Zum Tod von Wibke Bruhns Ein Leben als Kunstwerk

Dass sie in den Siebzigerjahren als Frau im Journalismus mit Klischees konfrontiert wurde, amüsierte Wibke Bruhns. Sie war eine Suchende im Namen der Aufklärung - den eigenen Lebensweg beschritt sie dabei stets konsequent.

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Eine Erinnerung von


Wibke Bruhns musste immer lachen, wenn sie Geschichten aus dem Leben von Wibke Bruhns hörte. Die Geschichte über Wibke Bruhns als erste Frau in einer westdeutschen Nachrichtensendung etwa, die Zuschauerbriefe später. Oder die Fragen nach Willy Brandt, mit dem ihr lange Zeit eine Affäre unterstellt wurde.

Sie fand die Zeit damals, die Reaktionen auf sie als Journalistin, einfach die ganzen verquer-verklemmten Gedanken, die sich gewisse Männer um sie machten, hoch komisch. Sie hielt sich nicht mit Kritik oder Empörung auf, sondern fragte sich, wie man überhaupt so denken kann: eine Frau, wie sie, auf ihre äußere Erscheinung zu reduzieren und die Neugier auf den Bereich des Privatlebens zu beschränken. Das alles fand sie lustig wie Loriot.

Bruhns wechselte die Themen, die Genres und die Arbeitgeber, ohne ihre Prinzipien und Methoden zu ändern. Ihr faszinierender Lebensweg entsprach ihrer komplexen, freundlichen Persönlichkeit. Schon ihre schulische Laufbahn in der Nachkriegszeit war ein erster Vorschein kommender Unruhe. Sie wechselte die Internate, kam von Plön nach Berlin, später nach London.

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Wibke Bruhns: Mehr als eine Nachrichtenvorleserin

Sie begann ihre Laufbahn bei der "Bild"-Zeitung, war dann beim NDR und der "ZEIT", schrieb 1971 als erste Nachrichtensprecherin in der "heute"-Sendung des ZDF westdeutsche Geschichte. Wenn man ihr meisterliches Buch "Meines Vaters Land" über die Geschichte ihrer Familie, insbesondere ihres Vaters Hans Georg Klamroth und ihrer Mutter Else, liest, erkennt man, dass diese Mobilität der Ausdruck einer Suche war. In der Familie Klamroth liegen Glanz und Elend der deutschen Geschichte besonders nah beieinander. Der Vater war ein Antisemit und früh überzeugter Nazi, der später als Mitwisser zum Kreis der Attentäter des 20. Juli 1944 stieß und hingerichtet wurde.

In der Nachkriegszeit gehörten solche Familien dazu - und auch wieder nicht. Bruhns wählte konsequent das Lager der Liberalisierung, des Fortschritts, ohne ihren Eigensinn aufzugeben. Sie machte Wahlkampf für Willy Brandt, aber demonstrierte damit eher die Vielfalt um den großen Sozialdemokraten, als dass sie sich in den Parteiapparat eingegliedert hätte.

Sie wurde 1979 für den "Stern" Korrespondentin in Israel, später in den USA, ging zum Privatsender Vox, dann wieder zum öffentlich-rechtlichen RBB und wurde Pressesprecherin der Expo 2000. Es war eine Karriere in Stationen und Mosaiksteinen, ein Leben als Kunstwerk und als Arbeit an der Aufklärung.

Nun ist Wibke Bruhns gestorben, sie wurde 80 Jahre alt. Bei unserem letzten Treffen in Berlin vor einigen Jahren sprang sie sicher von Thema zu Thema, bester Dinge, um beim Stolz auf ihre Töchter zu landen. Die Schwärze der Geschichte und die Düsternis des Horizonts hatten keine Chance gegen ihren gegenwärtigen, wachen Geist. Es war ein Glück mit ihr.



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