Margarete Stokowski

Ehe für alle Ein bisschen homophob gibt es nicht

Wolfgang Schäuble und Angela Merkel hadern mit der Öffnung der Ehe für Homosexuelle und dem Adoptionsrecht. Das ist nicht mehr zeitgemäß. Und deshalb verschieben sie ihre Gründe bewusst ins Gefühlige.
Wolfgang Schäuble (Archiv)

Wolfgang Schäuble (Archiv)

Foto: AXEL SCHMIDT/ REUTERS

Während in Tschetschenien Homosexuelle und Transgender verfolgt werden, sinniert in der VIP-Lounge eines Flughafens in Deutschland ein Finanzminister darüber, ob homosexuelle Menschen es verdient haben, gleichwertig behandelt zu werden. Er weiß es nicht so recht.

Die "Rheinische Post" hat Wolfgang Schäuble interviewt , der CDU-Politiker sei "gut aufgelegt" gewesen, schön, wenigstens einer. Schäuble sagt zur Ehe für alle: "Ich komme aus einer anderen Generation, aber ich habe auch von meinen Kindern gelernt. Wir haben ja eine rechtliche Gleichstellung der eingetragenen Lebenspartnerschaft mit der Ehe. Bei der Frage des Adoptionsrechts will ich mir kein pauschales Urteil erlauben. Es geht also vor allem um den Begriff 'Ehe'. Ich frage mich schon, ob dieser Begriff, der seit biblischen Zeiten als Gemeinschaft zwischen Mann und Frau angelegt war, unbedingt auch auf andere Formen der Partnerschaft angewandt werden soll."

Leidende alte Leute

Man muss das so lang zitieren, um zu verstehen, was daran falsch ist. Als das Interview veröffentlicht wurde, machten sich viele über den Bezug auf "biblische Zeiten" lustig, der natürlich etwas albern ist. Warum sollte man sich in gesellschaftlichen Fragen nach einer Zeit richten, in der Steinigung und Kreuzigung okay waren und außerdem Zähne ohne Betäubung gezogen wurden? Aber das sagt Schäuble gar nicht. Er behauptet nicht, dass die biblischen Zeiten der Grund sein sollten, die Ehe für alle zu öffnen, sondern er sagt, er frage sich, ob man es tun sollte, das heißt, er ist sich nicht sicher, also spricht er sich lieber nicht dafür aus. Als einen seiner Gründe nennt er sein eigenes nahezu biblisches Alter ("komme aus einer anderen Generation"), und sagt, dass er durchaus lernfähig ist, sich aber zum Adoptionsrecht raushält. Dumm nur, dass das gemeinschaftliche Adoptionsrecht der Hauptpunkt ist, in dem sich Lebenspartnerschaft und Ehe unterscheiden.

Was Schäuble hier tut, erinnert stark an die Aussagen von Angela Merkel im Wahlkampf 2013, als sie in der ARD-Wahlarena von einem Zuschauer gefragt wurde , was die Gründe für ihre Ablehnung des Adoptionsrechts für Homosexuelle seien, und sie antwortete: "Ich sag Ihnen ganz ehrlich, dass ich mich schwer tue mit der völligen Gleichstellung. (...) Ich bin mir einfach da nicht ganz sicher, ob wir nicht versuchen sollten, ähm, doch, ähm, dann die Adoption hier nicht so gleichzustellen wie in Paaren von Männern und Frauen." Und weiter: "Ich mag ja jetzt auch manch einem etwas veraltet daherkommen, das muss ich jetzt einfach aushalten." Als müsse sie etwas aushalten und nicht tausende Lesben und Schwule.

Wo Schäuble sich "zurückhält" und "sich fragt" ob eine Ehe für alle gut wäre - ein Gentleman fast -, erklärte Merkel, dass sie unsicher ist und das aber auch so bleibt. Keiner von beiden sagte explizit: "Nö, ich finde Schwule und Lesben sollen weniger Rechte haben als ich, Punkt." Implizit leider schon, nur eben mit der rhetorischen Beigabe, dass sie etwas älter sind und es sich auch nicht leicht machen.

Entweder verdeckt oder offen homophob

Das Problem ist: Man kann nicht ein bisschen gegen die Ehe für alle sein, ähnlich wie man nicht ein bisschen schwanger sein kann. Auf die Frage "Sind Sie für die vollkommene Gleichstellung von homosexuellen Partnerschaften mit heterosexuellen?" kann man mit "ja" oder "nein" antworten, und wenn man mit "nicht ganz" antwortet, dann antwortet man mit "nein". Das ist nicht deswegen so, weil es nur Freund und Feind geben könnte, sondern einfach aus dem logischen Grund, dass Gleichstellung Gleichstellung ist und nicht Ähnlichstellung.

Wer "sich fragt", "daran zweifelt", "sich schwertut" oder sogar sich "nicht ganz sicher ist", tut so, als sei es keine politische Frage von Privilegien, sondern eine Übung in Introspektion, bei der manche eben etwas länger brauchen. Schäuble weiß, genau wie Merkel damals wusste, dass es vorgestrig und falsch ist, Homosexuellen nicht die gleichen Rechte zu geben wie Heterosexuellen, deswegen verschieben sie ihre Gründe ins Persönliche und Gefühlige.

Da, wo Schäuble sich in Zurückhaltung übt und sich skeptisch gibt, müssten eigentlich Argumente stehen. Aber vielleicht ahnt er es schon: Es gibt kein einziges sinnvolles Argument gegen ein Adoptionsrecht für homosexuelle Paare. Es gibt keine wissenschaftliche Studie, die gezeigt hätte, dass Kinder aus solchen Partnerschaften irgendwie schlechter aufwachsen als solche aus anderen Partnerschaften, deswegen kann man gegen ein solches Adoptionsrecht nur mit Gründen vorgehen, die entweder offen homophob sind oder eben verdeckt homophob.

Das Verrückte ist, dass die CDU sich überhaupt nicht so schwertun müsste wie Schäuble in seinem Flughafen-Interview. Die Mehrheit der Deutschen - 83 Prozent - ist für eine Ehe für alle. Es wäre spätestens exakt jetzt der Zeitpunkt, während in vielen Ländern der Erde mehr queere Menschen Angst haben müssen, weil Rechte und Rechtsextreme an die Macht kommen, zu sagen: bei uns nicht. Bei uns werden diese Bedingungen besser. In 300 Jahren lachen wir sowieso darüber, wie lange das gedauert hat.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.