"Wetten, dass...?" Weniger Perfektion wagen!

Denzel Washington und Christina Aguilera in Bremen, 12,7 Millionen TV-Zuschauer: Die letzte "Wetten, dass…?"-Ausgabe des Jahres schnurrte ab wie am Schnürchen. Höhepunkte der Show aber waren weniger die Stars aus Übersee sondern Weihrauchraten, Basstubablasen - und ein Rückkehrer namens Yusuf.


Hamburg - "Ach, du bist das, ich hab dich erst gar nicht erkannt", nuschelte Helge Schneider im Hereinkommen Thomas Gottschalk an – und dann, die anderen Wettpaten auf dem Sofa begrüßend: "Ich dachte, ich bin bei Sabine Christiansen." Sprach’s, platzierte sich zwischen Linda de Mol und den Gastgeber und verkündete: "Viertel nach zehn schon, soll’n wir nich mal nach Hause gehen?" Das genau hatten zwar Denzel Washington (Ankunft: 21.45 Uhr) und Showact Christina Aguilera gerade gemeinsam getan, Schneider und der Rest allerdings durften noch nicht: Es galt die Schlusswette zu absolvieren, bei der ein mit lustigen Augenklappen versehener Mann vier Cocktails ausschließlich am Geräusch des Mixens erkannte.

Wirklich subversive Prägung konnten die kleinen Einsprengsel Schneiders der Show nicht mehr verleihen: zum einen aus schierem Zeitmangel, zum anderen, weil natürlich auch der Katzeklo-Blödler gekommen war, um für seine neue Hitler-Satire "Mein Führer" zu werben. Insgesamt schnurrte die aus Bremen übertragene 165. Ausgabe der ZDF-Wetterei routiniert und im Rahmen des vertrauten Sendungskonzepts ab – was bekanntlich beinhaltet, dass jeder Anwesende etwas Eigenes zu promoten hat (nicht zuletzt Gottschalk und sein Sender), die US-Stars immer etwas früher losmüssen, die Wetten und ihre Macher immer professioneller werden und überhaupt alles so pickepacke voll ist, dass für echte Interaktion kaum Zeit bleibt.

Mähnenmann Gottschalk, angetan mit einem goldbesetzten Lederjackett und Ziegenbärtchen, hat dabei im Lauf der Jahre einen Moderationsstil entwickelt, der zu diesen Mankos perfekt passt: Wenn neben Schneider und der wohl neuerdings schauspielernden "Traumhochzeit"-Moderatorin de Mol ("Mr. Nanny – Ein Mann für Mama") der zipfelbemützte Otto und Cosma Shiva Hagen über ihren "Zwergen"-Klamauk plaudern und Iris Berben und Robert Atzorn für den neuen ZDF-Dreiteiler "Afrika, mon amour" trommeln, wer wollte dann auf tiefer schürfende Erörterung der Werke drängen? Und wer könnte es angesichts von Gottschalk-Fragen wie "Ist das was Besonderes, auch in einem anderen Land als Amerika Erfolg zu haben" (zu Nickelback-Sänger Chad Kroeger) den Gästen verdenken, dass sie möglichst schnell das Weite suchen? Eher schon ist man da für den permanent suggerierten Zeitmangel dankbar, weil man sich so weniger fremdschämen muss.

Nach zäher Anfangsphase mit Vorstellung der Stadtwette (Kann der 110 Kilogramm schwere Humor-Veteran Karl Dall zugunsten der Unicef in DM-Münzen aufgewogen werden?) und altväterlich-krampfigen Gottschalk-Sprüchen über seinen Hang, an weiblichen Gästen rumzuzupfen, erfüllte die erste Wette die Funktion einer erleichternden Situationsauflösung: Fünf norddeutschen Hufschmieden gelang es, in zweieinhalb Minuten ein Stück Stahl auf einem Amboss so heiß zu schlagen, dass darauf ein Spiegelei gebraten werden konnte. Nicht ganz so gut gelang die Ablenkung der folgenden Wette, für die Berben und Atzorn die Patenschaft übernehmen mussten: Ein Videothekenangestellter ertastete blind vier DVDs in den Regalen seines Ladens. Vielleicht hing der etwas geringere Sympathiefaktor dieser Übung aber auch mit Gottschalks Kirmes-Kalauern zusammen, mit denen er die gesuchten Filmtitel kommentierte: "Sag kein Wort" – "ein Stummfilm wahrscheinlich"; "From hell" – "to dunkel"; "Hals über Kopf" – " der ist aber nicht aus der Pornoecke"; "Double Zero" – "es geht auf die Toilette".

Zu großer Entertainer-Form lief Gottschalk nur im Mittelteil der Show auf: Spürbar ganz bei sich war er bei der Linda-de-Mol-Wette, dass ein Junge und ein Mädchen aus 40 Weihrauchsorten vier am Duft würden erkennen können – da wirbelte der einstige Messdiener entfesselt umher, deutete liturgische Gesänge an, half galant den strauchelnden Kandidaten, als sie die Geruchsnote "Benedictum" zu verkennen drohten ("Wie heißt der Neue?"), und schwenkte lustvoll Weihrauch ins Publikum ("ist auch gut für die Klamotten"). Dramaturgisch günstig folgte mit Yusuf, formerly known as Cat Stevens, dann der einzige Musik-Act, bei dem Gottschalk so etwas wie Leidenschaft versprühte: "Bisschen müssen wir uns unterhalten", lotste der ehemalige Radio-Moderator den nach 25-jähriger Bühnenpause ins Geschäft zurückgekehrten Sänger aufs Sofa, "dafür habe ich zu lange darauf gewartet". Und nach dem leider überorchestrierten Plan-Auftritt Yussufs entlockte er dem Künstler eine – vom Publikum frenetisch zerklatschte – Akustik-Version des Klassikers "The wind".

Nach diesem unerwarteten Höhepunkt war Denzel Washington an der Reihe – der mit dem Helikopter eingeflogene Hollywoodstar durfte bestaunen, wie ein Ungar aus Wien es schaffte, auf einer vermeintlich behäbigen Basstuba ein Stück schneller zu spielen als ein durchaus virtuoser Widerpart auf dem Xylophon. Die Kür seines Schützlings zum Wettkönig des Abends verpasste er aufgrund seines schnellen Abgangs nach Aguileras Song-Performance freilich ebenso wie den Erfolg der Cocktailtester und die Niederlage Gottschalks bei der Stadtwette mit Karl Dall: Der Komiker wurde mühelos in DM-Münzen aufgewogen, nun muss der Entertainer beim Januar-Gastspiel in Friedrichshafen in den kalten Bodensee springen.

Ein spektakuläres Show-Element fürs neue Jahr scheint "Wetten, dass…?" auf diese Weise also schon mal sicher – dass der Samstagabend-Dinosaurier des ZDF auch 2007 seine Kreise ziehen wird, steht außer Frage. Vielleicht gelingt es ja den Machern sogar, den Gästen und dem Moderator künftig wieder ein bisschen weniger Selbstvermarktung und dafür mehr Anteilnahme am Geschehen abzuverlangen. Nicht zufällig waren schließlich die schlingernden Weihrauch-Probanden, der helfende Moderator und der Zusatz-Gig von Yusuf die kleinen Höhepunkte des Abends. Solche Abweichungen von der Routine machen schließlich den Charme des Unperfekten und den eigentlichen Reiz einer Liveshow aus.



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