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Tillmans-Kunst: Hamburg-Süd in Bild und Ton

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Wolfgang Tillmans in Hamburg: "Wir müssen die Freiheit verteidigen"

Er ist einer der bekanntesten Fotokünstler der Welt - und er hat eine Mission: Wolfgang Tillmans will Nichtwähler mobilisieren. In Hamburg stellt er nun sein Lebensgefühl aus und spricht über AfD und Spaßkultur.

SPIEGEL ONLINE: Herr Tillmans, es ist ein großes Jahr für Sie, mit Ausstellungen in London und Basel, mit neuen Werken, neuer Musik, politischen Kampagnen. Was folgt jetzt in Hamburg?

Wolfgang Tillmans: Die neue Ausstellung ist ein Aufbruch für mich. Fast alle Werke sind noch nie ausgestellt worden, auch wenn einige von ihnen 30 Jahre alt sind. Meine Ausstellungen, auch die Retrospektiven in der Tate Modern  und in der Fondation Beyeler , waren schon stark durchkonzeptioniert. Nun habe ich den Saal des Kunstvereins  als eine Art cineastischen Raum in verschiedene Szenen und Lichtbilder verwandelt. Beim Gehen verändern sich Stimmungen und Lichttemperaturen.

SPIEGEL ONLINE: Das ist auch hörbar - Sie haben die Ausstellung auch vertont. Reicht das Bildhafte nicht mehr aus?

Tillmans: Tatsächlich interessiert mich das Akustische, aber auch das Räumlich-Performative, mehr als früher. Hier in der Ausstellung wechselt sich Stille mit Stimmerkundungen ab, manche davon choral, andere fast absurd. Sie artikulieren ganz profane Dinge wie "Nord-Ostsee-Kanal" oder "Hamburg, Hamburg-Süd" und doch wirken sie durch den Hall in dem großen Raum feierlich. Es geht um mein persönliches Hamburg-Bild: Die Nähe des Meeres und den Einfluss des Hafens finde ich schon besonders.

SPIEGEL ONLINE: Hamburg, die Seefahrerstadt - ist das nicht ziemlich Klischee?

Tillmans: Ich hätte diesen Bezug auch ignorieren können. Aber manche Aspekte sind stark besetzt, weil sie eben auch stark sind. Dann wiederum kommt das Meer in den zwei größten Bildern der Ausstellung nicht wegen Hamburg vor, sondern weil mich das Thema seit fünf Jahren intensiv interessiert.

Zur Person
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Wolfgang Tillmans, 49, ist einer der bedeutendsten und teuersten Fotografen weltweit. In den Neunzigerjahren prägte er mit Bildern aus der Clubbing- und Homosexuellenszene den Look der globalen Popkultur und der Kunstfotografie. Im Jahr 2000 erhielt er als erster Deutscher den wichtigen britischen Turner-Preis; in diesem Jahr widmete die Tate Modern in London und die Fondation Beyerle bei Basel dem Künstler große retrospektive Ausstellungen. Für den Hamburger Kunstverein gestaltete er eine Schau, die sowohl Rückblicke, als auch für ihn neue Darstellungsformen beinhaltet. Tillmans engagiert sich mit einer eigenen Kampagne für mehr Wahlbeteiligung bei der Bundestagswahl. Auf www.betweenbridges.net  bietet er Plakate an, die man kostenfrei ausdrucken oder über soziale Medien teilen kann. Tillmans lebt in London und Berlin.

SPIEGEL ONLINE: Auch Zeit spielt eine große Rolle in der Ausstellung mit dem Titel "Zwischen 1943 und 1973 lagen 30 Jahre. 30 Jahre nach 1973 war das Jahr 2003". Sie werden im nächsten Jahr 50 Jahre alt. Ist es für Sie eine Zeit für Reflektion?

Tillmans: Ich habe immer mein Leben reflektiert und mein komplettes Werk aktiv genutzt und gezeigt. Ich arbeite nicht in abgeschlossenen Werkgruppen, somit war das Gefühl für den Einfluss der Vergangenheit und für Kontinuitäten in meinem Werk schon vorher da. Neu ist, dass ich es akzeptiere, auch bereits angekommen zu sein. Als Künstler schaut man immer auf das Nächste. Ich akzeptiere, dass ich vielleicht schon eine gute Hälfte meines Werkes hinter mir habe - ohne dass mir dies Energie und Antrieb nimmt. Stattdessen entsteht Raum für Neues.

SPIEGEL ONLINE: Relativ neu ist, dass Sie nun auch Musik machen. Sie haben ein 27-minütiges Visual Album mit ihrer Band "Fragile" veröffentlicht. Können Sie in der Musik etwas ausdrücken, was in der Fotografie nicht möglich ist?

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Tillmans: Ja, das hat vor allem mit Sprache zu tun, mit Stimmen und dem Klang von Worten. Als Künstler geht es mir darum, zu sprechen - das kann ich durch Bilder, aber auch durch Musik tun, die etwas noch Universelleres hat. Insofern empfinde ich das als konsequente Ergänzung, um mich auszudrücken.

SPIEGEL ONLINE: Sie kommunizieren auch politisch: Sie haben Poster zur Bundestagswahl gestaltet und Anzeigen in Magazinen geschaltet. Glauben Sie, als Künstler jetzt noch etwas bewegen zu können?

Tillmans: Meinen Aufruf zu mehr Wahlbeteiligung, um die AfD möglichst klein zu halten, habe ich als Bürger getan, nicht als Person des öffentlichen Lebens. Der Unterschied ist nur, dass ich künstlerische Mittel nutzen kann. Ich spüre eine Verpflichtung, das zu tun. Aus dem gleichen Grund habe ich mich auch mit einer Kampagne gegen den EU-Austritt Großbritanniens engagiert.

SPIEGEL ONLINE: Bundestagswahl und Brexit, das sind nicht gerade sexy Themen für einen Künstler.

Tillmans: Aber es gibt diese große Dringlichkeit in mir. Ich weiß, dass ich vermutlich keinen AfD-Wähler umstimmen kann. Aber vielleicht einen Schwerpunkt setzen. Ich will am 25. September aufwachen und denken, dass ich alles, was mir möglich war, getan habe.

SPIEGEL ONLINE: Sie schreiben auf einem Plakat: "Sonntag ist super. Zum Feiern und zum Wählen". Lebenslust und Politik, geht das wirklich zusammen?

Tillmans: Na klar.

SPIEGEL ONLINE: Bildet für Sie die Musik ein Gegengewicht zum politischen Engagement?

Tillmans: Das ist alles parallel entstanden, gar nicht so koordiniert, dass ich sagen würde, das eine gleicht das andere aus. Die Musik erlaubt ja auch politische Dinge zu sagen, die ein Foto ohne Sprache nicht sagen kann.

SPIEGEL ONLINE: Ist politische Verantwortung etwas, das mit dem Alter kommt?

Tillmans: Vielleicht. Doch es sollte jedem klar sein, dass wählen zu gehen der eine Beitrag ist, den man leisten kann. Mich öffentlich auszusprechen, mag etwas mit der Sicherheit zu tun haben, zu der man im Alter findet. Doch ich habe mich schon sehr früh als Aktivist gefühlt: Die Fotos von Alex und Lutz Anfang der Neunziger etwa, die hatten etwas mit Körperbildern und Geschlechterverhältnissen zu tun, die wir verändern wollten. Für mich waren die Neunzigerjahre auch nicht unpolitisch. Wenn eine Million Leute bei der Loveparade friedlich auf der Straße zusammenkamen, dann habe ich darin nicht oberflächliche Spaßkultur gesehen, sondern eine einmalige Demonstration für Frieden, Gleichheit der Geschlechter und Akzeptanz verschiedener Sexualitäten.

SPIEGEL ONLINE: Diese liberalen Strukturen bekommen aber nun Gegenwind.

Tillmans: Dass eine rechte Gegenbewegung stattfindet, liegt daran, dass 50 Jahre lang befreiende Bewegungen gewonnen haben. Es wurde weniger rassistisch, weniger sexistisch in Deutschland. Das missfällt einer Minderheit, die sich lange verkneifen musste, dass sie gegen die Gleichstellung der Frau oder die Anerkennung von Homosexuellen sind. Die sind nicht an Polyphonie interessiert, die sehnen sich nach Autorität. Seit ein paar Jahren drücken diese Kräfte nun zurück, werden sichtbar.

SPIEGEL ONLINE: Diese Tendenz ist ja nicht nur in Deutschland zu beobachten…...

Tillmans: ...sondern auch in Polen, Ungarn, Türkei, Großbritannien, Frankreich. Es ist wichtig, sich in Europa jetzt darauf zu besinnen, was uns zusammenhält, nicht was uns trennt. Wir müssen wach bleiben, nicht das Klischee im Anderen zu sehen. Deutschland schlafwandelte diesen Sommer vor sich hin und alle dachten, es bleibt alles beim Alten. Aber man muss ja nur nach Polen gucken, um zu sehen: Freiheiten, Werte und Rechte sind nicht selbstverständlich. Sie werden angegriffen. Man muss sie verteidigen.


Laufende Ausstellungen:

Wolfgang Tillmans, Kunstverein Hamburg , bis 12. November 2017
Wolfgang Tillmans, Fondation Beyeler , Riehen (Schweiz), bis 1. Oktober 2017

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