WM-Kulturprogramm Katerstimmung bei den Kopfballspielern

Einen Tag vor dem Start läuft das offizielle Kulturprogramm zur WM immer noch auf Hochtouren. Doch seit der spektakulären Absage der Eröffnungsgala ist es um den ambitionierten Veranstaltungs-Marathon merkwürdig ruhig geworden. Warum eigentlich?

Den schönsten Auftritt hatte wie immer der Kaiser. Er enthüllte ein Bild. Nicht irgendein Bild, sondern einen Warhol, und dieser Warhol zeigte nicht irgendjemanden, sondern ihn, Franz Beckenbauer. Einmal einen Meter, gehalten in dezentem Blautönen. "Ich glaub's ja nicht, so gut hab ich mal ausgeschaut", sagte Beckenbauer. Und er gab es her, dieses Bild, das sonst daheim in Kitzbühel vor vertäfelter Wand im Gästezimmer hing. Er gab es an Dorothea Strauss, die Kuratorin einer Ausstellung, was den anderen Mann auf dem Podium freute, denn er war der Macher des großen Ganzen, das ganz offiziell "Kunst- und Kulturprogramm zur WM 2006" hieß.

Das war damals, im September des letzten Jahres, und es war ein imponierender Aufgalopp vor einigen hundert Journalisten in Berlin. Otto Schily war da. Damals hoffte er, bei der WM auf der Tribüne noch als Innenminister zu sitzen. Ein Mann kam kurz herein, den André Heller als "den großen Robert Wilson" vorstellte. Der große Robert Wilson, auch er sollte mitmachen beim Kunst- und Kulturprogramm, und André Heller, der Macher, appellierte an die Journalisten: "Bitte tun auch sie mit", womit er sich die Reporter als Mittler erbat.

Sie haben mitgetan. Ein ehrfürchtiges Raunen ging durch den Blätterwald. Es war ja ein ehrgeiziges Projekt, das da lief und immer noch läuft. "Anstoß" wurde publiziert, ein Magazin zur WM mit manchen sehr schönen Texten. In Berlin trafen sich Literaten ersten Ranges zu einem Diskussionsgipfel, der "Kopfballspieler" hieß. Die Sammelausstellung "Rundlederwelten", kuratiert von Dorothea Strauss, eingeweiht von Gerhard Schröder in einer seiner letzten Amtshandlungen, war eine prächtige Schau. Nur Robert Wilson durfte auf einmal nicht mehr mittun, weil sein Stück "Soccersongs" die Staatsoper schlichtweg überforderte.

Schlagartig wurde es dann merkwürdig ruhig um dieses ehrgeizige Programm. Und das hängt vor allem mit der Eröffnungsgala zusammen, die Heller konzipiert hatte, die bei der jedoch Fifa auf so wenig Gegenliebe stieß, dass sie die Veranstaltung ersatzlos strich. Es hätte, so hieß es anfangs noch von der Fifa, der Beginn einer Tradition sein sollen. Der Eventologe aus Wien war verstimmt, und nicht nur er, auch Beckenbauer, dem viel an der Gala gelegen hatte. Vielleicht hatte beiden damals schon gedämmert, was manchen Beobachtern bald auffiel: Ohne die monumentale Gala im Olympiastadion würde dem Programm ein unverschuldeter Wertverfall in der Wahrnehmung widerfahren.

Es waren weniger die Besucherzahlen als die Atmosphäre, die litt. Zum Beispiel beim "Kopfballspieler", dem Literaturtreffen mit Javier Marias, Tim Parks und Henning Mankell. "Binnen drei Tagen kamen 1500 Besucher. Mehr kommen wohl nur bei einer Lesung von Waris Dirie", sagt Thomas Rietzschel, der "Kopfballspieler" im Berliner Museum für Kommunikation organisiert hat. Das war ein paar Tage nach der Absage der Gala, aber trotz der guten Resonanz war so etwas wie Katerstimmung spürbar. "Das hat uns schon ein wenig geschadet", sagt Volker Bartsch, Geschäftsführer der DFB-Kulturstiftung.

Am vergangenen Sonntag saßen sich Wolfgang Schäuble, der neue Innenminister, und André Heller in einer Diskussionsrunde gegenüber. Schäuble hielt Heller vor, dass das Programm samt Gala von einer Regierung initiiert worden ist, die sich - bei normalem Verlauf - gerade jetzt im Wahlkampf befunden hätte. 30 Millionen Euro umfasste das Budget für mehr als 50 Programmpunkte, woran auch deutlich wird, dass das ambitionierte Vorhaben ein kleines Politikum gewesen ist. So musste Bartsch vor wenigen Tagen bei einer Veranstaltung in München aus den Nachrichten entnehmen, dass die Fifa und der Freistaat Bayern das Kulturprogramm der WM offiziell eröffnet hätten.

Dennoch ist er im Großen und Ganzen zufrieden. Insgesamt 2,5 Millionen Besucher kamen zu den Veranstaltungen, wobei sich ein Großteil einfach nur den Fußball-Globus bei seiner Reise durch die Städte ansah. Die monumentale Show in der Frankfurter Sky-Arena sahen eine halbe Million Besucher und drang somit auch in den Mainstream vor.

Doch das eigentliche Problem mancher kleiner Veranstaltungen ist eben jenes, dass es zwar Schnittstellen zwischen Fußball und allen erdenklichen Bereichen der Kultur gibt, echte Symbiosen aber kaum zu finden sind - womit Heller zumindest eines seiner Ziele erreicht haben dürfte, eben nicht nur die Massen zu bedienen.

Die letzten Programmpunkte folgen dieser Maxime. Während der WM wird Ingo Metzmacher am spielfreien Sonntag vor den Semifinals das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin vor dem Brandenburger Tor dirigieren. "Wenn wir mit einem derart anspruchsvollem Konzert noch einmal ein größeres Publikum ansprechen könne, dann ist das ein großer Erfolg", sagt Bartsch.

Und am 12. Juli, drei Tage nach dem Finale, werden sich die Beteiligten noch einmal in Berlin treffen, um die Party für sich zu beenden und die letzten Exponate abhängen. "Schluss mit lustig", wird die Sause heißen. Allein der Kaiser wird nicht dabei sein. Er hängt jetzt wieder beim Kaiser in Kitzbühel.

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