WM-Kolumne "Frauen gucken" Wo war Lena Meyer-Landrut?

Kommt der Durchbruch für den Frauenfußball? In unserer WM-Kolumne "Frauen gucken" schauen wir ausgesuchte Spiele des Turniers mit wechselndem Publikum und gehen der Frage nach: Verändern sich die Einstellungen zum Damen-Kick wirklich? 6. und letzte Folge: Im Stadion

Die Japanerin Nahomi Kawasumi wird eingekeilt: Bloß nicht böse werden
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Die Japanerin Nahomi Kawasumi wird eingekeilt: Bloß nicht böse werden

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Das Publikum: 48817 Zuschauerinnen und Zuschauer (ausverkauft)

Der Ort: Das Fifa Women's World Cup Stadion Frankfurt am Main

Das Spiel: Japan gegen USA, 17.7., live

Die Frage: Wer guckt das Finale im Stadion?

Würde jemand in "Love, oh love, I gotta tell you how I feel about you"-Gesänge einstimmen - es würde einen nicht überraschen. Am Sonntagabend, kurz vor Beginn des WM-Finales Japan gegen USA, herrscht vorm Stadion in Frankfurt am Main eine Stimmung, wie man sie auch bei einem Lena-Meyer-Landrut-Konzert erwarten würde. Viele Familien sind gekommen und mit ihnen viele Mädchen im vorpubertären Alter, die Fahnen schwenken und Fan-Merchandise tragen. Dazwischen sieht man immer wieder Väter, die stolz ihre Töchter und deren Freundinnen zu Cola und Hotdogs einladen. Wer hier wen mit ins Stadion geschleppt hat, ist nicht zu erkennen - waren es die Väter, die sich freuen, endlich auch mit ihren Töchtern ihre Begeisterung für Fußball teilen zu können? Oder waren es die Mädchen, die für ihren Lieblingssport noch eine erwachsene Begleitung brauchten?

Je mehr Mädchen in Trikots und mit "Hope Solo"-Schriftzug in den Gesichtern an einem vorbei ziehen, desto mehr gerät man ins Grübeln über weibliches Fantum: Was gibt es für junge Mädchen schon an Dingen, für die sie sich restlos begeistern können, ohne gleich als hysterisch oder hormonell vernebelt zu gelten? Außer Harry Potter fällt uns nichts ein. Offensichtlich füllt hier Frauenfußball eine Lücke, die viele Mädchen gespürt haben.

Aber die jungen weiblichen Fans sind nicht die Einzigen, die zum denkwürdigen Finale nach Frankfurt gekommen sind. Bei näherer Betrachtung des Publikums finden sich in dem riesigen Getümmel der ausverkauften Partie alle Gruppen von Menschen wieder, mit denen wir in den vergangenen Wochen die Spiele geschaut haben. Die Eventfans, die sich freuen, bunt angemalt etwas Lärm machen zu können; die Sportjournalisten, die ihre Mienen professionell neutral halten - auch noch, als es am späten Abend ans Elfmeterschießen um den Titel geht; die Lesben, die Regenbogenfahnen mitgebracht haben und sie in allen Ecken des Stations zwischen Sternen und Streifen der USA und den großen Punkten Japans aufleuchten lassen; und die Sportbegeisterten, die ihre Liebe für den Fußball einfach um die Frauenvariante erweitert haben und bei der Pokalübergabe später den umstrittenen Fifa-Präsidenten Sepp Blatter gellend auspfeifen werden, weil sie sich nicht von der "20Elf von seiner schönsten Seite"-Harmoniewolke der Fifa einnebeln lassen wollen.

Doch es sind noch mehr Menschen gekommen, die wir bei Spielen bislang noch nicht gesehen haben, und das sind mengenmäßig vor allem Fans der USA. Ob Gruppen von herausgeputzten Mädchen, die zum Nachwuchs gehören und mit ihrer Mannschaft nach Deutschland geflogen sind, um ihre Idole spielen zu sehen, oder Gruppen von männlichen Backpackern, die sich freuen, endlich auch in Europa einen Sport gefunden zu haben, bei dem sie ihre Hemden ausziehen und "U-S-A!" grölen können: Man merkt einfach, wie stark und grundlegend Frauenfußball in den Staaten etabliert ist - und wie weit Deutschland von so einer Selbstverständlichkeit noch entfernt ist.

Die amerikanischen Fans sorgen im Stadion schließlich auch für den größten Lärm. Er fängt an, als die Mannschaftaufstellung bekannt gegeben wird und besonders die US-Spielerinnen Solo, Wambach und Rapinoe mit begeisterten Schreien begrüßt werden, und endet auch nicht, als die USA später das Siegerinnenpodest den Japanerinnen überlassen müssen. Dazwischen liefern sich die "U-S-A!"-Skandierer und die "Niii-Ppon!"-Rufer ausgiebige Duelle auf den Rängen. Je stärker die Japanerinnen werden, desto vernehmlicher wird auch die Unterstützung für sie.

Der Pragmatismus, den wir schon bei anderen Guck-Gelegenheiten bemerkt haben, scheint auch hier zum Tragen zu kommen: Hauptsache, das Spiel ist spannend, dann ist auch fast egal, wer am Ende gewinnt. So werden alle Spielerinnen, die ausgewechselt werden, mit dem gleichen lauten Applaus aus dem Turnier verabschiedet. Und als die Japanerinnen schließlich das Elfmeterschießen und damit den Titel gewonnen haben, könnte der Jubel für Kapitänin Sawa und ihre Mannschaft nicht frenetischer sein. Tränen der Trauer sehen wir an diesem Abend nicht fließen - jedenfalls nicht jenseits des Spielfelds.

In den Menschenmassen, die es schließlich in die S-Bahnen nach Hause drängt, macht sich ganz zum Schluss noch eine andere Gruppe von Zuschauern bemerkbar, die wir bislang nicht gesehen hatten: Es sind viele Ältere gekommen, Männer und Frauen ab Sechzig, mit silbernen Haaren und in Funktionskleidung. Sie alle sehen sehr zufrieden aus, und uns fällt die Agenturmeldung ein, nachdem bei dieser WM mehr als doppelt so viele Softdrinks wie Biere verkauft worden sein sollen. Der Gröl- und Rempelfaktor ist für eine Großveranstaltung und speziell für ein Fußballspiel tatsächlich sehr gering. Und dass an den Metallzäunen, die zu den S-Bahnlinien hinführen, keine Männer stehen, die sich ihrer Biere entledigen, haben wir auch bemerkt, aber keinesfalls vermisst. Kein Wunder also, dass sich in so einem Umfeld auch ältere Menschen wohl fühlen.

Das innere Bild, das wir an diesem Abend mit nach Hause nehmen, ist deshalb auch nicht das von der dünnen Mädchen-Wade, auf deren gesamter Länge "WAMBACH" geschrieben steht. Es ist das von dem älteren Herren mit randloser Brille und silbernem Schnäuzer, der ein selbstgemaltes Schild in die Höhe hält, damit es die TV-Kameras einfangen. Vor lauter Begeisterung bemerkt er aber nicht, dass er die zwei Teile des Schildes in verkehrter Reihenfolge hält. So ist auf ihnen in schönstem Yoda-Deutsch zu lesen: "Girls US-, unter Druck Legenden wachsen"

Das Fazit: Wir haben mit so vielen verschiedenen Leuten in den vergangenen Wochen die WM geguckt: mit Menschen, von denen wir nie gedacht hätten, dass sie sich für Frauenfußball interessieren - und mit Menschen, die selbst nie gedacht hätten, dass sie sich für Frauenfußball interessieren. Wir haben uns auf neue Gucksituationen eingelassen und gesehen, wie sich andere ebenfalls auf das Experiment Frauen-WM eingelassen haben. Mal zögerlich, meist aber mit zunehmender Begeisterung. Und während wir mit Kindern geguckt haben, mit Feministinnen, Lesben und älteren Stadiobesucherinnen und -besuchern, ist uns aufgefallen: Männerfußball sorgt zwar für Autokorsos und ausverkaufte Bundesliga-Stadien. Doch um alle Bevölkerungsschichten anzusprechen, braucht der Fußball noch mehr: Er braucht den Frauenfußball.

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benerwin 10.07.2011
1. Frauen gucken, Teil 4
"Und der circa 1,70 Meter große Mann, der neben uns stand und mehrfach geschrien hat "Was stellt ihr euch so an? Die Japanerinnen sind doch nur 1,70!", hat uns auch sehr gut gefallen." Köstlich! Ändert aber nix dran, dass die japanischen Fußballzwerge aus meiner Sicht kopfballstärker waren als die deutschen Riesen. Die wiederum schlicht beschissen gespielt haben. Bedauerlich, dass es in meiner näheren Umgebung keinen so netten öffentlichen Ort zum "Frauen gucken" gibt. Und dass das frühe Ausscheiden jetzt wieder den "Jungs" Auftrieb geben wird, die schon immer wussten, dass Frauen nicht Fußball spielen können. (Nein, das hat nix mit Logik zu tun.)
zeitzeuge10 10.07.2011
2. Schöner Fußball
Frauenfußball ist gut anzusehen. Nicht so aggressiv,feiner. keiner spuckt und rotzt. Nur den Triko-Tausch vermisse ich;-) und statt Deutschlandfähnchen hätte man sich einen schw-rot goldenen BH ans Fenster klemmen sollen-kein ist drauf gekommen.Wäre doch viel lustiger. überigens; die Japanerinnen waren einfach besser drauf-wieselflink und hart.
realburb 10.07.2011
3. Jedem das Seine
Naja, scheint wohl wirklich "gesitteter" bei den Feministen abzulaufen, aber ich muss sagen für mich wäre das nichts. Ich will das Geschreie, die Energie, den Jubel, die Gefühle. Und wenn es schlecht läuft dann ist auch mal Wut, Trauer, Verzweiflung mit dabei. Für mich ist das nur eine andere Art die WM zu schauen und ich würde es mir nicht anmaßen den lieben Feministen vorzuschreiben sie sollten anders feiern. Es bedrückt mich aber in solchen Artikeln immer den Grundton der Anklage mitschwingen zu hören, der einem einbläut, es wäre falsch so zu feiern, wie "Männer" feiern. Solange es keine Gewalt gibt sollte das doch eigentlich in Ordnung sein.
brunokoch, 11.07.2011
4. .
"Frauen gucken": Ohne Kumpels, ohne Flaggen ...und ohne Spaß...
Thomasius111 11.07.2011
5. Ein Artikel in eigener Sache, wie mir scheint
Nichts gegen Schwule, Lesben und Feministen(innen), aber muss man alles andere runtermachen um besser zu erscheinen. Was haben sie zum Beispiel gegen unsere Muttersprache ? Deutschtümelei, so ein Quatsch (hört sich mehr nach Deutschfeindlichkeit an). Das gehört zu allen Manschafts-und vielen Einzelsportarten, dass man Flagge zeigt. Überall in der Welt, nur nicht im Südblock-Club. Und was ist überhaupt "kritisches Geschlechtsbewusstsein", ist da Selbstkritik enthalten?
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