ZDF-Serie "Kanzleramt" Schelte von Horst Ehmke

Der Kanzleramtschef von Willy Brandt, Horst Ehmke, SPD, geht mit der neuen ZDF-Serie "Kanzleramt" hart ins Gericht. Statt an der parlamentarischen Demokratie orientiere sich die Sendung am amerikanischen Präsidialsystem und zeige eher einen Präsidenten als einen Bundeskanzler.


 Vom Tatortkomissar zum Bundeskanzler: Hauptdarsteller Klaus J. Behrendt
DDP

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Politikerschelte im Zeichen des Realismus: Für Ex-Kanzleramtschef Horst Ehmke ist die neue Polit-Serie des ZDF zu amerikanisch. Zwar ließen sich bei einem Kanzler mit der Macht eines US-Präsidenten "viel bessere Stories bauen". Mit der Wirklichkeit habe das aber nichts zu tun, so Ehmke heute im Deutschlandfunk.

"Das Parlament ist ganz an die Ecke gedrückt, der Kanzler ist fast Präsident und die Leute benehmen sich so, als ob sie im Weißen Haus wären", sagte Ehmke. Auch in einem Spielfilm müssten die Tatsachen stimmen. Institutionen und Abläufe dürften nicht in einer Weise geschildert werden, "wie sie gar nicht passieren können, sondern wie sie passieren könnten".

Insbesondere stieß Ehmke die Darstellung der Leiterin der auswärtigen Abteilung auf, die im Film einem peruanischen Rebellen nachstellt. "Das ist völliger Quatsch", monierte er. In der Realität behandle das Auswärtige Amt solche Fälle, wie bei den Sahara-Entführungen zu sehen war. Mit der filmischen Darstellung werde so getan, als ob die Frau in einem "Überkanzleramt" arbeite. "Das darf in guter Unterhaltung nicht passieren", betonte er.

Wirtschaftsminister Clement mit Journalisten vor dem Kanzleramt: Medien-Menschelei versus Alltagshärte
AP

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Auch die Figur des Forschungsministers, der tablettenabhängig nächtens in Schlägereien gerät, findet Ehmkes unrealistisch. Die Reaktionen des ZDF-Kanzlers und seiner Mannschaft die Entgleisungen stellten das Kanzleramt "eher als Selbsthilfegruppe" dar. Die Sendung sei "menschlich gut gemeint, aber ich fürchte, es menschelt so sehr, dass es die politischen Probleme verniedlicht".

Lob gibt es von Ehmke allerdings für die Schauspieler. Diese seien "erste Klasse", so der Ex-Kanzleramtschef. Und selbst an den als nordrhein-westfälischen "Gutmenschen" bekannten Klaus Behrendt "gewöhnt man sich als Kanzler".

Kanzleramt am Tag der Offenen Tür: Rieseninteresse der Bürger
AP

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Die Serie war gestern Abend Quotensieger in der Prime Time. Die erste Folge hat laut ZDF rund 4,9 Millionen Zuschauer vor die Bildschirme gelockt und damit einen Marktanteil von über 15 Prozent erreicht. "Eine Quote, die auf Fernsehspielniveau und über unseren Erwartungen liegt", sagte ein ZDF-Sprecher.



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