Fotostrecke

Xaivier Naidoo: Der Erweckungs-Säusler

Foto: dapd
Georg Diez

S.P.O.N. - Der Kritiker Vom Popstar zum Populisten

Verschwörungstheorien, Demokratiefeindlichkeit, Nationalismus: Xavier Naidoo glaubt, Deutschland sei "immer noch besetzt" und werde von Pädophilen bevölkert.

Xavier Naidoo ist ein Erweckungs-Säusler mit einem gläubig-treuen Millionenpublikum; er ist auch, wie sich jetzt herausgestellt hat, ein politischer Irrläufer, der für neue rechte Überzeugungen steht.

Hinter all dem Schmuse-Schmarrn, der seine Musik schon immer schwer erträglich gemacht hat, hinter all dem Gottes-Gewimmer, das in atheistischen Zeiten schon als Glauben durchgeht, hinter all dem Ich-singe-wie-Deutsche-sich-Soul-vorstellen-Klimbim steckt ein Mensch, der sich aus seinen Ressentiments eine Weltanschauung gezimmert hat. Bei dieser werden Verschwörungstheorien, Demokratiefeindlichkeit, Nationalismus, Antiamerikanismus, Antikapitalismus und Friedensgeraune zu einer dunklen Suppe verrührt, wie sie auf den neurechts-gekaperten Montagsdemonstrationen seit Monaten serviert wird.

Da steht er  also zum Beispiel auf einem feuerroten Spielmobil mitten in Mannheim, es war wohl am Freitag der Vorwoche, und philosophiert so vor sich hin : "Hat Deutschland eine Verfassung? Ist Deutschland noch besetzt? Tut die NSA gar nichts Verbotenes, sondern darf er das eigentlich sogar, weil die Deutschen es ihr per Gesetz erlauben? Weil wir eigentlich gar kein richtiges Land sind. Weil wir immer noch besetzt sind."

Das sind die Gedanken und Codes, die in der alten Bundesrepublik in rechten Kreisen herumgereicht wurden, das ist der Lackmus-Test für politische Dummheit, der heute noch gilt: Sind wir befreit worden 1945 oder haben wir den Krieg verloren? Und nur wenn wir den Krieg verloren haben, wenn die Alliierten uns also keinen Gefallen damit getan haben, dass sie Hitler besiegten, nur dann macht das Gerede überhaupt Sinn, dass Deutschland "immer noch besetzt" ist.

Im Gleichklang mit den "Reichsbürgern"

Es ist das Denken, das die sogenannten "Reichsbürger" seit einiger Zeit verbreiten, es ist etwas, das sich Xavier Naidoo nicht gerade erst ausgedacht hat. Schon 2011 platzte es aus ihm heraus, mit aufgestauter Wut, bei einem harmlosen Interview im Morgenmagazin  der ARD - ob er sich frei fühle in Deutschland, wurde er gefragt, weil das Lied, das es zu promoten galt, eben "Freiheit" hieß, und Xavier Naidoo stieß hervor: "Aber nein, wir sind nicht frei, wir sind immer noch ein besetztes Land! Deutschland hat noch keinen Friedensvertrag und ist dementsprechend auch kein echtes Land und nicht frei."

Die Angestellten des konfliktfreien öffentlich-rechtlichen Rundfunks waren natürlich sofort so erschrocken, dass sie zwar noch "Zwei-plus-Vier-Vertrag" stammelten, der die Nachkriegszeit offiziell beendet hat, und dann weitermachten mit ihrem gedankenbefreiten Dauergeplauder - aber um solche Finessen geht es jemandem wie Xavier Naidoo eh nicht: Er ist unterwegs mit seiner Mission, und die richtet sich, im Gleichklang mit den "Reichsbürgern", gegen Deutschland in seiner gegenwärtigen Form und Gestalt.

"Die Politik ist nicht an allem schuld, das ist natürlich Quatsch", heißt es schon 2009 in dem Song "IZ on" von Naidoos Band "Söhne Mannheims", "doch schuldlos ist sie auch nicht und manches ist echt krass" - bevor im Refrain Klartext folgt: "Jetzt geht's los" und "Nehmt eure Hände aus dem Schoß" und "Jungs, wir schlagen los" und "Das Biest bekommt den tödlichen Stoß".

"Taxi Driver"-haftes Aufräumer-Gemucke

Kein Wunder, dass zum Beispiel ein Video der Vereinigung "Schüler gegen Gehirnwäsche" , das von reichsbund.org auf YouTube gestellt wurde und so gut wie alle antimodernistischen, antizivilisatorischen, antisemitischen Klischees durchbuchstabiert, mit diesem Song hinterlegt ist - die Message ist angekommen.

Und so ist Xavier Naidoo eben auch ein Beispiel dafür, wie sich Gedanken des christlichen und sonstigen Fundamentalismus in den Mainstream schleichen und wie sie sich dort verbreiten: "Ich schneid euch jetzt mal die Arme und die Beine ab, und dann ficke ich euch in den Arsch, so wie ihr es mit den Kleinen macht", heißt es in dem Song "Wo sind", den er 2012 gemeinsam mit dem Rapper Kool Savas als Hidden Track veröffentlichte, nach ein paar Minuten Stille auf dem Album, für die Wissenden und die Suchenden also.

"Ich bin nur traurig und nicht wütend", so geht es weiter in einer Mischung aus Homophobie und Heilsfantasien, aus "Taxi Driver"-haftem Aufräumer-Gemucke und dem Furor des Kleinbürgers. "Trotzdem würde ich euch töten. Ihr tötet Kinder und Föten und ich zerquetsch euch die Klöten. Ihr habt einfach keine Größe und eure kleinen Schwänze nicht im Griff. Warum liebst du keine Möse, weil jeder Mensch doch aus einer ist? Wo sind unsere Helfer, unsere starken Männer, wo sind unsere Führer, wo sind sie jetzt?"

Ja, Xavier, willst du nicht einer dieser Führer sein?


Korrektur: In einer ersten Version dieses Artikels wird auf ein Konzert Xavier Naidoos in Mannheim Bezug genommen, das an einem Montag stattgefunden habe (also am 18. August 2014). Tatsächlich trat er an einem Freitag auf (am 15. August). Wir bitten diesen Fehler zu entschuldigen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.