Sibylle Berg

Plädoyer für die Solidargemeinschaft Wo bleibt der Klassenkampf?

Wir identifizieren uns nicht mit Arbeitslosen und Alleinerziehenden, sondern mit Fußballern und Stars. Dabei wäre es Zeit, eine Solidargemeinschaft zu bilden. Und zu kämpfen.
Klassenkampf: Wir machen uns nicht mehr gemein

Klassenkampf: Wir machen uns nicht mehr gemein

Foto: champc/ Getty Images/iStockphoto

Seit Jahrzehnten haben wir in den Ländern, in denen Konsum als Freizeitbeschäftigung gilt, gelernt, dass jeder unverwechselbar ist. Einzigartig, jede Nase. Gewinner. Dass wir es uns wert sind. Prost, ein Hoch auf die Märkte!

Nebeneffekt dieses Framings der Individualität ist, dass wir uns anderen Menschen nicht mehr zugehörig fühlen und unseren eigenen Wert für den globalen Zusammenhang maßlos überschätzen. Unsere Möglichkeiten taugen, um Turnschuhe zu kaufen. Fertig. Aber: Keiner identifiziert sich mit normal aussehenden, mittelmäßigen Arbeitnehmern, geknechteten Selbstständigen, Alleinerziehenden, Sozialhilfeempfängern oder Menschen Ü50, deren Arbeitslosigkeit höheren Lohnforderungen geschuldet ist. Keiner zählt sich zu Verlierern, Randgruppen, Randständigen. Die meisten sehen sich eher bei "richkidsofinstagram", bei Céline Dion oder irgendwelchen Fußballern. Fußball spielen können alle. Singen dito.

Wir machen uns nicht mehr gemein. Wir sind nicht solidarisch. Wir sind einzigartig. Wir sind eine Freude für die herrschende Klasse der Grundbesitzer, der Plattformeigner, der Erben, der alten Familien, der Kirchen und deren ausführende Organe. Wir gehören keiner Klasse mehr an, und darum gibt es auch keinen Klassenkampf mehr. Dieser verstaubte Begriff, der nach Käthe Kollwitz klingt (What? Gleich mal den Insta-Account suchen). Die urbane neoliberale Bullshit-Legende sagt ja, dass jeder es schaffen kann, zu einem Arschloch zu werden. Well done. In einer Gemeinschaft, in der ein Großteil der Bevölkerung begriffe, dass alle sich ähnlicher sind, als sie glauben, würde zum Beispiel eine Volksinitiative zur schrittweisen Abschaffung der allgemeinen Grundversicherung  in der Schweiz zu einem gepflegten "Fuck you" führen.

In einer klassenbewussten Solidargemeinschaft oder - einfacher gesagt - in einem Land, in dem der Großteil der Einwohner verstünde, dass es nicht Asylsuchende, Frauen oder Homosexuelle sind, die den Lebensstandard der Masse bedrohen, sondern neoliberale Kräfte, würde man begreifen, dass alle Maßnahmen der Privatisierung eine Pulverisierung der Lebensqualität vieler sind.

Wir, die Verlierer des Systems

Ein weiterer Schritt zur Verfestigung von Klassenunterschieden zwischen Arm und Reich: Obdachlosigkeit, Zahnprobleme, Krebstod. Der mühsam erkämpfte Fortschritt in weiten Teilen der Welt, die Rechte für Arbeitnehmer, Bildung, Krankenkassen, Mieterschutz, werden nun mit Stellvertreterkriegen und Blendgranaten schrittweise abgebaut. Hurra. Die Bevölkerung macht mit. Lässt es geschehen, bei sozialen Verschlechterungen sind ja immer die anderen gemeint.

Der Irrtum der Zeit. Die anderen. Sind wir. Wir alle, die nicht geerbt haben. Die wir keine Millionen machen. Die Masse, das Fußvolk, die Unterschicht, die Mittelschicht, die kommenden oder aktuellen Verlierer des Systems. Wir sind viele, und die Mehrheit, egal welche Hautfarbe, welches Geschlecht wir haben, wen wir lieben, was wir arbeiten oder eben nicht.

Wir sind die Masse, die sich untereinander bekämpft statt geschlossen das zu tun, was Generationen vor uns getan haben. Klassenkampf. Für das Klima, in dem wir leben, für die Steuern, die Milliardäre nicht zahlen, für den Abbau unserer Menschenrechte. Wir, das mystische Wir, könnte sich verbinden.

Oder abwarten. Weitermachen mit dem Hass aufeinander, bis die neue Generation der perfekten Menschen  an unsere Stelle getreten ist.