Ausstellung in Frankfurt Wilde Fantasien

Alpenpanoramen, paradiesische Dschungel, knackende Gletscher: Was in der Kunst als unberührt verkauft wird, ist oft artifiziell. Es verrate aber viel über Sehnsüchte und Ängste, sagt die Frankfurter Kuratorin Esther Schlicht.

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SPIEGEL ONLINE: Bedrohliches Knistern ist momentan in der der Frankfurter Kunsthalle Schirn zu hören. In einem Raum mit Rotlicht und Nebel vernimmt man schmelzendes Eis aus Grönland, das der dänische Künstler Jacob Kirkegaard unter und über Wasser aufgenommen hat. Ist das eine Warnung?

Schlicht: Das kann man so sehen, zumindest ist der akustische Eindruck der sich verändernden Natur sehr alarmierend. Doch in der Ausstellung "Wildnis" geht es nicht um Naturschutz, auch wenn sie damit endet. Wir haben uns mehr gefragt, was den Reiz für die Kunst ausmacht, sich mit Ideen von Wildnis zu befassen. Ursprüngliche Natur gibt es heute eigentlich nicht mehr - jeder Winkel dieser Erde ist doch von menschlichem Einfluss verändert.

SPIEGEL ONLINE: Zumindest der Dschungel von Thomas Struth wirkt doch recht unberührt?

Schlicht: : Diese Bilder sind eher Projektionen, spiegeln unsere Sehnsüchte und Fantasien. Das wird bereits dadurch klar, dass Thomas Struth seine Brasilien-Aufnahme "Paradise 21" nennt. Einige andere Künstler waren selbst nie in der Natur, die sie darstellten. Ihre Visionen haben aber das kulturelle Bild in unseren Köpfen geformt

SPIEGEL ONLINE: Sie meinen eine Zurück-zur-Natur-Romantik?

Schlicht: Ja, zum Beispiel. Die gibt es schon lange. Unsere Ausstellung startet mit einem Dschungelbild von Henri Rousseau, einer reinen Fantasiewelt. Dem gegenüber hängt ein ikonisches Bild von Briton Rivière mit einem Eisbären, wie er auf einem Gletscher dem Sonnenuntergang entgegenblickt. Das sind romantische Ideen von Wildnis, die unser Verhältnis zur Natur heute noch beeinflussen.

SPIEGEL ONLINE: Die sogenannte romantische Sichtweise von Exotik ist allerdings auch geprägt von europäischer Überheblichkeit, von Rassismus und Sexismus der Zeit. Wie sind Sie damit in der Ausstellung umgegangen?

Schlicht: Durch Perspektivwechsel. Die durch den Kolonialismus geprägte Sichtweise ist nicht der einzige künstlerische Zugang, obgleich der Begriff "Wildnis" natürlich der westlichen Zivilisation entstammt. Die Künstlerin Ana Mendieta etwa suchte in ihren Aktionen auf symbolische Weise der Natur ihren eigenen Körper zurückzugeben, statt die Natur zu annektieren. Bei ihr ist Wildnis nicht etwas, das beherrscht oder überwunden werden sollte.

Zur Person
  • Gaby Gerster
    Esther Schlicht ist Ausstellungsleiterin und Kuratorin der Schirn Kunsthalle Frankfurt und gestaltete dort zuletzt Schauen über Giacometti und Rosa Barba. Zuvor arbeitete sie am Kunsthistorischen Museum Wien und am Zentrum für Kunst- und Medientechnologie Karlsruhe.

SPIEGEL ONLINE: Und wie real sind die Darstellungen von Wildnis heute?

Schlicht: Es sind wie früher Projektionen der Künstler, von denen einige aber richtiggehende optische Täuschungen sind. Gerhard Richters "Tiger"-Darstellung entstammt einem Pressefoto, und der Künstler Julian Charrière überstäubt Bauschutt-Hügel in Berlin mit Puderzucker oder Lösch-Schaum und fotografiert daraus zauberhafte Fake-Alpenbilder. Wildnis kann aber auch einfach als Symbol für den kreativen Prozess stehen. Oder Künstler entwerfen Bilder einer zukünftigen Wildnis nach dem Ende der Zivilisation.

SPIEGEL ONLINE: Wildnis als Utopie - hat denn Natur als Konzept überhaupt eine Zukunft?

Schlicht: Eine andere Form von Natur vielleicht, wie bei Hicham Berrada. Er schafft in Laboren durch chemische Prozesse neue wilde Strukturen, die sich selbstständig entwickeln. Es ist eine optimistische Vision von naturähnlichen, künstlichen Prozessen, die der Mensch nicht kontrolliert.


Ausstellung: Wildnis, Schirn Kunsthalle Frankfurt, bis 3. Februar 2019

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