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13. Juli 2019, 17:32 Uhr

Klaus Maria Brandauer in Worms

Erzdeutsches "Game of Thrones"

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Bei den Wormser Festspielen präsentiert Regisseurin Lilja Rupprecht ein neues Nibelungenstück - von Bestsellerautor Thomas Melle, mit Schauspieler Klaus Maria Brandauer in der Schurkenrolle.

Die Uhr schlägt viertel vor Mitternacht, endlich blitzen Sterne zwischen den Regenwolken vom Himmel, der Wormser Dom steht mächtig im trüben Scheinwerferlicht, als der Helden-Recke des Abends seine wichtigste Wahrheit verkündet: "Ich spreche jedes Wort, als wäre es mein letztes. Immer schon, seitdem ich ein Kind bin." Ganz milde und abgeklärt guckt der große Mann im schwarzen Wams dazu. "Und bin ich doch ein Kind, nicht wahr, zumal das schrecklichste."

Der Kerl, der da beim Freiluftspektakel vor dem Dom zu Worms den eigenen Kindskopf-Charakter analysiert, ist der tückische Hagen Tronje, der in der Nibelungensage bekanntlich den nahezu unverwundbaren Helden Siegfried meuchelt. Die Selbstbeschreibung passt auch ganz gut zu dem Mann, der den Schurken Hagen spielt.

Es ist der berühmte Schauspielkünstler Klaus Maria Brandauer, Jahrgang 1943, der sich mit seinem bubenhaften Blick, mit seinem tänzelnden Gang, im stets heiter-boshaften Singsang seiner Stimme unbedingt etwas Kindliches und viel Furchteinflößendes bewahrt hat.

Die Nibelungensage als postapokalyptische Farce

"Überwältigung" nennt der erfolgreiche Schriftsteller Thomas Melle das Theaterstück, das er nicht direkt für Brandauer - wie man am Freitagabend manchmal denken konnte -, sondern für die seit einigen Jahren vom Filmproduzenten Nico Hofmann geleiteten Wormser Nibelungenfestspiele geschrieben hat.

Melle ("Die Welt im Rücken") erzählt die Nibelungensage aus postapokalyptischer Perspektive neu. Entschieden nicht als tragische Monumentalgruselstory, wie wir sie vom Dichter Friedrich Hebbel und vom Gesamtkunstwerker Richard Wagner kennen. Sondern als Farce.

Zu Beginn der Uraufführung, die von der Regisseurin Lilja Rupprecht vor dem Wormser Dom angerichtet wird, sieht man eine schwarzgewandete, teils behelmte Truppe von Untoten, wie sie sich zum Chor formieren. Rückblickend erzählen sie vom Mord und Totschlag im Haus des Königs Gunther.

Auf dem "Zeitpfeil" zurück in die Vergangenheit

Bald tritt ein Kind im Schlafanzug aus der Mitte des Chors hervor, gespielt von der Darstellerin Lisa Hrdina. Von der rechten Seite nähert sich ein älterer Herr in Schwarz, der finstere Hagen. Das Kind sieht aus wie Greta, die berühmteste minderjährige Politkämpferin der Gegenwart, und sagt, es heiße Ortlieb.

Unter seiner Anleitung reist die Gesellschaft "auf dem Zeitpfeil" zurück in die Vergangenheit, damit nochmals der Kampf zwischen Siegfried und Brünhild, die Liebe zwischen Siegfried und Kriemhild, die Intrigen des hier als "Realpolitiker" deklarierten Hagen nachgespielt werden können.

Für eine Welt, die offenbar das uralte, erzdeutsche "Game of Thrones" unbedingt noch einmal erzählt haben will: "Amüsiert euch zu Tode! Wir sind euch wohl immer noch nicht oft genug gestorben, unstillbar die Gier nach dem Schrecken", neckt Brandauers Hagen das Publikum.

Blut klebt an Hagens Händen

Tatsächlich sind die Nibelungenfestspiele, für die Nico Hofmann jeweils moderne Adaptionen des Stoffs in Auftrag gibt, auch in diesem Sommer wieder nahezu ausverkauft. Wie stets zur Festivaleröffnung gibt es auch am Freitagabend ein Prominentenschaulaufen, bei dem sich unter anderem Elke Heidenreich, Frank Plasberg und Jonathan Meese von Fotografen ablichten lassen. Und obwohl immer wieder Regenschauer über dem Wormser Dom niedergehen, halten die meisten der angeblich 1300 Premierenbesucher bis zum Schlussapplaus kurz vor Mitternacht durch.

Die Regisseurin Rupprecht fährt allerhand auf, um gegen die Macht der Domkulisse anzukommen: honigsüße musikalische Untermalungen, die Zeichentrickprojektion eines von Tieren durchstreiften Zauberwaldes und sogar eine Feuerspucknummer. Die Bühnenbildnerin Anne Ehrlich hat ihr dazu ein meist mit Planen zugedecktes Holzgerüst gebaut, das an die Eisberge von Island erinnert, wo die von Inga Busch mit burschikosem Charme gespielte Brünhild der Sage nach zu Hause ist. Eine kleine silberne Hütte auf dem Gipfel des Eisbergs dient unter anderem als Liebesnest.

Dort kuschelt der wilde, die Muskeln des bloßen Oberkörpers stolz präsentierende Siegfried (Alexander Simon) mit seiner zarten, leicht verstrahlten Kriemhild (Kathleen Morgeneyer). Am Fuß des Eisbergs findet sich ein Höhlenzugang, den Brandauers Hagen durchschreitet. Einmal spricht er vom Blut an seinen Händen und klagt, missgelaunt, weil er unglücklich verliebt ist in das Mädchen Kriemhild: "Ich schau mich von allen Seiten an und finde doch nur mein altes Gesicht. Nur eine wäre mir nähergekommen - nur sie, und das geht nicht, bin ich doch Hagen."

Am Ende rechnet ein Kind mit den Alten ab

Es ist ein poetisches, mit vielen tollen Sprachkunststücken und einigem Witz auftrumpfendes Stück, das Thomas Melle da geschrieben hat. Weil es nach genauem Zuhören verlangt, ist es für den Rummel einer Freiluftaufführung allerdings nur bedingt geeignet. Noch schwerer wiegt womöglich, dass der Dramatiker Melle nicht recht zu wissen scheint, wo er eigentlich hin will mit dem Plot von "Überwältigung".

Eine lange Weile über verliert sich das Stück in der schieren Nacherzählung der Schwäche des Königs Gunther (Moritz Grove) und der Eifersuchtsgeschichte zwischen Brünhild und Kriemhild. Bis sich endlich zum großen Showdown wieder das Kind Ortlieb und der böse Onkel Hagen gegenüberstehen.

Die Ortlieb-Darstellerin Hrdina schreit in trotzigem Zorn und immer noch in Pyjamahosen vergeblich gegen die Mordtat an, als Brandauers Hagen mit einer Art elegantem Würgegriff den armen Recken Siegfried zu Boden schickt. Dann aber wird abgerechnet zwischen dem Kind und dem bösen Onkel. Hagen muss sterben, da nützt es nichts, dass er für sich reklamiert, ein ewiges Kind geblieben zu sein. "Geh zugrunde, altes Geschlecht, im Stampfschritt, Marsch zu Ende", zischt das Kind, als Hagen tot niedersinkt.

"Ihr wolltet es nicht ändern, darum ändert es jetzt euch" heißt es über das Geschick der Alten, "Gezeck seid ihr, Gekreuch." Das Nibelungenspiel ist bei Thomas Melle ausgespielt, ein neues, womöglich besseres Zeitalter dämmert herauf. Wie, wodurch und weshalb es so weit kommen konnte, war nicht wirklich zu begreifen an diesem Premierenabend. Kurzen, freundlichen Applaus gab es trotzdem.


"Überwältigung". Weitere Vorstellungen im Rahmen der Nibelungenfestspiele täglich bis 28. 7. vor dem Wormser Dom, ausgenommen der 22.7.

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