter voll – bis die Aktrice trocken konterte: "Es ist uns leider nicht gelungen eine Komödie zu drehen."

Auf der Suche nach den Piercings

Was indes die scheidende ZDF-Moderatorin Nina Ruge ("Leute heute") am Samstag abend in Friedrichshafen ganz genau promoten wollte, wurde nicht so recht deutlich. Sie redete irgendwas von Lebensart, Schuhen und "Schokolade mit ethischem Hintergrund". Gottschalk ließ sie labern und freute sich darauf, der unter Arachnophobie leidenden Kollegin nach ihrer verlorenen Wette eine Vogelspinne auf die Hand zu setzen.

Dann überzog der Showmaster wieder gnadenlos, verschenkte Geld, das ihm nicht gehört, und löcherte eine Klasse gerade mal volljähriger Abiturientinnen, die mit einer züchtigen Zahnputzwette antraten, ganz unzweideutig, an welchen Stellen ihrer Körper sie denn ihre Piercings versteckt hätten.

Ganz brav gab sich der Gastgeber hingegen, als es darum ging, den Luxusschlitten des Sponsoren Audi ins Bild zu rücken: Da machte der Blondgelockte wie das Model eines Autohauses eine langsame und perfekt ausgecircelte Runde um das 420-PS-Gerät, das Anrufer mit einem 50 Cent teuren Anruf gewinnen konnten. Das ist wohl der Widerspruch, der Thomas Gottschalk und seinem Format diesen dauerhaften Erfolg beschert: Er macht auf wilden Hund – kann aber eben auch den perfekt dressierten Pudel geben. Die Quote stimmte jedenfalls: 13,49 Millionen deutsche Zuschauer hatte die Sendung, der Marktanteil lag bei sagenhaften 42,5 Prozent.



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