WM-Doku im TV Sturm im Wasserglas

Heute Abend zeigt die ARD Sönke Wortmanns WM-Film "Deutschland. Ein Sommermärchen". Damit geht dem zweiterfolgreichsten deutschen Film des Jahres wohl die Nominierung zum Deutschen Filmpreis verloren. Die Verantwortlichen schieben sich gegenseitig den Schwarzen Peter zu.
Von Neela Richter

Nach der Tagesschau ist es soweit: Sönke Wortmanns WM-Film "Deutschland. Ein Sommermärchen" läuft im Fernsehen – zwei Monate nach seiner Kinopremiere am 3. Oktober. Die ARD macht es möglich. So leicht und entspannt wie Wortmanns Film daherkommt, so steinig und schwer ist die Geschichte seiner TV-Ausstrahlung. Genau genommen sind es gleich drei Geschichten: Der durch die Lappen gegangene Filmpreis – ein Aufregerthema in den Medien, die Entrüstung der Kinos über möglicherweise entgangene Einnahmen und die Rolle der ARD in diesem Terminkrimi sind jeweils ein Kapitel für sich. Aber der Reihe nach.

Nach der heutigen Ausstrahlung ist klar: Den Deutschen Filmpreis, die "Lola", wird das "Sommermärchen" nicht mehr gewinnen können. Normalerweise. Denn dort sind nur Filme zugelassen, die vorher nicht im Fernsehen zu sehen waren – das ist Teil der Qualifikationsbedingungen. Der Sinn des Vorab-Ausstrahlungsverbots: Kleine Filmproduktionen sollen eine Chance auf den Preis bekommen und nicht durch finanzstarke Produktionsfirmen, die ihr Hauptgeschäft im Fernsehbereich haben, verdrängt werden.

Einige Zeitungen, darunter "Die Welt", beklagten bereits die verhinderte Qualifikation des "Sommermärchens". Tatsächlich ist der Film aber schon seit über einem Monat aus dem Rennen. Am 28. Oktober war der Bewerbungsschluss für den Deutschen Filmpreis, zwei Tage später wies der WDR per Programmhinweis auf die Ausstrahlung am Nikolaustag hin. Der Ausstrahlungstermin sei persönlich mit Sönke Wortmann im Schneideraum vereinbart worden, sagte ARD-Programmchef Günter Struve der "Süddeutschen Zeitung". Der WDR hat den Film komplett finanziert. Die Hoheit über die Fernsehausstrahlung liegt denn nun auch beim ihm respektive der ARD.

Struve spielte den Schwarzen Peter an die Deutsche Filmakademie weiter: "Wenn er jetzt den Deutschen Filmpreis nicht bekommt, dann liegt das an den Regularien des Deutschen Filmpreises." Auch Michael Kölmel, Gründer des Filmverleihs "Kinowelt", sagte, es sei den Kinogängern schwer zu erklären, dass der zweiterfolgreichste deutsche Film des Jahres keine Chancen auf den Filmpreis habe: "'Deutschland. Ein Sommermärchen' hätte in der Kategorie 'Dokumentation' sicher gute Chancen auf den Preis. Hier sollte es nicht nach Ausstrahlungstermin gehen, sondern man sollte nach einer Ausnahmeregelung suchen."

Bislang hat aber niemand um eine Ausnahmeregelung gebeten. Denn die "Sommermärchen"-Macher, die Filmproduktionsfirma "Little Shark Entertainment" von Regisseur Sönke Wortmann und Produzent Tom Spieß, hat ihren Film nach Angaben der Deutschen Filmakademie gar nicht eingereicht. Spieß ist auch Jurymitglied der Akademie - anzunehmen, dass er ihre Bestimmungen kennt.

Ausnahmen gibt's immer

WDR-Sprecherin Kristina Bausch sagte: "Es war mit allen Beteiligten vereinbart, dass dieser Film, der ausschließlich mit Fernsehgeldern finanziert wurde, noch in diesem Jahr gezeigt werden soll." ARD-Programmdirektor Günter Struve sagte der "SZ": "Ich finde, eine Fußball-WM, die 2006 stattgefunden hat, muss auch 2006 ihren krönenden Abschluss mit diesem Film haben." Der Vorstand der Deutschen Filmakademie tagt heute – turnusmäßig. Sicher kommen auch die Turbulenzen um das "Sommermärchen" zur Sprache.

In der Vergangenheit hatte sich der WDR allerdings einmal umstimmen lassen. Die Produzenten des Films "Alles auf Zucker" von Dani Levy baten den WDR um einen späteren Sendetermin, um am Deutschen Filmpreis teilzunehmen. Der WDR willigte ein. Diesmal aber bleibt er hart. Die Ausstrahlung des "Sommermärchens" hätte bis Mai nächsten Jahres verschoben werden müssen. Erst dann findet die nächste Verleihung des Deutschen Filmpreises statt.

Auch die Kino-Betreiber hat die ARD mit ihrem Nikolaus-Geschenk an die Zuschauer vergrätzt. Der frühe Sendetermin schlage auf die Besucherzahlen – nach Schätzungen des Vorsitzenden des Hauptverband der Deutschen Filmtheater, Thomas Negele, hätte der Film sonst eine halbe bis dreiviertel Million Besucher mehr in die Kinos gelockt. Knapp vier Millionen Menschen haben den Film bisher gesehen, er läuft momentan in 138 Kinos. Nach Angaben des Filmverleihs, der "Kinowelt", wollen viele Kinos später noch einmal einsetzen.

Jedem sein Stück vom Verwertungskuchen

Da das "Sommermärchen" komplett vom WDR und ohne Fördergelder finanziert wurde, gelten die gesetzlichen Verwertungsfristen für Kinofilme nicht für ihn. Normalerweise läuft ein Film erst im Kino, dann kommt er auf DVD heraus und wird zwei Jahre später im Fernsehen gezeigt. So sollen alle Teilnehmenden ein Stück vom Verwertungskuchen abbekommen. Im Fall des Sommermärchens geht alles schneller: Die Fernsehausstrahlung erfolgt schon nach acht Wochen, die DVD kommt Anfang Februar.

Rückblickend ist alles eigentlich ganz einfach: Sönke Wortmann durfte die deutsche Nationalmannschaft bei der WM 2006 mit seiner Kamera begleiten – in der Kabine vor und nach dem Spiel, im Hotel, beim Training und beim Spielfeldrand. Entgegen aller Erwartungen überstand Klinsmanns Elf die Vorrunde und Deutschland entpuppte sich als feierfröhliches Gastgeberland. Der WDR entschied, den fürs Fernsehen geplanten Film in die Kinos zu bringen. Das Pech: Mit dem Fernseh-Sendetermin kann er nun aber nicht am Wettbewerb um den Deutschen Filmpreis teilnehmen.

Einen Trost gibt es dennoch: Jetzt sammelt das "Sommermärchen" andere Preise ein: Einen "Bambi" aus dem Burda-Verlag in der Kategorie Dokumentation, den Laureus-Medienpreis und den "Leibnitz-Ring Hannover". Olé Olé Olé.