Margarete Stokowski

S.P.O.N. - Oben und unten Frauen sind gar keine Rudeltiere

Im Netz haben Opfer von Vergewaltigungen und Missbrauch zum ersten Mal darüber gesprochen, warum sie bislang über ihr Leid geschwiegen haben. Meist sind es Frauen, die solche Aktionen starten. Sind sie nur im Kollektiv glaubwürdig?


"Maria aber bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach", heißt es im Weihnachtsevangelium. Super, Maria. Nachdenken ist gut. Aufgeschrieben haben es aber andere. Wahrscheinlich wäre es eine andere Geschichte geworden, wenn die Gottesmutter sie erzählt hätte. Maria aber war im Mutterschutz.

Wer nicht für sich spricht, für den sprechen andere. Oder niemand.

Vor ein paar Tagen haben sehr viele Leute zu einem bestimmten Thema zum ersten Mal für sich gesprochen. Es gab mal wieder eine dieser Hashtag-Aktionen auf Twitter, ähnlich wie der #Aufschrei, bei dem es darum ging, Alltagssexismus sichtbar zu machen. Diesmal hieß der Hashtag "Why I said nothing": Frauen und Männer schrieben darüber, warum sie nicht offen über eine erlebte Vergewaltigung oder andere Formen sexualisierter Gewalt  sprechen konnten.

Mal schwiegen sie aus Angst vor dem Täter, mal aus Unwissenheit, ob es sich wirklich um eine Straftat handelte, mal aus dem Bedürfnis, zu verdrängen, was passiert war, oder aus der Erwartung, nicht ernst genommen zu werden.

Aktionen wie #Aufschrei oder #WhyISaidNothing werden von Unbeteiligten oft belächelt oder nervig gefunden. Diejenigen, die mitmachen, werden belästigt oder bedroht und müssen die immer gleichen Vorwürfe hören: Sie würden bloß Aufmerksamkeit wollen - was sicher nicht ganz falsch ist, denn es geht ja unter anderem darum, auf Probleme hinzuweisen, also Aufmerksamkeit zu schaffen -, oder sie würden sich Taten ausdenken oder das falsche Forum wählen: Bestimmte Dinge solle man doch privat oder juristisch klären, aber bitte nicht im Internet; man müsse ja wohl nicht aus allem ein Politikum machen.

Auffallend ist, dass solche kollektiven Aktionen wie #WhyISaidNothing oder #Aufschrei besonders oft von Frauen initiiert und getragen werden.

"Wir haben abgetrieben!", die "Stern"-Titelseite von 1971, war ein ähnlicher Fall, wobei es sich hier nicht um Opfer von Belästigung oder Gewalt drehte, sondern um Frauen, die erklärten, gegen geltendes Recht verstoßen zu haben. Immer aber geht es um ein Tabuthema, das angesprochen wird.

Im November erschien im "New York Times Magazine" eine Geschichte, zu der das Titelbild ganz ähnlich aussah wie das der erwähnten "Stern"-Ausgabe:"The Women of Hollywood Speak Out"  hieß der Text, in dem haufenweise Filmemacherinnen über Sexismus in der Branche sprachen.

"Toller Artikel", kommentierte die Journalistin Lara Fritzsche , "aber: habe den Eindruck, dass sich Berichte über die Lebensrealität von Frauen zunehmend über Zahl der Betroffenen legitimieren. Erinnere mich aber nicht an eine geäußerte Männerwahrnehmung, für die es 63 Zeugen brauchte."

Einige Monate zuvor waren im "New York Magazine"  die Stimmen von 35 Frauen versammelt worden, die erklärten, sexualisierte Gewalt durch den Komiker Bill Cosby erfahren zu haben. Einige von ihnen hatten zuvor schon darüber gesprochen - und wurden dafür bedroht, angegriffen oder ihnen wurde schlicht nicht geglaubt.

"Oft wird einer Frau, die angegriffen wurde, selbst die Schuld gegeben"

Es scheint, als würden Frauen, die Probleme ansprechen, nur im Kollektiv wahr- und ernst genommen werden. Klar, könnte man sagen: Fünfzig Zeugen helfen mehr als einer, das ist bei Handydiebstählen nicht anders als bei Vergewaltigungen. Aber warum gibt es vergleichbare Kollektiv-Aktionen so selten von Männern? Und wie viele Frauen braucht es, damit ihre Geschichten gehört werden?

"Oft wird einer Frau, die angegriffen wurde, selbst die Schuld gegeben", sagte die US-amerikanische Essayistin Rebecca Solnit kürzlich in einem Interview . "Oder sie wird wie eine Kriminelle behandelt, eine Lügnerin, eine Irre, eine unzuverlässige Zeugin, die nicht wiedergeben kann, was ihr widerfährt." Solnit beschreibt diese Tatsache fast wie eine Art Kulturgut: "Frauen, die die Wahrheit sagen, werden diskreditiert, seit Gott Apollo Kassandra verfluchte, die ihn zurückgewiesen hatte."

Warum ist das so? Hängt es womöglich mit unserem Frauenbild zusammen - ganz, ganz vielleicht? Ist es vielleicht logisch, der Aussage einer Frau nicht ganz so viel Gewicht beizumessen in einer Gesellschaft, die von Frauen immer noch ein liebliches Lächeln erwartet und ihnen immer wieder übertriebene Emotionalität zuschreibt?

Vielleicht ist es kein Wunder in einer Gesellschaft, die weibliches Leiden ohnehin gerne ins Unsichtbare drängt, mariamäßig: "Bewegt es doch in euren Herzen, Mädels." Es ist 2015 und wir haben eine Gesellschaft, in der Frauen auch dann die Hausarbeit erledigen, wenn sie Haupternährerinnen der Familie  sind, und in der Kinder sich nicht vorstellen können, dass der Weihnachtsmann eine Frau sein könnte, weil sie sich "im Himmel verfahren" würde, und in der eine große Tageszeitung  denkt, man könne Frauen zu Weihnachten eine Freude machen mit einem kabellosen "2in1-Handstaubsauger mit Swarovski-Kristallen veredelt". So viel zum Ernstnehmen.

Es ist natürlich schön einfach, Frauen, die bei Aktionen wie #WhyISaidNothing oder den anderen mitmachen, zu unterstellen, sie würden das nur aus Aufmerksamkeitsgeilheit tun oder aus der bloßen Unfähigkeit, die richtige Plattform zu wählen. Und natürlich ist es nervig, in einem Forum , in dem Leute am liebsten über "Germany's Next Topmodel", den "Tatort" oder das "Dschungelcamp" sinnieren, plötzlich etwas über Vergewaltigung zu lesen. (Man muss sich das aber auch nicht geben. Dazu gibt es die Mute-Funktion, und die ist gerade im Zusammenhang mit dem "Dschungelcamp" sehr praktisch.)

Doch der Versuch, solche Aktionen auf einzelne Charakterschwächen oder Blödheit zurückzuführen und damit ins Unsichtbare zu drängen, verneint ihr politisches Potenzial. Nicht jede Hashtag-Kampagne ist politisch; die meisten von irgendwelchen YouTubern ausgerufenen Dödeleien sind es nicht. Aber das Öffentlichmachen von häufig verschwiegenen Themen kann ganz genuin politisch sein.

Der Satz "Das Private ist politisch" heißt nicht, dass es reicht, sich um das Private zu kümmern, und alles wird gut - schon gar nicht, wenn es sich um strukturelle Probleme handelt. Niemand ist verpflichtet, sie öffentlich zu machen, aber es ist ein politischer Akt, es zu tun und damit "in die Welt" zu treten, wie Hannah Arendt sagen würde. Und sich als Opfer von etwas zu erkennen zu geben, ist in einer Gesellschaft, in der "Opfer" ein Schimpfwort ist, sehr mutig. Es ist gut und wichtig, dass Leute sich hierzu ein Herz fassen.

Es wäre nur besser, wenn sie auch einzeln gehört würden und nicht nur im Kollektiv. Frauen sind nämlich gar keine Rudeltiere. Im Gegensatz zu Rentieren, zum Beispiel. Frohe Weihnachten.


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Foto: SPIEGEL ONLINE