ZDF-Projekt "Salon Kitty" Herr Berben und das Nazi-Bordell

Als Köchin eines Nazi-Bordells entkommt eine jüdische Frau dem Holocaust: Welcher Filmproduzent reibt sich da nicht die Hände? Iris Berbens Sohn Oliver will die wahre Geschichte für das ZDF verfilmen. Aber gehört ihm die Story überhaupt?


Im Frühjahr bekam die Bundeskanzlerin Post von Oliver Berben. Es war der 28. April, "Tag des geistigen Eigentums". Der Berliner TV- und Kinoproduzent ("Elementarteilchen", "Das Teufelsweib") sorgte sich um die Kreativwirtschaft. Leider müsse er täglich mit ansehen, wie das "Recht auf angemessenen Schutz unserer Werke missachtet wird", beklagte sich Berben mit anderen Kultur-VIPs bei Angela Merkel. Sie empörten sich über Raubkopien und zeigten ein Herz für Kreative, denen eine "faire Entlohnung" vorenthalten werde.

Claus Räfle ist so ein Kreativer. Und er hat so einen Fall gerade erlebt. Mit Oliver Berben. Es ist die Geschichte der schleichenden Entwendung einer Idee.

Räfle ist Filmemacher aus Berlin mit einem Gespür für skurrile Stoffe wie jene Geschichte über die Rettung einer Jüdin, die in dem Berliner "Salon Kitty" überlebte, einem Bordell für Nazi-Größen.

Räfle hatte den Stoff 2005 der Firma Moovie angeboten, einer Tochter der Constantin Film AG. Dort zeigte man sich begeistert, ließ Räfle an Entwürfen tüfteln - um den Stoff am Ende fürs ZDF zu entwickeln, ohne den Autor. Chef der Firma Moovie ist Oliver Berben.

Räfle bekam für seine Arbeit von Berben bisher keinen Cent, dafür aber Post von Berbens Anwalt. Der riet ihm kürzlich sinngemäß, er solle aufhören, sich beim ZDF zu beschweren und von sämtlichen seiner Ansprüche an dem Stoff Abstand nehmen. Ein Urheberrecht an historischen Fakten gebe es sowieso nicht.

Räfle dürfte einen juristischen Streit um den Stoff nicht so lange durchhalten wie der Sohn der Schauspielerin Iris Berben. "Die haben mich komplett ins Nichts laufen lassen", sagt Räfle.

Im März 2005 war er mit der Spielfilm-Idee bei Berben gelandet. Zuvor hatte Räfle bereits eine Dokumentation über den "Salon Kitty" gedreht, die 2004 im RBB ausgestrahlt worden war. Berben sei "begeistert" gewesen, erinnert sich Räfle. Für die Dokumentation über den Edel-Puff, den der Chef des Reichssicherheitshauptamts Reinhard Heydrich seit 1939 für "Gesellschaftsspionage" nutzte, hatte er akribisch recherchiert. Das Liebesnest war einst sogar mit Mikrofonen ausgestattet worden. Während sich oben die braunen Würdenträger amüsierten, wurde das Gesäusel der Bettlägerigen im Keller der Giesebrechtstraße 11 mitgeschnitten. Johannes Heesters, einst zeitweise Mieter bei Kitty Schmidt, erinnerte sich lebhaft daran.

Räfles Spielfilm-Story drehte sich allerdings nicht um den Puff an sich, sondern um einen Randaspekt, auf den er gestoßen war: Unter falschem Namen hatte in dem Bordell offenbar die Jüdin Rosalinde Janson als Köchin überlebt. Der Kriegsveteran Felix Graf Luckner soll Janson in den Kriegswirren einen falschen Pass zugesteckt haben. Räfle grub den Mitschnitt einer NBC-Sendung von 1959 aus, in dem Janson Luckner live für ihre Rettung dankte.

Berben habe der Stoff "elektrisiert", sagt Räfle. Er habe ihm erzählt, dass die Rettungsszene seine Mutter besonders beeindruckt habe.

Doch Räfles Rolle in dem Projekt schrumpelte immer mehr zusammen: Ursprünglich als Co-Produzent und Drehbuchautor vorgesehen, bekam er 2006 nur noch einen dürftigen Werkvertrag zugeschickt. Der sah 5000 Euro "Buy-Out-Vergütung" für die "Übertragung der Nutzungsrechte" vor - "eine geschickt konstruierte Übernahme des Projekts", so Räfle, der nicht unterschrieb.

Da Berben sich aber weiter stark interessiert zeigte, engagierte Räfle im Sommer 2006 noch die Drehbuchautorin Eva von Schirach und arbeitete mit ihr monatelang an einer Dramaturgie. Schirach erinnert sich, Berben habe sie damals per Handschlag euphorisch begrüßt und ermuntert, weiter an der Story zu schreiben. Geld erhielt sie keins. Gegenüber dem SPIEGEL wollte sich Berben nicht äußern. Entsprechende Fragen ließ er wie der zuständige Constantin-Vorstand Martin Moszkowitsch unbeantwortet.

"Ein geschätzter Produzent"

Unterdessen schickte Berbens Firma ans ZDF ein Exposé, das auf dem zehnseitigen Entwurf von Räfle basierte. Damit sollte in Mainz das Projekt vorangetrieben werden. Eine Zustimmung dafür gab es, so Räfle, nicht. Die Gegenseite sieht das offenbar anders.

Beim ZDF stellt Programmdirektor Thomas Bellut erst mal klar, dass Berben "ein geschätzter Produzent" sei. Das mit der Urheberschaft des Stoffes sei für ihn im Moment "kein Thema". Das ganze Projekt werde noch verhandelt. Immerhin weiß Bellut aber, dass er eine "etwas andere Geschichte" haben möchte, eher breiter, auf Graf Luckner zugeschnitten. Kriegsveteran Luckner ist heute weitgehend unbekannt. Daran, dass er mit bloßen Händen Telefonbücher zerreißen und Münzen zerdrücken konnte, werden sich nur wenige erinnern. Ein Auswechseln von Autoren passiere bei solchen Projekten häufiger, so Bellut.

Seit den jüngsten Novellen des Urheberrechts sind aber offenbar immer weniger Drehbuchautoren bereit, derlei hinzunehmen. Die Zahl der juristischen Auseinandersetzungen habe klar zugenommen, so eine Sprecherin des Verbands Deutscher Drehbuchautoren. Ausgerechnet dessen Vorstand Knut Boeser soll nun Räfle als Drehbuchschreiber ersetzen. Das Kitty-Thema sei schließlich ein Weltstoff, so Boeser, der schon in den neunziger Jahren durch Hildegard Knef darauf gestoßen sein will.

Es klingt ein wenig so, wie die Vereinbarung, die Berben vor gut einem Jahr durch einen Constantin-Anwalt mit Räfle schließen wollte. Sie sollte mit dem Satz beginnen, Berben habe die Idee gehabt, einen Kitty-Spielfilm zu realisieren.



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