S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Eine Bierdusche aufs deutschsprachige Theater!

Man muss den Fußball nicht lieben, um von ihm für die deutschsprachige Bühnenkunst zu lernen. Wie schön wäre es doch, wenn Theaterbesucher endlich mal auf die Stühle stiegen und sich umarmten.

Richtig, Fußball hat gerade angefangen. Dass viele Brasilianer - sagen wir - ein wenig Bedenken gegen diese uferlose Brot-und-Spiele-Geldmaschinerie haben, wird ab jetzt vergessen sein. Die Rolle der Fifa, all die finanziellen Zusammenhänge, all das ein wenig Schmutzige ist wieder egal. Fußball, geil.

Mit diesen fundierten Sätzen ist mein Beitrag zu dem völkerverbindenden Sport geleistet, mehr hat wohl auch keiner erwartet. Aus welchen Gründen Menschen sich umarmen, ist mir Stulle, Hauptsache, sie tun es. Und pissen dabei nicht auf die Straße. Fußballbegeisterung in Deutschland schließt Kultur nicht aus. So, wie komme ich jetzt auf diesen verwegen blöden Satz?

Ein reizender Mensch sagte mir, dass in Deutschland mehr Menschen kulturelle Ereignissen besuchen, Konzerte, Museen, Theater und so weiter, als in Fußballstadien tigern. Der reizende Mensch war der Intendant der Komischen Oper Berlin, eines der geschmacksichersten Häuser des Landes, ständig ausverkauft und so weiter. Und der Intendant kommt aus Australien. Seinen statistischen Aussagen folgte eine Liebeserklärung an die Deutschen und ihr Verhältnis zur Kultur und zur Kulturförderung. Kultur, ein Teil der deutschen Identität, in einer Art gefördert und ernst genommen wie kaum irgendwo. So hatte ich, meiner Sozialisation geschuldet am Dauernörgeln, es noch nie gesehen.

Ohne Kultur bliebe nur Sepp Blatter

Bei all dem Gejammer über falsch verwendete Subventionen (ich weiß selbstredend besser, wie sie eingesetzt werden sollten) muss ich dem Menschen recht geben (oh, wie schwer das fällt). Konzerte und Museen - keine Ahnung. Aber Theater, da hat er recht. Es gibt in all den mir bekannten Ländern, und das sind mindestens 97, nirgends so gutes Theater wie im deutschsprachigen Raum. Dass einem nicht alles gefällt, ist klar.

Aber es könnte. Man könnte jeden Tag irgendeine schöne Aufführung irgendwo sehen, die einen glücklich macht. Und zwar in einer Art, die Kino nicht schafft. Weil Theater ein Live-Anlass ist, mit Live-Menschen, Live-Fehlern und Live-Erregung. Wie Fußball. Nur dass Theaterbesucher sich leider selten umarmen und auf den Sitzen herumspringen, dass sie nicht ins Foyer kotzen, was eigentlich noch ganz süß wäre.

Klar nervt auf der einen Seite die Ernsthaftigkeit, mit der Kunst mitunter behandelt und diskutiert wird. Sicher möchte man Dramaturgen, die Stücke von störenden Gags befreien, mit Schleim übergießen, aber ohne diese Gründlichkeit und das Ernstnehmen gäbe es die Kultur nicht. Und ohne Kultur bliebe nur Sepp Blatter. Falls Sie verstehen, was ich meine. Seelenlose Gelderzeugung, Profitgier, der Mensch als Produktionsmittel und Ende Gelände.

Dies nur kurz, um Folgendes zu denken: Wenn Deutschlands Mannschaft nicht gewinnen sollte, was für eine wunderbare Vorstellung! Tausende weinender Fußballfans liegen sich heulend in den Armen. Und trösten einander schulterklopfend mit den Worten: Ach komm, Schwamm drüber. Denk nur an unsere identitätsstiftende Kultur. Ja, du hast recht, Rudi, lass uns gleich mal wieder in ein gutes Berg-Stück gehen.

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Foto: SPIEGEL ONLINE