Wiedereröffnung der Berliner Volksbühne Meer ist weniger

Aufbruch an der Berliner Volksbühne? Mit der Uraufführung von Friedrich von Gagerns "Ozean" hat Frank Castorfs angeschlagenes Haus am Donnerstagabend wiedereröffnet. Hoffentlich war das Stück kein Vorgeschmack auf die kommende Saison - dann dürfte Langeweile regieren.

DPA

Von


Ein Nebelhorn ertönt durch Berlin-Mitte. Es kommt vom Dach der Volksbühne, die am Donnerstagabend nach halbjähriger Renovierung mit der Uraufführung von Friedrich von Gagerns "Ozean" wiedereröffnet. "Meer Macht" ist das Motto der neuen Saison am Rosa-Luxemburg-Platz, am 25. November folgt "Seestücke", eine Collage aus Textfragmenten von Friedrich Schiller.

Die kriselnde Volksbühne als schlingerndes Schiff, Intendant Frank Castorf als orientierungsloser Kapitän, sein neuer Chefdramaturg Stefan Rosinski als Lotse, die Wirtschaftskrise schlägt Wellen, Deutschland in Seenot, Schiffsbrüchige allenthalben - eigentlich hat man schon vor der Eröffnung die Nase voll von der maritimen Metaphorik, die sich so anbietet. "Keine Redensarten jetzt!", sagt aber zum Glück der Kapitän in "Ozean" selbst. Deshalb: zum Stück und Castorfs Inszenierung.

Friedrich von Gagern war in zwanziger Jahren ein Erfolgsautor, das Programmheft der Volksbühne schreibt in hinreißender Verdrehung sogar: "Eine halbe Million Bücher veröffentlichte der 1882 in der Krain (heute Slowenien) geborene Schriftsteller". Es waren wohl eher einige Dutzend, in jedem Fall erreichten von Gagerns Jagd- und Western-Schinken Bestseller-Auflagen und die Herzen von romantisch veranlagten Menschen wie Heiner Müller. Dessen Vorliebe für von Gagern ("Konnte noch bis kurz vor seinem Tod ganze Sätze aus diesen Büchern zitieren", raunt man in der Volksbühne ehrfürchtig) musste auch schon als Begründung für die Dramatisierung seiner Novelle "Der Marterpfahl" herhalten, die Castorf 2005 auf die Bühne brachte. "Ozean" ist von Gagerns einziges Theaterstück, das seit seiner Entstehung 1921 jedoch nie aufgeführt wurde.

Schwarz glänzende Folie hüllt an diesem Abend sowohl die Bühne als auch den Zuschauerraum ein. Für zwölf Millionen Euro wurden Bühnentechnik, Bestuhlung und Belüftung im vergangenen halben Jahr modernisiert. Auf dem Rang sitzt man nun in brandneuen Stühlen, im Parkett für diesen Abend ausnahmsweise in blitzend weißen Seesäcken. Das Gefühl, in einem Schiffsrumpf/Walfischbauch zusammen zu kommen, wird leidlich effizient hergestellt - allein: Es ist so naheliegend und überraschungsarm wie der gesamte Abend.

Dabei erstaunt zunächst, wie gut der obskure von Gagern zu Castorf passt: Seine Geschichte einer Gruppe von deutschen Auswanderern, die sich auf einem Schiff Richtung Amerika trifft und dort die Wunden ihrer gescheiterten Revolution von 1848 leckt, bietet Trash und Wahrhaftigkeit zugleich. Die Sprache ist derb und temporeich, der zaghaft aufkeimenden Revolutionsromantik fahren Ironie und Klamauk wiederholt ins Zeug. Purer Volksbühnen-Stoff also? Eben nicht, denn eigentlich ist es Castorfs große Stärke, brachialen Witz und politische Brisanz dort zu finden, wo man sie nicht vermutet - und wo sie den Stoffen zuwiderlaufen.

Die Rampensäue fehlen

Macht es an diesem Abend nun der Text Castorf zu leicht oder macht es sich Castorf mit dem Text zu leicht? In jedem Fall liefert "Ozean" dem ermatteten Intendanten ("Ich kann die Volksbühne nicht neu erfinden, ich kann auch mich selbst nicht neu erfinden.") reihenweise Vorlagen, die dieser uninspiriert verwandelt. Aufstände werden geprobt, Ideale verraten, Loyalitäten gewechselt, dazu ein bisschen geballert und gestorben, obendrauf Alleinunterhalter-Einsätze von Mex Schlüpfer.

Üppige vier Stunden sind dafür veranschlagt, bei der Premiere hängen sich zusätzlich quälende dreißig Minuten dran. Viel Zeit, um sich grundlegend Gedanken zu machen, was das Theater der Volksbühne eigentlich einmal ausgezeichnet hat. Und das sind vorneweg vor allem die großartigen Schauspielerinnen und Schauspieler gewesen. Rampensäue wie Martin Wuttke oder Henry Hübchen haben Großkotz-Ansätzen der Regisseure immer widerstanden und eigene Textinterpretationen innerhalb der Inszenierungen angeboten. Von dem Ausnahme-Ensemble früherer Tage ist aber kaum jemand mehr da, in andere Häuser oder gleich andere Medien wie das Fernsehen hat es sie verschlagen.

Bei "Ozean" sticht jetzt allein Anne Ratte-Polle mit ihrem kontraintuitiven Vortrag heraus. Ihre Renate, eine Barrikadenstürmerin mit Delacroix-Touch - kleine Mütze, halbentblößte Brust - trötet Aphorismen wie etwa "Wie die Pest ist auch das Theater/Abbild dieses Gemetzels" so heraus, dass falsches Pathos erst gar nicht entsteht. Der Rest ist Ensemble-Fleißarbeit über die Langstrecke, unterbrochen von ein paar Brust trommelnden Auftritten der männlichen Darsteller.

Letztlich muss man dieser "Ozean"-Inszenierung anrechnen, dass sie mit ihrer anarchischen Sprache und ihrem inhaltlichen Draufgängertum so nur in der Volksbühne möglich ist. Das macht den Abend auf seine Art einzigartig. Ob er aber auch nötig ist, ist eine andere Frage.



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.