Wort des Jahres "Bundeskanzlerin" macht das Rennen

Eine Frau, ein Wort: Die Gesellschaft für Deutsche Sprache hat heute die prägendste Vokabel des Jahres bekannt gegeben. Nein, es ist nicht "Papst", auch wenn wir bekanntlich alle selbiger sind. Die Begriffs-Nummer eins ist "Bundeskanzlerin".


Wiesbaden - Die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) hat entschieden: "Bundeskanzlerin" ist dieses Jahr die maßgebliche Vokabel. Seit 1977 entscheidet das in Wiesbaden ansässige Gremium, welcher Begriff den Zeitgeist in Deutschland am besten Ausdruck verleiht.

Kanzlerin Merkel: Eine Frau, ein Wort
DDP

Kanzlerin Merkel: Eine Frau, ein Wort

Spätestens seit Beginn des Wahlkampfs für die vorgezogene Bundestagswahl im September habe sich mit der Kanzlerkandidatin Angela Merkel auch die Bezeichnung Bundeskanzlerin etabliert, erklärte die GfdS. Das Wort werfe außerdem sprachlich interessante Fragen auf, etwa nach Zusammensetzungen wie Bundeskanzleramt oder protokollarische Gepflogenheiten der Anrede.

Neben Angela Merkel hat es auch der ehemalige Kardinal Ratzinger in die erste Begriffsliga geschafft: "Wir sind Papst" rangiert auf dem zweiten Platz der Spracheinschätzer. Die Schlagzeile der "Bild"-Zeitung sei "sprachlich einprägsam", begründeten die Sprachforscher ihre Wahl.

Platz drei belegt die Jahrhundertkatastrophe "Tsunami", Platz vier ist von rücksichtslos Profit machenden "Heuschrecken" belegt. Der ehemalige SPD-Vorsitzende Franz Müntefering hatte im Rahmen der Kapitalismusdebatte vor allem ausländische Finanzinvestoren mit Heuschreckenschwärmen verglichen, die über Unternehmen herfielen, sie abgrasten und dann weiterzögen. Die Top Fünf beschließt der wenig delikate Begriff "Gammelfleisch".

Letztes Jahr hatte "Hartz IV" das Rennen gemacht: Der damalige VW-Personalchef wurde zum Namenspatron für ein Gesetz zur Arbeitsmarkt- und Sozialhilfereform, dessen Name alsbald zum Angst- und Kampfbegriff in der politischen Debatte avancierte. Kulturell Wetterfühlige sprachen denn auch von einem "verhartzten Sommer", Polemiker unkten in Anlehnung an einen Actionfilm, "Die Hartz" stünde ins Haus.

Weitere deutsche Wörter des Jahres: "Das alte Europa" (2003), "Teuro" (2002), "11. September" (2001), "Millennium" (1999), "Rot-Grün" (1998), "Reformstau" (1997), "Sparpaket", "Multimedia" (1995).

Die Schweizer haben mit ihrem Wort des Jahres übrigens nicht einer politischen, sondern wirtschaftlichen Größe die Reverenz erwiesen: "Aldisierung" ist in der Alpenrepublik die wichtigste Vokabel. Der Begriff mache einen gesellschaftlichen Trend, "weg vom traditionell schweizerischen Qualitätsbewusstsein hin zum Preis als dominantem Kriterium" deutlich, schrieb die "Neue Zürcher Zeitung".

Spricht sich hier die Angst vor der Verramschung nationaler Tugenden aus? Vielleicht sollten wir unsere Nachbarn diesbezüglich "begäuschern". So lautet das plattdeutsche Wort des Jahres, offiziell ermittelt vom Landesheimatverband MV und dem Fritz-Reuter-Literaturmuseum Stavenhagen. Es bedeutet so viel wie beruhigen - oder beschwichtigen.



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