"Woyzeck"-Premiere in Hamburg Büchner, bleiern geleiert

In seinem revolutionärem Fragment "Woyzeck" brachte Georg Büchner das Drama des geschundenen Menschen auf die Bühne. Am Hamburger Schauspielhaus wollte Regisseur Laurent Chétouane mit einer zeitlupenartigen Neuinszenierung noch radikaler sein als der Autor.


David Striesow als "Woyzeck": Worte spucken wie schwere Steine
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David Striesow als "Woyzeck": Worte spucken wie schwere Steine

Die Bühne des Deutschen Schauspielhauses als Kahl-Center: Bei so viel Leere und Kargheit aus schwarzer Farbe und spärlich bearbeiteten, minimalistisch vernagelten Holzbäumen im Obi-Look weiß man sich sofort in einer konventionell visualisierten "Woyzeck"-Welt. Spielleiter Laurent Chétouane, ohnehin kein waghalsiger Jongleur der Regieeinfälle, verlässt sich wie schon bei seiner Hamburger "Don Karlos"-Inszenierung im letzten Jahr völlig auf den Text und auf die Schauspieler.

Das war nur scheinbar klug, ging aber gut los: Als Woyzecks uneheliches Kind strampelt die quirlige Jana Schulz zu einem Eröffnungsmonolog, der sich schnell als das Märchen entpuppt, das ihr eigentlich gegen Schluss des Stückes die Großmutter erzählt. Wir erkennen: Das Fragment ist das Thema, die Zeit spielt die wichtigste Rolle. Und bei Chétouane ist viel Zeit im Spiel, zu viel vielleicht. Ein trotz Szenen-Streichungen zweieinhalbstündiger "Woyzeck" gerät zumindest quantitativ zur Rekordveranstaltung.

Georg Büchners Psychodrama vom "vergeisterten" Füsilier Franz Woyzeck, der von Eifersucht und Todeswunsch besessen, seine Geliebte Marie ersticht, wütet trotz seines fragmentarischen Charakters mit der Wucht einer Shakespeare-Tragödie. Vom 23-jährigen Büchner in den Jahren 1836/37 nach einem authentischen Kriminalfall geschrieben, stieß die surreale Szenenfolge das Tor zum Theater des 20. Jahrhunderts auf und lässt Brecht und Beckett erahnen.

Erst 1913 konnte "Woyzeck" im Münchner Residenztheater uraufgeführt werden. Inzwischen gehört das Fragment zu den am meisten inszenierten Stücken deutscher Bühnen. Erst vor zwei Jahren hatte Michael Thalheimer mit dem Ensemble des Hamburger Thalia Theaters daraus einen krass uminterpretierten, blutigen Serienkiller-Thriller gemacht.

Größer konnte der Kontrast des Schauspielhaus-"Woyzecks" nicht sein: Entgegen Thalheimers Kondens-Konzept dehnte Chétouane die Zeitebenen des Stückes bis an die Grenzen des Erträglichen - für Schauspieler und Publikum. Schnell bestätigte sich: Büchners Sprache eignet sich nur schlecht als Lavastrom, zumal es in diesem Niemandsland nichts mehr zum Verbrennen gab. So sieht die dröge Theater-Hölle aus: Entnervte verließen nach der Hälfte das Parkett, die Schwundquote auf den Rängen kann nur erahnt werden.

So sieht die Theaterhölle aus

Thalheimer-"Woyzeck" von 2003 (mit Peter Moltzen, l., Norman Hacker): Kontrast zum Kondens-Konzept
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Thalheimer-"Woyzeck" von 2003 (mit Peter Moltzen, l., Norman Hacker): Kontrast zum Kondens-Konzept

Jungstar Devid Striesow (in Hamburg zuletzt im "Don Karlos" zu sehen) steht buchstäblich seinen Mann: Sein Woyzeck spuckt die Worte aus wie schwere Steine, auf der Formung seiner Gedanken liegt das Gewicht einer ganzen feindlichen Welt, sein starrer Blick sieht nur noch nach innen. Ob Marie, Hauptmann oder Doktor, niemanden nimmt er mehr wirklich wahr, dieser einsame Soldat hat das Leben längst hinter sich. Aber seine katatonische Spannung hat auch alle anderen angesteckt: Jeder im emotionalen Beziehungskreis Woyzecks bewegt sich in Zeitlupe, Chétouane inszeniert das Drama als eine einzige große Rückblende: Ein Arrangement von lebenden Toten, die durch den Traum ihres verhinderten Lebens waten. Einzig das Kind bewegt sich geschmeidig, wie leicht betrunken zwischen den unnahbaren Erwachsenen, die keine Nähe mehr zueinander herstellen können. Wenn der Doktor, der mit Woyzeck herumexperimentiert, dessen Puls fühlt, so ist das beinahe schon Erotik.

Obszöne Gewalt

So gewinnt auch der unbeholfene Tanz zwischen Marie und dem Tambourmajor eine geradezu obszöne Gewalt angesichts der ansonsten forcierten physischen Distanz aller zueinander. Stephanie Stremler (bekannt aus dem Film "Die Spielwütigen") presst der Marie wenig Leben ab, sie starrt und stampft ebenso zombiemäßig durch die Bühnenwüste (preiswürdig öde von Patrick Koch gestaltet) wie der statische Hauptmann (Stephan Grossmann) oder Woyzecks Freund Andres (Tillbert Strahl-Schäfer).

Dem erkenntnisgläubigen Arzt (Jörg Ratjen mit satirischen Versuchen) verleiht seine eitle Selbstzufriedenheit einen nur minimalen sprachlichen Tempogewinn: Bald haspelt auch er sich zurück zum Untoten-Level. Für gleich mehrere Höhepunkte sorgt Walter Diehl (zuletzt als Philipp II. in Chétouanes "Don Karlos"), der den Juden, den Narren und den Marktschreier spielt. Vor allem in dessen berühmten Monolog gelingt ihm ein wahrer Zauber von abgehobenem, präzisem Spiel, das eigentlich mit dem Rest der Inszenierung nicht viel zu tun hat. Das ist bewegend und intensiv, gerade weil diesem Text kein Stretching-Programm verordnet wurde.

Da ist es fast schon wieder logisch, dass Regisseur Chétouane nach Woyzecks Sinnieren über die Sägespäne unter dem Beil des Henkers den Vorhang fallen lässt, ohne den Mord an Marie und den Schlusswahn. Waren ja alle schon vorher tot, wie wir dem Anfang und der überdimensionierten Rückblende von sagenhaften 150 Minuten entnommen haben. Was blieb dem armen Ensemble übrig: Bleiern leiern, hieß für die meisten die Devise, und es war deprimierend zu erleben, wie eine Top-Truppe ins Messer eines atemberaubend schlichten und selbstverliebten Regie-Amoks laufen musste. Der Schlussbeifall für die Schauspieler war heftig, aber ergreifend kurz, die Buhs für die Regie angemessen. Einer so dünnen Suppe wäre mit mehr Emotion nur überflüssige Ehre angetan worden. Aber vielleicht wollte der Regisseur nur nachweisen, dass man Büchner einfach nicht killen kann. Wussten wir aber schon.



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