Margarete Stokowski

Winterschlaf Die ganz große Snooze-Taste

Was tun, wenn Sie für einen Moment alle Macht hätten? Die progressivste Idee wäre vielleicht, den verbindlichen Winterschlaf einzuführen. Der würde jede Menge gesellschaftlicher Probleme lösen.

Neulich wurde ich in einem Interview gefragt, was ich tun würde, wenn ich für einen Moment alle gesetzgebende und ausführende Macht in Deutschland hätte. Schwierige Frage, wenn man nicht einfach antworten will, dass man als einzige Amtshandlung das eigene Amt sofort wieder abschaffen würde, weil es so etwas nicht geben sollte. Ich habe drei Wochen darüber nachgedacht, bis neulich an einem Freitagnachmittag in der Regionalbahn ein Bauarbeiter neben mir einpennte und immer wieder so herzzerreißend an meine Schulter zu kippen drohte, dass ich unumstößlich zu einem Schluss kam: Als Allererstes würde ich einen gesetzlich verankerten Winterschlaf von Ende Oktober (nach der Buchmesse) bis Ende Februar (nach Valentinstag) einführen. Ich würde die ganz große Snooze-Taste drücken.

Eine verbindliche Phase von vier Monaten Winterschlaf würde mit einem Schlag so viele gesellschaftliche Probleme lösen wie kaum eine andere politische Maßnahme: Überarbeitung, Grippewellen, Winterdepressionen, Weihnachten, Silvesterplanung, Übergewicht, Überfischung, Heizkosten, Auffahrunfälle bei Glatteis - alles würde sich in einem sanften Schlummer auflösen. Im Fachbegriff Hibernation steckt ja schon das Wort "Nation", weil es nämlich etwas ist, was bundesweit für alle gut wäre.

Das Ganze wär ein bezahlter Urlaub, finanziert aus... - ach, das lassen Sie mal meine Sorge sein. Wer unbedingt arbeiten will, darf sich im ärztlichen oder Hebammennotdienst, in der Pflege, der Kinderbetreuung, beim Gärtnern, bei der Steuererklärung oder beim Kochen engagieren, irgendwas davon werden Sie schon können, der Rest hat frei.

Mit Winterschlaf könnte man eine sanfte Form der Apokalypse durchführen

Ich hab mal etwas über eine Studie entweder gelesen oder geträumt, in der es hieß, dass Leute sich durch Schlafentzug so ähnlich benehmen wie besoffen, obwohl sie gar nichts getrunken hatten. Wenn man nun aber diese Studie kennt (hab gegoogelt, stand wohl in der "Apotheken Umschau", stimmt also)  und gleichzeitig weiß, dass ziemlich viele Menschen ziemlich oft viel zu wenig schlafen, versteht man vielleicht viel mehr über die komplette Gesellschaft. Ich kenne vielleicht fünf Leute, die so viel schlafen, wie sie gern würden, und drei davon sind Babys.

Mit einem allgemeinen Winterschlaf könnte man eine sanfte Form der Apokalypse durchführen und all dem Elend Einhalt gebieten - und dann wieder neu anfangen. So praktisch. Ein paar Tätigkeiten außer Schlafen und Chillen bleiben geduldet, als da wären: Essen, Trinken, Sex, Spaziergänge unter 7 km/h und alles, was man leise in Jogginghosen tun kann, außer Drohnen steuern.

Es ist ein so perfekter politischer Plan, dass sich selbst Pommes im Freibad sinnvoll einfügen, denn "die Energie, die notwendig ist, um die Lebensfunktionen des Winterschläfers während der jahreszeitlichen Schlafphase aufrechtzuerhalten, kommt aus den während des Sommers angefressenen Fettdepots" (Wikipedia / mein Wahlprogramm). Wer will, darf an Weihnachten ein paar Tage aufbleiben, muss aber nicht. Alle Konservativen werden über den progressiven Charakter des Plans hinweggetröstet, indem sie erklärt kriegen, dass die Leute früher viel länger geschlafen haben und bla, Tradition, irgendwas.

Nur eine kleine Nachtwache von Politikerinnen und Politikern bleibt bestehen, die ganz eventuell unauffällige Gesetzentwürfe erarbeitet und beschließt. Sagen wir: Grundeinkommen, ausreichend Kita-Plätze, WLAN im ICE sowie das Verbot von Ugg-Boots, Immobilienmaklern und Döner in der S-Bahn, aber das fällt den Ausgeschlafenen kaum auf und ohnehin hat der Winterschlaf bei einigen Arten offenbar negativen Einfluss auf die Gedächtnisleistung, sodass Anfang März alle frisch und erholt sind und sich vielleicht gelegentlich fragen: Ach, wie schön es hier ist, war es jemals anders? Nö, nö. Wir machen einfach weiter, als wär nichts gewesen, aber mit einer ungeahnten Leichtigkeit.


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Foto: SPIEGEL ONLINE
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