Wikipedia-Sendepause Wo steht noch mal das Lexikon?

Was tun, wenn man das Weltwissen anzapfen will - und Wikipedia Pause macht? Es mal mit einem guten alten Lexikon versuchen. Mal schauen, was der Wissensstand von 1895 zu aktuellen Debatten sagt.

Das gute alte Lexikon
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Das gute alte Lexikon

Eine Glosse von


Neulich wollte eine zwölfjährige Bekannte mit mir über Politik reden. Nicht um das Klima ging es ihr, um Europa oder Populismus. Sondern um eine noch wesentlich komplexere und, wie ich finde, bedeutend trockenere Materie: die EU-Urheberrechtsreform.

Bis dahin beschränkten sich die Interessen des Teenagers meines Wissens auf koreanischen Pop, "DSDS", irgendwelche Influencer und Harry Potter. Jetzt erklärte sie mir mit blitzenden Augen, "die Politik" wolle das Hochladen wichtiger Fan-Videos auf YouTube verbieten! Eine ganze Kultur sei in Gefahr! Und das nur, weil in diesen Filmchen fremde Musik verwendet würde, aber "nur im Hintergrund, ey, und ganz leise!"

Ich kenne mich nicht aus. Matt faselte ich davon, dass diese Musik bestimmt jemandem gehört, der davon lebt. Einem Urheber. Leise wunderte ich mich über die wütende Vehemenz, mit der sie die geschäftlichen Interessen ohnehin mächtiger Unternehmen aus dem Silicon Valley vertrat.

Externe Festplatte der Allgemeinbildung

Worauf die Zwölfjährige meine Einwände so rabiat und mühelos widerlegte, als wäre sie bei Sascha Lobo in die Lehre gegangen.

Seit heute weiß ich, was sie so auf die Palme brachte. Beim Versuch, mehr über koreanischen Pop zu erfahren, begegneten mir alle ihre Argumente - bei Wikipedia.

Da stand nichts über K-Pop, da stand eine dramatische Warnung auf schwarzem Grund: "Die geplante Reform könnte dazu führen, dass das freie Internet erheblich eingeschränkt wird"! Da stand, es "könnte die Meinungs-, Kunst- und Pressefreiheit erheblich" beeinträchtigt werden! Da stand, das "freie Wissen" werde leiden! Da stand: "KONTAKTIEREN SIE IHREN ABGEORDNETEN"!

Ich übe mich also, wie die meisten anderen Menschen auch, heute in Entschleunigung. Wenn Wikipedia nicht funktioniert, so wie heute, aus Protest, fühlt sich das zunächst dramatisch an. Wie eine kleine Vorahnung auf die postapokalyptische Ohnmacht. Worauf ich zugreifen will, das gibt es auf einmal nicht mehr. Es ist sozusagen die externe Festplatte meiner Allgemeinbildung ausgefallen. Was tun?

Meinen ABGEORDNETEN mag ich nicht kontaktieren. Ich habe zu tun, mein ABGEORDNETER vermutlich auch. Ich will versuchen, diesen Tag mit Bordmitteln zu bestreiten. Woher nahmen Menschen das Wissen, bevor es das famose Online-Lexikon gab? Gleich mal bei Wikipedia nachschauen… ach, tja. Hm. Moment! Ein Lexikon!

Entschlossen schreite ich hinüber zu meiner Bücherwand, wo es beinahe zwei Meter einnimmt: "Brockhaus' Konversations-Lexikon", sechzehn ledergebundene Wackersteine mit dem Gewicht mehrerer Zementsäcke, gespeichert auf dem klassischsten aller Datenträger (Zellstoff) und erschienen in "Leipzig, Berlin und Wien". Wikipedia, wo ist dein Stachel? Ich verfüge über das versammelte Weltwissen von 1895.

Fortschrittlich, fast schon digital

Also flugs den Staub runtergepustet und in die Frakturschrift eingelesen, schon kann's losgehen. Wer vertraut schon den Meinungen anonymer Grottenolme in ihren abgedunkelten Jugendzimmern, wenn er auf die Expertise wilhelminischer Gelehrter zurückgreifen kann? Da steht's schon zwischen "Urheber (lat. auctor oder autor), die Person, welche eine That verrichtet" und "Uri, Strom in Afrika, s. Limpopo". Wohlan, das Urheberrecht.

Einleitend heißt es klipp und klar, dass "der einmal offenbarte Gedanke und die einmal offenbarte geistige Schöpfung der Regel nach jedem, dem sie zugänglich, verständlich, genießbar und benutzbar sind, freigegeben" sind. Sehr fortschrittlich, fast schon digital. Aber was ist das? Dieser Freiheit ist "eine Schranke gegeben". Es haben "die modernen Völker anerkannt", dass bei gewerblicher Verwendbarkeit "der Urheber zunächst Anspruch darauf hat, den Preis zu erhalten".

So gestrig geht's weiter, zumal das "U." vor allem Fragen der Vervielfältigung von "Photographien" und "Lithographien" umfasst. Nicht sehr ermutigend. Immerhin geht es um Aufnahmen, und sind Aufnahmen nicht Aufnahmen? Hier: "Abbildung der Originalaufnahme findet einen Schutz gegen Nachbildung nur, wenn sie selbst oder der Karton den Namen oder die Firma des Verlegers und deren Wohnort sowie das Kalenderjahr trägt, in welchem die rechtmäßige Abbildung zuerst erschienen ist".

Viel Vergnügen mit dem Falk-Stadtplan

Filme oder Musik liegen hier noch so fern wie deren Speicherung auf Medien. Ich muss lernen, zwischen den Zeilen zu lesen. Ein "Medium" ist 1895 natürlich keine Scheibe auf Basis von Polymeren oder eine flatterhafte "Cloud". Es ist eine Person, die mittels Séance eine Verbindung zu Geisterwelt herzustellen vorgibt. Umso erlösender ein Satz, der auch 124 Jahre später nichts von seiner Aktualität verloren hat: "Die bestehende Gesetzgebung über das Urheberrecht hat mancherlei Kritik erfahren". Fehlt nur der Rat: KONTAKTIEREN SIE IHREN REICHSTAGSABGEORDNETEN.

Nein, ohne Wikipedia geht es nicht. Gut, dass die was tun. Ihre Macht nutzen. Freuen wir uns also schon darauf, wenn Konzerne wie Facebook, Twitter oder Google sich durch Abschaltung ihrer Dienste endlich mal für eine gute Sache einsetzen. Sie wollen von A nach B? Viel Vergnügen mit ihrem Falk-Stadtplan! Erpressung übrigens, also das "Einflößen begründeter Besorgnisse", wurde damals "mit schwerem Kerker von 6 Monaten bis zu 1 Jahre" bestraft.

Korea war 1895 übrigens noch ein abgeschottetes Königreich. Über K-Pop weiß der "Brockhaus" nichts. Ich werde also etwas völlig Bizarres tun müssen: jemanden fragen, der sich auskennt, meine zwölfjährige Bekannte beispielsweise. Und hoffen, dass WhatsApp noch funktioniert.



insgesamt 45 Beiträge
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Seite 1
vox veritas 21.03.2019
1.
Ähnlich ohnmächtig wird man sich fühlen, wenn erst einmal der bargeldlose Zahlungsverkehr eingeführt wurde und dann der Strom ausfällt.
widarr 21.03.2019
2. Grundfehler
"Meinen ABGEORDNETEN mag ich nicht kontaktieren. Ich habe zu tun, mein ABGEORDNETER vermutlich auch." Ein Fanal der eigenen Entmündigung. Mit der Einstellung braucht man sich nie wieder über Politik aufregen.
franxinatra 21.03.2019
3. Ich erneuere alljährlich meinen Offline-Wiki...
was bei einem anhaltenden Stromausfall allerdings mein geringster Triumph wäre; aber so ab und zu 'blättere' ichdoch gerne darin herum, wenn ich zB auf Rügen mal wieder den Mangel der Mobilfunkstandards erlebe...
mwroer 21.03.2019
4.
Doch ohne Wikipedia geht. Wikipedia geht sogar offline und es gibt zig andere Quellen online ... dass ist so als ob mir einer erklärt 'Wenn Google offline ist haben wir kein Internet mehr'. Und dann ist da noch der Einwand von widarr (#2) der eigentlich alles über diese Kolumne aussagt was man wissen muss. Er hat nämlich Recht und damit auch 100% treffend auf den Punkt gebracht warum solche Verordnungen überhaupt so weit kommen. 'Man hat zu tun' - erinnert mich irgendwie an den Hitchhikers Guide through the Galaxy und die Umgehungsstraße ... Übrigens es bliebe immer noch Plan B: Morgen nochmal gucken.
hansgustor 21.03.2019
5. Propaganda
Hier wird massiv Propaganda verbreitet um für den Artikel 13 zu werben. Es geht nicht um kostenlose Musik und schon gar nicht um YouTube - die haben schon ContentId! Dieses Gesetz schadet allen die YouTube Konkurrenz machen wollen. Und zwar nur europäischen Firmen. Langfristig wird das auch SpOn schaden.
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