ZDF-Krimi "Mord am Meer" Verrat als Reflex

Ein ermordeter Ex-Terrorist, ein Stasi-Spitzel, eine verhängnsivolle Affäre: Mit dem Krimi "Mord am Meer" wagt sich das ZDF heute Abend in ein düsteres Kapitel deutsch-deutscher Geschichte - und beweist, dass sich Unterhaltung und Gesellschaftskritik nicht ausschließen.

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"Mord am Meer"-Darsteller Ferch, Uhl: Identitätspoker im Verdrängungsalltag

"Mord am Meer"-Darsteller Ferch, Uhl: Identitätspoker im Verdrängungsalltag

Der Mord geschieht am äußersten Rand des Landes, direkt am Deich, wo die Schafe grasen und die Möwen singen. Ein Pastor absolviert seinen Dauerlauf, hört aus einem einsam gelegenen Reetdachhäuschen Mozarts "Zauberflöte" schallen. Arg aufwühlende Klänge für einen Morgen im tauüberzogenen norddeutschen Nirgendwo. Als der Pastor verwundert in das Haus eintritt, findet er die Leiche eines Mannes, der mit einem Kopfschuss hingerichtet worden ist. Die Wiederholungstaste des CD-Players ist gedrückt, wahrscheinlich lief die Oper die ganze Nacht.

Die Bluttat, mit der das ansonsten ohne Effekthascherei ins Bild gesetzte Krimi-Drama "Mord am Meer" eröffnet wird, kommt als bizarre Inszenierung daher. Da darf man seinen Assoziationen freien Lauf lassen - auch wenn sie in Kapitel der Zeitgeschichte führen, die als weithin abgearbeitet gelten. Der Schah zum Beispiel ergötzte sich bei seinem Berlin-Besuch 1967 an einer Aufführung der "Zauberflöte", als draußen bei den Studentenprotesten vor der Oper Benno Ohnesorg erschossen wurde. Der Tote am Deich war einst RAF-Mitglied, eine Verbindung liegt nahe.

Deutsch-deutsche Düsternis

Am Tatort streiten sich zwei Beamte, die auf den ersten Blick sehr unterschiedlich wirken, um die Ermittlungskompetenzen. Da ist Anton Glauberg (Heino Ferch), der es trotz vorhandener Fähigkeiten nicht weiter als bis zum nächstgelegenen Kriporevier in Husum gebracht hat. Ein norddeutscher Til Schweiger, der nicht ganz ohne Grund verschlossen ist: Der Tote war sein Halbbruder, und zur "Zauberflöte" fallen ihm neben Ohnesorg noch ganz andere Bezüge zum Bewaffneten Kampf ein. Aber über die redet er lieber nicht. Und da ist Paula Reinhardt (Nadja Uhl), eine junge BKA-Streberin aus Ostdeutschland, eloquent, jovial, ein bisschen überheblich. Sie verbindet mit der "Zauberflöte" ebenfalls weitere zeitgeschichtliche Begebenheiten, darüber schweigt auch sie.

Schauspielerin Krumbiegel: Exzellente Resignation

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Der Mord am Rand des Landes führt direkt in die düstersten Kapitel der deutsch-deutschen Geschichte: Es geht um Väter und Töchter, um verratene Kinder und fremde Brüder, um die RAF und die Stasi. Der ermordete Ex-Terrorist war einst in die DDR geflohen und lebte dort unter falscher Identität. Die beiden Ermittler reisen also zwecks weiterer Untersuchungen nach Berlin, und so wie sie allmählich die eigenen Tarnungen und Täuschungen aufgeben, so entblättert sich vor den Zuschauern langsam, aber unaufhaltsam die Monstrosität der Geschichte.

Eigentlich passiert in "Mord am Meer" über weite Strecken nicht viel anderes, als dass Menschen beim Reden gezeigt werden. Regisseur Matti Geschonneck und Autor Thomas Kirchner halten sich weitgehend an die Romanvorlage von Ulrich Woelk, die unter dem (aus rechtlichen Gründen für das Fernsehen nicht übernommenen) Titel "Die letzte Vorstellung" recht erfolgreich war.

Woelk lässt die beiden Kripo-Beamten in seinem Buch auf Informanten und alte Bekannte treffen, auf ehemalige APO-Aktivisten und Stasi-Funktionäre, auf Mitläufer und Anstifter. Es wird über verlorene Ideale und unverhohlenen Pragmatismus gesprochen, über die eigenen Versteckspiele und den Verrat der anderen; es werden Lügen legitimiert und Legitimationen als Lüge entlarvt. Vergangenheitsbewältigung nennt man das wohl.

Nach der Veröffentlichung des Romans vor drei Jahren wurde Woelk der Vorwurf gemacht, er begegne allen Protagonisten mit Verständnis. Das stimmt nicht. Er lässt sie in langen Dialogen einfach nur so sprechen wie Menschen das eben tun, wenn sie ihr Handeln rechtfertigen wollen. Nicht der Schriftsteller wirbt für Verständnis, seine Figuren tun es für sich selbst. Dabei lässt sich dann eine Menge über sie lernen.

Pointierte Mentalitätsgeschichte

"Mord am Meer"-Darsteller Mellies: Geheimdienst als Finanzmotor

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Regisseur Geschonneck hat gut daran getan, die ruhige episodische Struktur des Romans zu übernehmen, und man muss den Redakteuren des ZDF Lob dafür aussprechen, dass sie ihn gewähren ließen. Der Montagabend hat sich ja beim Zweiten als Sendeplatz etabliert, auf dem das Krimiformat mit brisanten gesellschaftspolitischen Inhalten aufgeladen wird, ohne die dort gezeigten Filme zu Event-Movies hochzujazzen. Die Untersuchungen in "Mord am Meer" wird zur pointierten mentalitätsgeschichtlichen Recherche. Geschonneck, der mit TV-Melodramen wie "Wer liebt, hat Recht" oder "Liebe Schwester" Lebenslügen in familiären Zellen demontierte, entlarvt hier deutsch-deutsche Staatskrisengewinner und Politphlegmatiker gleichermaßen.

Die Darsteller setzen das Anliegen perfekt um: Manfred Zapatka spielt einen alten Kommunarden, der inzwischen für viel Geld Lifestyle-Bildchen knipst, aber vom großen Fotoband über Ex-Terroristen aus seinem alten Umfeld träumt. Ulrike Krumbiegel ist als resignierte Ostdeutsche zu sehen, die, nach der damaligen Flucht des jetzt ermordeten RAF-Mitglieds in die DDR, mit ihm verheiratet war - ohne seine terroristische Vergangenheit auch nur zu erahnen. Für die Stasi schrieb sie fleißig Aufsätze über ihren Gatten, von dem sie eigentlich gar nichts Relevantes zu berichten wusste. Der Verrat als Reflex. Und Otto Mellies, um ein letztes Mitglied des durchweg exzellenten Ensembles zu nennen, gibt einen ehemaligen Stasi-Oberst, der für die Einschleusung von RAF-Kämpfern in die DDR zuständig war - für ihn ein ganz normaler deutsch-deutscher Vorgang wie der Devisenhandel mit der BRD. Der Geheimdienst als Finanzmotor.

TV-Ermittler Ferch: Schwerfällig im Identitätspoker

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Unter diesem lakonischen Verdrängungs- und Rechtfertigungsalltag tut sich nun eben ein ungeheuerlicher Plot auf, in den die beiden Ermittler emotional immer ein bisschen stärker verwickelt sind, als sie gerade zugeben. Heino Ferch, als Charakterdarsteller sonst keine Koryphäe, kommt die ihm eigene Schwerfälligkeit bei diesem Identitäts-Poker durchaus entgegen; die stets großartige Nadja Uhl wandelt sich von der schnippischen Karrieristin zur undurchschaubaren Spielmacherin. Sie absolviert mit beängstigender Lässigkeit einen extrem schwierigen Part: Streberin mit Geheimnis.


"Mord am Meer". Krimidrama nach dem Roman "Die letzte Vorstellung" von Ulrich Woelk. Montag, 14. März, 20.15 Uhr, ZDF.



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