Zeitungsdebatte In der geistigen Schuldenfalle

Von Wolfram Weimer

Der Journalismus erlebt eine ähnliche Glaubwürdigkeitskrise wie die Politik. Die Hierarchie der Wahrheiten wird durch eine Hierarchie der Gefälligkeiten ersetzt. Die Folge: opportunistische Verflachung und Verlust an Autorität.

Kann es sein, dass die Zeitungskrise gar nicht so viel mit dem Internet zu tun hat, wie die Zeitungsmacher behaupten? Kann es sein, dass dahinter ein größeres Problem des Medienbetriebes steckt? Kann es sein, dass wir neben der finanziellen auch eine mediale und kulturelle Schuldenkrise haben? Es kann.

Während unsere Branche über "Plattformen" und "Schnittstellen", über "Multimedialität" und "Content for People", über "Social Media" und "Mobile Interaction" räsoniert, während klassische Redaktionen entmündigt werden und Manager die Macht in Verlagshäusern übernehmen, denen Journalismus eine Ware wie Hundefutter oder Fußpilzcreme ist, während Kollegen nur noch reden, als seien sie bei McKinsey, fragt niemand mehr nach dem Eigentlichen: den Inhalten. Im Geraune über einen technischen Wandel hört kaum einer mehr hin, dass es uns Journalisten in Wahrheit ergeht wie den Politkern - uns wird nicht mehr geglaubt. Die Diagnose der Zeitungskrise ist viel unangenehmer als das fallende Auflagen und technische Antworten auf den Medienwandel verdeutlichen. Der Medienbetrieb steckt als Ganzes mit seiner Kultur der Affirmation in der geistigen Schuldenfalle. Er nimmt permanent kognitive Schulden auf, und reduziert zugleich sein Eigenkapital des journalistischen Könnens.

Die Aufmerksamkeitsökonomie und ihre Währung "Beliebtheit" ist zum Beispiel für den politischen Journalismus ein süßes Gift. Wenn Giovanni di Lorenzo davon berichtet, dass man früher für die Talkshows nach den Schwachpunkten der Gäste und kritischen Ansätzen gefahndet habe, heute aber vor allem nach dem Unterhaltungs- und Stimmungswert frage, dann ist das ein Alarmsignal. Wir etablieren im Journalismus zusehends eine seltsame Hierarchie von Wichtigkeiten, die die kritische Intelligenz immer geringer schätzt, die affirmative höher und die inszenatorische am höchsten. Das Eigentliche ist uns zusehends weniger wert als das Erzählte und noch weniger als das Unterhaltende. Reporter und Rechercheure, Kritikaster und Kämpfer gegen das Falsche - die konzentrierte Sphäre der journalistischen Integrität, die altmodischen, querköpfigen Wahrheitssucher also haben Qualitätsmedien groß und vor allem wichtig gemacht. Es gab dereinst sogar einen Kampf um Wahrheit und Wirklichkeit, woraufhin Journalisten einander über Inhalte Feinde werden konnten.

Vorbei. Heute wollen wir häufig eines: cool gefallen. Die Welt der Bühne hat die der Kulisse als Sehnsuchtsort abgelöst. Man mag die Possierlichkeit der Postmoderne oder den Druck der Unterhaltungsgesellschaft dafür schelten. Die Folgen sind jedenfalls tiefgreifend. Der Journalismus wird zusehends von einer kulturellen Haltung des Opportunistischen, des Unernstes, der Eitelkeiten geprägt, weil wir die Hierarchie der Wahrheiten durch eine Hierarchie der Gefälligkeiten ersetzen.

Gleiche Meinungen, gleiche Themen

Wenn aber das Kleid des Gefallens den Journalismus umschmeichelt, wenn wir immer weniger auf das hören, was einer zu sagen hat, als auf das, wie und wo und vor wie vielen er es sagt, dann dürfen wir uns nicht wundern, dass der Journalismus eine ähnliche Glaubwürdigkeitskrise wie die Politik erleidet. Die Menschen durchschauen unser schillerndes Äußerlichkeitskleid als lichtes Nachthemd.

Eine Ursache der journalistischen Krise liegt in der Auflösung von Wahrheiten zu diskursiven Konsensen. Wir fragen immer weniger danach, was wir für richtig halten, sondern danach, was andere für richtig halten könnten. So stützt sich die Politik am liebsten auf Umfragen, die Wirtschaft orientiert sich an der Marktforschung und der Journalismus huldigt der Wohlfühl-Unterhaltungs-Quote. Alles nachvollziehbar - nur zahlen wir mit diesen chamäleonhaften Techniken der Vermittlung unseres Bewusstseins einen Preis der opportunistischen Verflachung.

Wenn Zeitungen heute also sterben, wenn Medien immer mehr misstraut wird, wenn Journalisten ihrer Deutungsmacht beraubt werden, dann hat das auch damit zu tun, dass sie hundefutterartigen "Content for people" produzieren, aber keine Geschichten und Wahrheiten mehr. Die Mode der Wahrheitsfindung durch den postmodernen Mitte-ismus schien anfangs eine erfrischende Befreiung von den bleiernen Kämpfen der ideologischen Zeit. Inzwischen ist sie für den Journalismus wie ein Verrat an sich selbst. Wenn sich nämlich in immer mehr Diskursen alle auf einem winzigen Fleck konsensualer Mitte versammeln, dann wird es argumentativ ziemlich eng, dann werden nötige Debatten durch Wohlfühlplattitüden ersetzt. Denn der Drang in die politisch korrekte Mitte erzeugt einen Journalismus, der sich massen- und mehrheitskonform seicht dahin biegt. Wir haben hernach in vielen Debatten von der "SZ" bis zur "Bild", von der "FAZ" bis zum SPIEGEL gleiche Meinungen und gleiche Themen.

Wenn Medien so demonstrativ werden wie sozialistische Denkparaden, ist es dann ein Wunder, dass sich das Publikum abwendet? Haltung, Abweichlertum, Originalität wirken in der superkonformen Medienwelt der Vollkaskomeinungen wie Antiquitäten aus längst versunkenen Zeiten. Man gibt sich eben auch als Journalist lieber geschmeidigen Netzwerken hin, Meinungstrends und Stimmungs-Communities, weil sie kollektive Bande einer Welt sind, die die Wahrheit fürchtet wie der Chorknabe das Solo. Die schleichende Erosion unserer journalistischen Intelligenz kommt aus einer kulturellen Haltung des Unernstes, des Unechten, des Zynischen.

Kulturell betrachtet ist der Niedergang der Zeitungen die Folge eines Uniformierungsproblems. Politisch betrachtet geht es um das Aufbrechen eines Medienkartells. Die Gesellschaft entmachtet Leitmedien, weil sie sich von ihr nicht richtig informiert fühlt. Diese Krise ist nicht bloß ein technologischer Wandel, sie zeigt eine tiefergehende Schuldenkrise auch des Medialen an. Wir haben Schulden der Identität, weil wir Wahrheiten nur noch fremd entlehnen, sie uns leihen, häufig auch noch von der Masse. Die Masse als Ordnungsprinzip der medialen Globalisierung bringt ausgehöhlte Systeme der Konformität und Gesellschaften mit beschränkter Haftung hervor. Sie führt dazu, dass die Politik sich am liebsten auf Umfragen stützt, dass die Wirtschaft sich an Analysten und der Marktforschung orientiert und der Journalismus an der nackten Quote. Alles nachvollziehbar - nur zahlen wir mit diesen lemurenhaften Techniken der Vermittlung unseres Bewusstseins einen Preis der Vernichtung von Autorität.

Die suggestive Kraft der kommunikativen Mitte hat heute Konjunktur wie nie zuvor. Wir sind dabei, unsere Wissenswelten nach Mitte-suchenden Algorithmen des Massengeschmacks zu sortieren. Google wirkt wie der Fetisch unserer Zeit. Was wir durch Google auf unseren Bildschirmen finden, halten wir für wahr - obwohl Expertise dort zuweilen durch das Halbwissen sich selbst regulierender Massen ersetzt wird. Eine Folge dieses Trends ist, dass wir uns in der Mediendemokratie entweder mit Banalitäten, billigen Konsensen oder mit Alarmisten beschäftigen. Wir jagen von einer Panik in die nächste. Kampfhunde und SARS, Feinstaub und BSE, Vogelgrippe und Klimawandel, Finanzkrise oder Abhörskandal - der Alarmismus prägt die Mediendemokratie, eben weil sie sich nicht an Wahrheiten orientiert sondern an Stimmungen. Das Vertrauen auf geistiges Fremdkapital und die Flucht in die Skandalisierung oder Infantilisierung ist ein Glasperlenspiel, es beschleunigt den Niedergang klassischer Medien. Es geht daher nicht um Internet oder Print, es geht darum, wer wirklich was zu sagen hat.

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