Margarete Stokowski

Lebensratgeber Wie kann ich als Mann Feminist sein?

Reicht es, mit der Tochter ab und an Fußball zu spielen? Viele Männer fragen sich, wie sie feministisch handeln können. Hier kommen Tipps für ein gleichberechtigtes Leben - und für ein gesünderes.
Demonstrant beim Women's March

Demonstrant beim Women's March

Foto: Ethan Miller/ Getty Images

Als in den vergangenen Monaten wieder mehr darüber gesprochen wurde, dass Abtreibung in Deutschland immer noch nicht legal ist, haben mich mehrere Männer gefragt, ob ich glaube, dass ihre Meinung dazu relevant ist. Ob sie darüber schreiben sollen oder lieber die Klappe halten. Kommt drauf an.

Es gibt unter Feministinnen zum Teil die Haltung: "no uterus, no opinion". Das heißt, wer keine Gebärmutter hat, soll keine Meinung zu Abtreibung äußern. Ich sehe das nicht so. Wenn Sie mich fragen, haben alle Menschen das Recht und die Möglichkeit, sich für körperliche Selbstbestimmung einzusetzen, sich mit bestehenden Kämpfen zu solidarisieren oder eigene zu beginnen. Mit Uterus oder ohne. Das Einzige, was nicht geht und niemand sich bieten lassen muss, ist, wenn Menschen (egal welchen Geschlechts) Schwangeren oder potentiell Schwangeren darüber Vorschriften machen wollen, wie sie mit ihrem Körper umzugehen haben.

Die Frage berührt ein größeres Thema, nämlich die Diskussion darüber, ob Männer überhaupt Feministen sein können. Theoretisch ist das keine besonders komplizierte Sache. Wenn Feminismus bedeutet, dass alle Menschen die gleichen Rechte und Freiheiten haben sollten, unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer Sexualität, ihrem Körper, dann steht es allen Menschen frei, sich dafür einzusetzen.

Nun ist Feminismus kein geschützter Begriff und es gibt erfahrungsgemäß nicht wenige Männer, die anfangen, sich Feministen zu nennen, sobald sie mit ihrer Tochter einmal Fußball gespielt haben. Und dann wieder gibt es viele, die sich gerne engagieren würden und keine Ahnung haben, wie sie das tun sollen.

Ich hab nicht mitgezählt, aber ich glaube, neben Fragen nach Umgang mit Hate Speech war die Frage, was Männer für den Feminismus tun können, eine der meistgestellten auf meinen Lesungen in den letzten Jahren. Für all diese Männer, und für all die anderen, hier mein Servicetext zur Frage: Wie können Männer Feministen sein? Die Liste ist unvollständig und die Reihenfolge egal. Erledigen Sie so viele Punkte wie möglich, dann sind Sie auf der sicheren Seite.

  • 1. Erwarten Sie keine kostenlose Nachhilfe von Frauen in Sachen Feminismus. Informieren Sie sich selbst, das Internet ist voll und die Bibliotheken auch.
  • 2. Lesen Sie Bücher von Frauen, sehen Sie Filme von Frauen, hören Sie Musik von Frauen.
  • 3. Behaupten Sie nie wieder, Frauen hätten nichts Großes erfunden und informieren Sie sich stattdessen darüber, was Ihnen bisher entgangen ist .
  • 4. Lesen Sie weiter, auch wenn Sie ungern belehrt werden, vielleicht kommt am Ende raus, dass Sie längst Feminist sind.
  • 5. Fragen Sie sich, ob es eine Frau gibt, die Ihr Vorbild ist. Wenn Ihnen nur Ihre eigene Großmutter einfällt, fragen Sie sich, warum das so ist.
  • 6. Lassen Sie Frauen ausreden.
  • 7. Unterbrechen Sie Männer, die Frauen unterbrechen.
  • 8. Glauben Sie Frauen, wenn sie von ihren Erfahrungen berichten, auch wenn es Ihnen schwerfällt. Neulich gab es ein Video, das viral ging: Eine Frau trug in einem Club ein "smart dress", das die Menge der Berührungen maß, die unerlaubt auf ihrem Körper landeten. Viele Männer reagierten geschockt auf die Vielzahl der Übergriffe . Sie hätten das auch einfacher haben können, mit Zuhören.
  • 9. Geben Sie Frauen keine unerbetenen Ratschläge und vor allem keine, die Sie bei Männern unangemessen fänden.
  • 10. Fangen Sie keine Sätze an mit "Ich könnte dein/ Ihr Vater sein,...".
  • 11. Beenden Sie auch keine Sätze so.
  • 12. Kommentieren oder berühren Sie die Körper oder Kleidung von Frauen nicht, wenn Sie auch nur den geringsten Zweifel haben, ob das gerade unangemessen ist. Unangemessen ist es in den meisten beruflichen Situationen, in öffentlichen Verkehrsmitteln, und bei Frauen, die nicht so aussehen, als wären sie an einem Gespräch interessiert (Kopfhörer sind ein guter Hinweis dafür). Wenn Sie denken, dass Sie dann ja gar nichts Nettes mehr sagen können, denken Sie noch mal nach.
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Stokowski, Margarete

Untenrum frei

Verlag: Rowohlt Taschenbuch
Seitenzahl: 256
Für 12,00 € kaufen

Preisabfragezeitpunkt

10.12.2022 00.08 Uhr

Keine Gewähr

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  • 13. Sagen Sie Frauen mit kurzen Haaren oder Fingernägeln nicht, dass Sie lieber lange Haare oder Fingernägel mögen. Die ahnen das schon. Sagen Sie geschminkten Frauen nicht, dass Sie lieber ungeschminkte mögen.
  • 14. Laufen Sie nachts nicht dicht hinter fremden Frauen her, auch wenn Sie den gleichen Weg haben. Gehen Sie langsamer oder auf der anderen Straßenseite. Wirklich.
  • 15. Bezahlen Sie Frauen für ihre Arbeit, mindestens so viel wie Männer.
  • 16. Geben Sie Ihrer Tochter mindestens so viel Taschengeld wie Ihrem Sohn im selben Alter.
  • 17. "Helfen" Sie Ihrer Partnerin nicht im Haushalt: Machen Sie einfach die Hälfte.
  • 18. Denken Sie nicht, dass Sie schon Feminist sind, weil Sie nett zu Ihren weiblichen Familienangehörigen sind.
  • 19. Fordern Sie Frauen, die nicht lächeln, niemals zum Lächeln auf.
  • 20. Oder, wenn Sie es bei Frauen nicht lassen können: Fordern Sie auch mal Männer, die nicht lächeln, zum Lächeln auf, und fühlen Sie mal, wie bescheuert das ist.
  • 21. Wann immer Sie unsicher sind, ob Sie etwas Sexistisches sagen oder tun, machen Sie die einfachste Sexismusprobe, die es gibt: Vertauschen Sie im Kopf die Geschlechterrollen und schauen Sie, ob es merkwürdig wird. Wenn Sie gerade über eine Frau sagen wollten, dass sie wahrscheinlich so anstrengend ist, weil sie keine Kinder hat, fragen Sie sich, ob Sie über einen Mann auch so reden würden.
  • 22. Wenn Sie ein Baby kriegen, nehmen Sie mehr als die zwei Monate Elternzeit. Wenn Sie nur die zwei Monate nehmen: Fahren Sie nicht zwei Monate nach Thailand. Und schreiben Sie während der zwei Monate kein Buch/ Blog darüber, was für ein neuer Mensch Sie in dieser Zeit geworden sind.
  • 23. Sagen Sie lieber nicht, dass Sie so richtig verstanden haben, wie viel Ungerechtigkeit es noch gibt, seit Sie eine Tochter haben. Also, sagen Sie das ruhig, aber seien Sie sich bewusst, dass Sie damit sagen, dass Sie sich nie richtig mit Ihrer Mutter, Frau, Schwester, ihren Freundinnen und Bekannten beschäftigt haben.
  • 24. Informieren Sie sich über Menstruation, PMS, Schwangerschaft, postnatale Depression, Verhütung, Geschlechtskrankheiten, Toxisches Schocksyndrom und Anzeichen von Herzinfarkten und Schlaganfällen bei Frauen . (Das Neo Magazin Royale hat neulich zum Frauentag Videos gemacht, in dem die männlichen Mitarbeiter Menstruation  und verschiedene Verhütungsmittel  erklären sollten, es war unterirdisch.)

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  • 25. Falls Sie etwas mehr Zeit haben: Werden Sie Entbindungspfleger.
  • 26. Lachen Sie nicht mit, wenn Ihre Kolleginnen oder Freunde frauenfeindliche Witze machen. Merken Sie sich den Satz "find ich nicht lustig". Falls Sie es doch lustig finden: Interessant, dass Sie bis hierher gelesen haben. Bleiben Sie dran.
  • 27. Ungefähr jede dritte Frau in Deutschland wird am Arbeitsplatz belästigt . Schützen Sie keine Täter, auch wenn die ansonsten sogenannte nette Kollegen sind. Die allermeisten Sexualstraftäter sind, wenn sie nicht gerade übergriffig sind, ganz normale, "nette" Typen.
  • 28. Wenn Sie Belästigung oder andere Übergriffe beobachten, gehen Sie dagegen vor. Tun Sie das, ohne für die Betroffenen zusätzlich belastend zu werden. Nicht jede Geschichte braucht einen Helden.
  • 29. Erklären Sie Feministinnen nicht, dass es eigentlich "Humanismus" heißen müsste und nicht "Feminismus".
  • 30. Geben Sie zu, wenn Sie von etwas keine Ahnung haben. Das ist pures Gold.
  • 31. Nennen Sie erwachsene Frauen nicht "Mädchen" oder "Mädels", oder alternativ: Nennen Sie erwachsene Männer auch "Jungs". Aber lieber das Erste.
  • 32. Sehen Sie Frauen nicht als Vertreterinnen einer Spezies. Wenn Ihnen eine Feministin nicht passt, sagen Sie nicht: "Wegen Ihnen kann ich Feminismus nicht mehr ernst nehmen." Das ist nur peinlich.
  • 33. Erwarten Sie keine eindeutigen, endgültigen Antworten auf Ihre Fragen, denn Feminismus ist eine extrem vielfältige Bewegung und es gibt darin die unterschiedlichsten Positionen.
  • 34. Nennen Sie nie wieder eine Frau hysterisch, oder alternativ: Nennen Sie Männer auch so. Informieren Sie sich über den Ursprung des Begriffs "Hysterie" .
  • 35. Wenn Frauen etwas kritisieren, nennen Sie sie nicht überempfindlich. Wenn Sie Feministinnen anstrengend finden, fragen Sie sich, warum genau.
  • 36. Daten Sie auch Frauen, die mehr verdienen als Sie.
  • 37. Machen Sie nicht bei Konferenzen oder Podiumsdiskussionen mit, zu denen nur Männer eingeladen werden. Schlagen Sie Frauen vor, zitieren Sie Expertinnen. Nutzen Sie Ihre Privilegien, um gegen Ungerechtigkeiten vorzugehen.
  • 38. Werden Sie nicht wütend (hysterisch), wenn Sie auf Ihre Privilegien angesprochen werden.
  • 39. Erwarten Sie keinen Applaus, erwarten Sie Streit und Kritik. Wenn Sie glauben, dass Sie für Ihren Einsatz für Gleichberechtigung mehr Anerkennung verdienen als eine Frau, lassen Sie es lieber gleich.
  • 40. Bedanken Sie sich bei Feministinnen für ihre Arbeit. Männern, die an veralteten Geschlechterrollen festhalten, drohen mehr psychische Probleme , hat eine Studie 2016 gezeigt (PDF) . Toxische Männlichkeit ist heilbar . Schützen Sie sich! Dankeschön!

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