ZDF-Serie "Das Kanzleramt" Ein Schröder zum Knuddeln

Wirtschaft am Abgrund? Koalition paralysiert? Nicht im ZDF. Dort mendelt sich der brutale Berliner Politikbetrieb zur Idylle, in der ein Kanzler noch Mensch sein darf und Probleme beherrschbar sind. Das macht die zwölfteilige Serie "Das Kanzleramt" nicht eben glaubwürdig – aber unterhaltsam.

Von Lutz Kinkel


"Kanzleramt"-Darsteller Behrendt, Atzorn: Schön wär's gewesen
ZDF/Mathias Bothor

"Kanzleramt"-Darsteller Behrendt, Atzorn: Schön wär's gewesen

Der Forschungsminister (Vadim Glowna) pfeift sich die falschen Pillen rein und ist deswegen ein bisschen gaga: Tagsüber pöbelt er vor laufenden Kameras über die Koalition, abends verprügelt er unschuldige Passanten. Irgendjemand muss den Mann stoppen. Kanzler Andreas Weyer (Klaus J. Behrendt) kommt jedoch gerade erst aus Asien zurück und hat selber Probleme mit der Gesundheit. Auf dem Rückflug hat ein Wirbelsturm seine Maschine so durchgeschüttelt, dass er sich die Rippen schwer geprellt hat. Endlich im Berliner Kanzleramt angekommen, trifft der smarte Mittvierziger seinen Leibarzt. "Verzichten Sie sechs Wochen auf Sex und Rock'n'Roll, dann wird das schon", sagt der Arzt lässig, während sich Weyer mit schmerzverzerrtem Gesicht einen Stützverband über den lädierten Oberkörper zieht.

"Glaubst Du, dass der Leibarzt von Konrad Adenauer in solch' einem Ton über den Kanzler geredet hätte?" fragt Weyer seinen engsten Mitarbeiter, den Chef des Bundeskanzleramtes Norbert Kraft (Robert Atzorn). "Kaum", sagt Kraft. "Und warum suche ich mir keinen neuen Arzt?", fragt Meyer. "Noch ein Schmeichler im Kanzleramt und wir können den Laden dicht machen", antwortet Kraft.

Dieser Dialog ist typisch für "Das Kanzleramt": schnell, amüsant und mit einer Spitze auf den realen Politikbetrieb gewürzt. Das hört und sieht man gerne, auch weil hier nicht irgendwelche Soap-Darsteller dilettieren, sondern ein A-Team deutscher Darsteller antritt: Neben Behrendt und Atzorn sind unter anderem Herbert Knaup als Regierungssprecher und Heikko Deutschmann als verknautschter Redenschreiber mit von der Partie.

Darsteller Behrendt, Hannah Schröder, Knaup: Jede Menge toller Lösungen
DDP

Darsteller Behrendt, Hannah Schröder, Knaup: Jede Menge toller Lösungen

Zwölf Folgen lang bevölkern sie im ZDF "Das Kanzleramt", immer mittwochs zur Primetime um 20.15 Uhr. Dass noch in diesem Jahr eine Fortsetzung gedreht wird, gilt aufgrund der erfolgreichen Screenings vor Redakteuren und Journalisten als sehr wahrscheinlich: Autor Martin E. Süskind und Regisseur Hans-Christoph Blumenberg stecken bereits in den Vorbereitungen. Sollte ihnen das Quotenglück hold sein, könnte sich "Das Kanzleramt" sogar zur TV-Institution verfestigen - das US-Vorbild "West Wing" läuft seit 1999 ohne Unterbrechung.

Und an Stoff mangelt es naturgemäß nicht: In der ersten Folge zum Beispiel geht es nicht nur um desaströse Pressekonferenzen und geprellte Rippen, sondern auch um die Entführung einer deutschen Touristengruppe in Lateinamerika. In dieser Sache ermittelt die neue Abteilungsleiterin Außenpolitik (Claudia Michelsen), eine schöne Intelligenzbestie, der es im Handumdrehen gelingt, den Chef der Entführer festzusetzen. Schließlich hält sich der Bösewicht - was für ein glücklicher Zufall! - gerade in Berlin auf. Auf dem Bildschirm gibt es eben nicht nur Probleme, sondern auch jede Menge toller Lösungen.

Über den Realitätsgehalt der Serie haben sich bereits einige Experten ausgelassen. Horst Teltschik, ehemals Helmut Kohls außenpolitischer Berater, sagte der "Hörzu", im realen Kanzleramt gehe es wesentlich "härter und hektischer" zu: "Es wäre ja positiv, wenn es einen Kanzler gäbe, der sich nach dem neugeborenen Kind seines Mitarbeiters erkundigt. Andererseits weiß ich, dass man für so etwas keinen Kopf hat bei 20 bis 30 Terminen am Tag."

"Kanzleramt"-Schauspieler Katja Heinrich, Michelsen: "Die Uhren ticken anders"
ZDF/Oliver Ziebe

"Kanzleramt"-Schauspieler Katja Heinrich, Michelsen: "Die Uhren ticken anders"

Ähnlich äußerte sich Wolfgang Nowak, zwischen 1999 und 2002 Planungschef im Bundeskanzleramt, im "Stern". Bei der Entführung deutscher Touristen würde normalerweise ein Krisenstab eingesetzt, so Nowak, dass in der Serie die Abteilungsleiterin eine "Bella Block"-Nummer hinlege, sei schlichtweg "Quatsch". Auch der fürsorgliche Umgang des TV-Kanzlers mit seinem durchgedrehten Minister sei unrealistisch: "Alles wird gut, will uns das Fernsehen sagen. Politik aber ist grausam, vor allem zu ihren Repräsentanten. Sie lässt Freundschaft nicht zu."

Die Filmemacher, mit solchen Vorwürfen konfrontiert, nehmen für sich ihren künstlerischen Spielraum in Anspruch. Es könne nicht darum gehen, die "heute-Nachrichten mit anderen Mitteln weiterzuerzählen", meint Produzent Ulrich Lenze von der Cinemedia. Und Martin E. Süskind, Ex-Chefredakteur der "Berliner Zeitung" und Autor von fünf Serienfolgen, sagt: "In der Serie ticken die Uhren natürlich anders. Politische Probleme werden in einem Bruchteil der Zeit, die normalerweise notwendig wäre, gelöst. Alles ist stark verdichtet, verkürzt, sicher auch vereinfacht. Aber das ist eben Fiktion. Wir machen keine Dokumentation über Politik in Deutschland."

Vadim Glowna als Forschungsminister: Fiktion von Fürsorglichkeit
ZDF/Oliver Ziebe

Vadim Glowna als Forschungsminister: Fiktion von Fürsorglichkeit

Und genau dafür sollte sich die Regierung Schröder beim ZDF bedanken. Eine Dokumentation über die Berliner Machtmaschine würde die Zuschauer wahrscheinlich schockieren, die Serie hingegen unterhält und versöhnt. Denn der Zuschauer lernt mit jeder Folge: "Die da oben" sind auch nur Menschen und sie wollen eigentlich nur unser Bestes. Und die Probleme, herrje, die bekommt man schon in den Griff, wenn man nur die Ärmel hochkrempelt. "Schön wär's" sollte auf dem Abspann stehen - in fetten, großen Lettern.



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