Yves-Saint-Laurent-Ausstellung Die Schamlosigkeit Marokkos

Seine Asche ließ das Modegenie Yves Saint Laurent im Garten seiner Villa in Marrakesch verstreuen. In dem Anwesen ist jetzt die Ausstellung "Yves Saint Laurent et le Maroc" zu sehen, die ihm sein Lebensgefährte Pierre Bergé eingerichtet hat.


, die alte marokkanische Wüsten- und Königsstadt am Hohen Atlas, gilt seit Jahrzehnten als geheimnisvolles Reiseziel, und seit König Mohammed VI. den Tourismus fördert und Billigfluglinien auf dem neuen Flughafen landen, zählt man in der "roten Stadt" wachsende Touristenzahlen. Garantiert alle Reisenden besuchen den berühmten Dschamaa-el-Fna-Platz mit seinen offenen Garküchen, Feuerschluckern, Schlangenbeschwörern, Musikern und Geschichtenerzählern.

Und fast alle besuchen den Jardin Majorelle, den der französische Maler Jacques Majorelle in den zwanziger Jahren auf einem öden Grundstück angelegt und mit Springbrunnen und Wasserläufen, Seerosen, seltenen Kakteen, Palmen, Bambusbäumen und Bougainvilleen in einen subtropischen Park verwandelt hatte, der jedermann offen stand. Bis zu seinem Unfalltod 1962 arbeitete er in seinem kobaltblauen Atelier und wohnte nebenan in einer Villa.

Ein Ort, der dem verlorenen Paradies seiner Kindheit glich

Danach verkam der Majorelle-Garten, bis Yves Saint Laurent und dessen Lebensgefährte Pierre Bergé den Garten 1980 kauften und restaurierten, im Atelier ein Museum für ihre Sammlung islamischer Kunst einrichteten und in Majorelles Haus einzogen. Bis zu seinem Tod vor zwei Jahren bewohnte Saint Laurent die "Villa Oasis", und Bergé verstreute dort, im privaten Teil des Gartens, am 11. Juni 2008 die Asche seines Lebensgefährten.

Hier, im ausgeräumten Museum, hat Bergé die wunderbare Ausstellung "Yves Saint Laurent et le Maroc" eingerichtet, klein und präzise mit 44 Haute-Couture-Kleidern, die unter dem Einfluss der nordafrikanischen Kultur entstanden sind. Und mit nie gezeigten privaten Fotos aus Marrakesch, die Bergé handschriftlich kommentiert hat.

Für Saint Laurent war Marrakesch seit 1966 eine Ersatzheimat geworden. Damals war er mit Bergé zum ersten Mal in die Hochburg des Hippie-Jetsets gereist, weil er auf der Suche nach einem Ort war, der dem verlorenen Paradies seiner Kindheit gleichen sollte. Denn Yves Henri Donat Mathieu-Saint Laurent war am 1. August 1936 in der algerischen Hafenstadt Oran geboren und dort in einer wohlhabenden Familie aufgewachsen. Er war als 18-Jähriger für die Teilnahme an einem Designerwettbewerb nach Paris gegangen, hatte drei Preise gewonnen und war gleich Assistent bei Christian Dior geworden. Als der im Oktober 1957 starb, übernahm Saint Laurent das Haus Dior und zeigte drei Monate später seine erste Kollektion, für die er als Retter der französischen Mode gefeiert wurde.

Damals hatte er seinen Geliebten Pierre Bergé kennengelernt, mit dem er fünfzig Jahre verbringen würde und mit dem er kurz vor seinem Tod eine amtlich besiegelte Lebensgemeinschaft einging. Bergé, selbstsicher und weltgewandt, sorgte später dafür, dass Saint Laurent nach einem Militär-Debakel, der anschließenden Psychiatrie-Einweisung und seiner Entlassung bei Dior 1962 sein eigenes Modehaus eröffnen konnte und mit seinen Haute-Couture-Kollektionen zum gefeiertsten und wichtigsten Modeschöpfer der Welt wurde.

Das alles war von Krisen, Erschöpfung, Zusammenbrüchen und obsessiven Drogenexzessen begleitet - ein Grund mehr für die Suche nach einem Rückzugsort, an dem Saint Laurent unbeobachtet leben und arbeiten konnte. Dass Marrakesch dieser Ort war und Saint Laurent dort glücklicher, kreativer und auch obsessiver als überall sonst auf der Welt war, weiß man aus seinen erst kürzlich bekannt gewordenen Marrakesch-Tagebüchern.

Das zeigen auch die privaten Fotos aus Marrakesch im ersten Raum der Ausstellung: das erstes Haus in der Medina, der junge Saint Laurent mit nacktem Oberkörper oder im weißen Kaftan auf der Terrasse, die Hunde, die Hausangestellten, Saint Laurent in Jeans auf dem Dschamaa-el-Fna, lachend im Rosengarten, strahlend auf dem Land neben einem Esel, entspannt beim Picknick in kurzen Hosen. Mit Kindern, mit Bergé, unbekannten Freunden und mit bekannten wie Paul und Talitha Getty, Andy Warhol, Loulou de La Falaise, den Jaggers oder Catherine Deneuve. Daneben Zeichnungen der Haus-Interieurs und Kleider-Skizzen.

Kleider aus braunen Holzperlen, Umhänge aus orangenen Bastkaskaden

Eröffnet wird die folgende Haute-Couture-Schau in drei Sälen mit einem sensationellen roten Seidenrips-Cape, das mit lila Bougainvillea-Blüten übersät ist, über einem jadefarbigen Chiffonkleid mit orangenem Musselin-Gürtel. Dann der "Moroccan Inspiration"-Saal: 13 Roben. Karamellfarbenes Leder mit purpurnen Posamenten, Goldlamé-Blusen, elfenbeinfarbene Haremshosen, rote muslimische Djellabas mit Goldborte, wollene Capes und Westen, geflochtene Gürtel und Fez-artige Hüte auf allen Puppen. Im sensationellen "African Dreams"-Raum steht unter einem leuchtenden Sternen-Firmament die berühmte "afrikanische" Kollektion von 1967: Kleider aus braunen Holzperlen, aus gelber Seide mit bunter Glasperlenstickerei, Umhänge aus orangenen Bastkaskaden, gehäkelter Bast zwischen Seide, Röcke aus farbigen Seidendrucken, Armreifen aus Bein und Frisuren, die jeden Punk in den Schatten stellen.

Und dann die 20 Roben in "Colours of Morocco": ein Feuerwerk aus Gelb, Rot, Blau, Pink, Fuchsia, Orange. Und Schwarz und Gold. Pink zusammen mit Gelb und Rot an einem Kleid, orientalisches Blau mit hellem Grün, Kleider mit Chiffon-Schleiern, aus dünnem Organza mit festem orientalischem Cape; Mohair-Jacken, geschmiedete und geflochtene Gürtel, Umhänge aus Paradiesvogel-Federn, und wieder ein rotes Cape, dieses Mal mit Bougainvillea-Blüten bestickt. Schwerelose und feste Stoffe hat Saint Laurent weben lassen und sie meisterhaft so geschnitten, dass sie sich dem Körper anpassen, ihn umschwingen und umschmeicheln. In einem Film führt ein Model einige Kleider in der Villa Oasis vor, und man hört den Meister sagen, dass er in Marrakesch seine Liebe zur Farbe entdeckt habe, weil man "an jeder Straßenecke Männer und Frauen in rosa, blauen, grünen und violetten Kaftans" sähe.

Drei Kleider sind aus seiner legendären 1990er-Kollektion, für die er gefeiert wurde und nach der er seinen schlimmsten Absturz erlebte, weil ein Brand viele seiner persönlichen Dinge vernichtet hatte. Yves Saint Laurent verkroch sich in Marrakesch, trank täglich zwei Flaschen Whisky und nahm jede Droge. Aber trotz Exzess, Entziehung und Rückfall entwarf er seine Kollektionen mit traumwandlerischem Genie bis zu seinem Rücktritt aus seinem Mode-Imperium am 7. Januar 2002.

Seinen "Wagemut", den er an den Tag legte, verdanke er Marokko, "der Schamlosigkeit und dem Feuer dieses Landes". Die Kultur sei seine eigene geworden, und er habe sich nicht damit zufrieden gegeben, sie in die Mode zu importieren. "Ich habe sie annektiert, adaptiert und verändert", sagte Saint Laurent in den achtziger Jahren in einem Interview mit "Paris Match".

Und das ist so wunderbar an dieser Ausstellung in Marrakesch: Man geht raus und sieht auch heute noch, was er meinte - an den Straßenecken, in den Souks und sogar auch ein bisschen an Susan Sarandon, die wirklich auf dem Dschamaa-el-Fna-Platz vor einer großen Public-Viewing-Kinoleinwand steht und in einem roten, glitzernd besticken Kaftan zu ihren marokkanischen Fans spricht.


Ausstellung
"Yves Saint Laurent et le Maroc". Bis 18.3.2011. Marrakesch. Jardin Majorelle. Infos auch Fondation Pierre Bergé und Yves Saint Laurent.

Begleitendes Buch:
Pierre Bergé: "Yves Saint Laurent. Une passion marocaine". Èditions de La Martinière, Paris. 27 Euro.



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sukowsky, 14.12.2010
1. Im Dunst des Getränks geschaffen hat
Na was wohl bleibt, dass er 2 Flaschen Whisky am Tage getrunken hat und schon erstaunlich was er im Dunst des Getränks geschaffen hat -- aber ist allerdings nichts bleibendes.
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