"Wissen vor 8" in der ARD Die Sendung mit dem Ranga

Warum fliegen Motten zum Licht? Zwei Minuten hat Ranga Yogeshwar ab heute Zeit, den ARD-Zuschauern die Welt zu erklären. Kurz vor der "Tagesschau" präsentiert er wissenschaftliche Häppchen. Bildung wird dabei nicht vermittelt, eher Quizshow-Wissen.

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Eine ordentliche Übersetzung für den englischen Begriff "trivia" gibt es im Deutschen nicht. Weil das Wort eine schöne Unschärfe besitzt - es kann einerseits für "Belanglosigkeiten", andererseits aber auch für "wissenswerte Kleinigkeiten" stehen. "Trivial Pursuit" heißt deshalb einerseits "triviale Beschäftigung", andererseits geht es aber auch um eine Verfolgungsjagd um wissenswerte Kleinigkeiten.

TV-Journalist Yogeshwar: Wissenswertes kurz vor der "Tagesschau"
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TV-Journalist Yogeshwar: Wissenswertes kurz vor der "Tagesschau"

Das Modell "Trivial Pursuit" ist derzeit das dominante, wenn im Fernsehen und anderswo von "Wissen" die Rede ist - um Wissenschaft im engeren Sinne geht es oft nur am Rande, stattdessen werden Pizzarekorde, Hirnforschung und Fahrradlampentests gleichberechtigt nebeneinandergestellt: Quizshow-Häppchen und Small-Talk-Munition für die Mittagspause.

"Wissen" sollte man auf keinen Fall mit "Bildung" verwechseln. Wissen ist im Programmplanerjargon heute das, was bei "Wer wird Millionär?" abgefragt wird - Popsternchennamen stehen da auf einer Stufe mit afrikanischen Hauptstädten oder Käferarten.

Eine "Sendung mit der Maus" für Erwachsene

Die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender haben sich stets bemüht, ihren Wissenschaftssendungen ein etwas umfassenderes Konzept zu Grunde zu legen - der Großmeister dieser bedächtigen, manchmal etwas betulichen deutschen Form des Wissenschaftsfernsehens, Joachim Bublath, hat sich gerade zur Ruhe gesetzt. Das moderne Gegenmodell zu Bublath ist Ranga Yogeshwar, vielfach preisgekrönter Wissenschafts-Fernsehjournalist vom neuen Schlag: Mit einem strahlenden Lächeln und einem uneinschüchternden Sendung-mit-der-Maus-Charme machte er "Quarks und Co" beim WDR zu einem Erfolgsformat und sich selbst zu einem Star.

Jetzt hat die ARD Yogeshwar auf einen der exponiertesten Plätze ihres Programmschemas gesetzt: Um viertel vor acht erklärt er ab heute Abend die Welt, täglich von Dienstag bis Freitag, kurz vor der "Tagesschau". "Wissen vor 8" dauert immer gut zwei Minuten - und es ist völlig klar, dass in diesem Zeitraum allerhöchstens das vermittelt werden kann, was die Briten "trivia" nennen. Ob es sich dabei um Belanglosigkeiten oder wissenswerte Kleinigkeiten handelt, hängt vom Blickwinkel des Betrachters ab.

Problem für Quizfragenentwickler

Yogeshwar spaziert im blauen Samtsakko in frühindustriell anmutender Kulisse herum, zwischen Dampfmaschinen und anderem historischem Gerät. Er klärt in seinen 120 Sekunden stets nur eine Frage, etwa, warum Motten zum Licht fliegen, warum es beim Tennis nicht zwei zu null sondern 30-love heißt oder woher das Papierformat DIN A 4 kommt. Einmal führt er vor, was passiert, wenn eine Melone auf einen zu spät ausgelösten Airbag trifft - sie platzt sehr eindrucksvoll, und das sieht man selbstverständlich in Superzeitlupe. "Wissen vor 8" ist die Sendung mit der Maus für Erwachsene, nur kürzer und ohne den blauen Elefanten.

Yogeshwars Erläuterungen sind einfach und präzise, angereichert mit Animationen und virtuellen Einsprengseln wie magischen Linien, die der Moderator mit seinen Händen auf wundersame Weise auf den Bildschirm zaubert. Unterhaltsam ist das allemal.

Tiefere Erkenntnisse werden auf diese Weise aber eher nicht vermittelt, aber das kann in gut zwei Minuten auch wirklich keiner erwarten. Ein Problem wird Yogeshwar höchstens Quizshow-Fragenentwicklern bereiten. Denen wird bei all den Wissenshäppchen-Formaten womöglich irgendwann das Material ausgehen.



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