Sibylle Berg

Wutbürger Die Sonne blendet, die Sau

Ausländer, Lesben, die Sonne: Irgendwas taugt immer für eine tüchtige Wut. Dabei ist es gar nicht so schwer, Menschen zu mögen.
Als diese Apfelbäume blühten, war unsere Kolumnistin ein Kind

Als diese Apfelbäume blühten, war unsere Kolumnistin ein Kind

Foto: imago/Westend61

So, was gibt es denn heute Deprimierendes zu berichten? Irgendwas geht immer, irgendwas taugt immer für so eine tüchtige Wut, aber warten Sie mal, die Sonne blendet, die Sau. Da müsste man auch mal etwas unternehmen. Die Sonne muss weg. Und wie es riecht, der Herbst riecht erstaunlich gut, im frühen Stadium. Als würde die Natur sich gerade überlegen, ob sie Angst haben oder weiterleben will, als sei nichts geschehen.

Es ist nichts passiert. Ich vergesse das ab und zu, denn außer dass die Welt mir durch erhöhten Netz-Konsum fragiler erscheint als je zuvor, außer dass sie real voller geworden ist und Menschen jetzt äußern, was sie früher nur ihrer Wand zu erzählen wagten, ist doch eigentlich nichts passiert. Außer der Sonne, dem Geruch und dem Begreifen der Endlichkeit, ausgelöst durch irgendetwas Brutales, das täglich irgendwo passiert. Aber das gab es ja schon immer, den Terror, die Morde, die Kriege, die Dummheit. Es schien nur weiter weg.

Ein Mann wird eine Frau, so fucking what?

Der Zustand der nervösen Vibration hat gerade Pause, ich bin unversehrt, die Menschen, die ich mag, sind fast alle noch da, das Essen ist prächtig und wächst auf Bäumen. Im Radio berichtet eine Dame von der schrecklichen Tatsache, dass ihr Mann lieber ihre Frau sein möchte. So fucking what? Solange der Mann, der dann meine Frau ist, nicht ungefragt meine Sachen ausborgt und sie absurd geweitet wieder zurücklegt, ist das doch vollkommen gleichgültig. Was einer ist und womit ihm wohl ist.

Schade nur, dass vielen gerade mit etwas sehr wohl zu sein scheint, das mich anekelt: der Verabschiedung von sozialem Denken und der wunderbaren Demokratie, die auf halben Weg innezuhalten und sich zu übergeben scheint. Aber noch nicht einmal die europaweite Sehnsucht nach Zucht und Ordnung bringt mich heute in Wallung.

Vielleicht haben Populismussympathisanten einfach keine Sonne, keinen Herbstgeruch, vielleicht sind sie aus Orten, wo es dauernd regnet, und sie haben Angst vor ihrem Ende. Wenn alles wieder so wird, wie vor hundert Jahren, dann überliste ich die Zeit und ein höheres Wesen addiert zu meinem Alter einfach hundert Jahre dazu. Klingt drollig, aber der Mensch glaubt verrückte Sachen, wenn er das Ende nahen sieht.

Früher hießen Ausländer Maik und sprachen sächsisch

Wenn Frauen endlich wieder ordentlich gebären und kochen, wenn Homos nicht heiraten dürfen, und alle Menschen, die nicht weiß aussehen, zurück in ihre Länder geschickt werden, dann wird es wieder so wie in meiner Jugend. In den Sechzigern, oder Fünfzigern, mögen Sie denken. Damals, als ich Kind und unendlich war. Als Mutter kochte und Vater nicht mit mir sprach und die Apfelbäume so schön blühten. Als es einen Schwulen im Ort gab und keine Lesben, und der einzige Ausländer hieß Maik und sprach sächsisch.

Ich verstehe heute alle. Ich mag sie auch. Sie rühren mich, die Menschen, wenn die Sonne scheint und der Winter naht. Wenn sie stolz auf irgendetwas sind, wenn sie mit ihren Hündchen spazieren gehen, in Chören singen, Geige spielen, ernsthaft und sorgfältig Dinge herstellen, wenn sie allein im Regen an Bushaltestellen sitzen, oder sich freuen, weil irgendwelche verdammten Blumen blühen. Die Möglichkeiten, Menschen zu mögen, sind jeden Tag vorhanden. Man muss nur einmal nicht im Netz nach Bosheit suchen, in den Zeitungen Bosheit finden, nur die Sonne ansehen und sich freuen, dass im Umkreis von einem Kilometer alles noch in Ordnung ist. Dass vielleicht alles nicht so schlimm wird.

So eine kleine Pause, in der es angenehm ist, Teil von Milliarden zu sein, die fast alle dasselbe wollen: ihre Ruhe.

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